Begegnung mit leiblichen Vater

Prozess ums Flughafen-Baby: Mutter schreibt Brief aus dem Knast

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­Soraya Y. vor Gericht. Rechts: die Flughafentoilette, wo das Baby gefunden wurde.

Landshut - Dramatisches Wiedersehen im Gericht: Erstmals seit Ende Juli 2015 haben sich die angeklagte Mutter des Flughafen-Babys und der leibliche Vater wieder gesehen. So lief es ab.

Dramatisches Wiedersehen im Gericht: Erstmals seit der Entbindung ihres Babys in der Flughafentoilette im Erdinger Moos traf die angeklagte Mutter Soraya Y. (24) am Freitag auf den leiblichen Vater des Kindes. Doch Mechaniker Tim W. (21) gab sich seltsam unberührt vom Schicksal seiner Tochter: „Als sie mir aus Dubai schrieb, dass sie schwanger sei, antwortete ich ihr, dass ich kein Interesse hätte, die Beziehung wieder aufzunehmen. Ich würde mich aber gern mit dem Kind beschäftigen wollen.“ Dafür hat der junge Mann, der immer nur ohne Kondom mit Soraya Y. schlief und ihren dicken Bauch auf Wassereinlagerungen zurückführte, bisher aber nichts unternommen: „Ich möchte erst mal den Prozess abwarten und dann vielleicht Amelie mal sehen.“

In einem am Freitag verlesenen Brief an ihre Eltern, den die JVA abfing (rechts), schrieb die wegen versuchten Totschlags angeklagte Erzieherin aus Heidenheim über den Vater ihrer Tochter, er wolle keine Verantwortung übernehmen. Stattdessen träumt sie offenbar von einer gemeinsamen Zukunft mit ihrem Kind und ihrem Verlobten, der am Freitag ebenfalls aussagte. Koch Pascal K. (24): „Sie schrieb mir, dass sie das Baby am Flughafen gelassen habe, bezeichnete es als Fehler und bereue es.“

Alle drei Befunde an Amelie hätten zum Tod führen können

Nach Angaben der Münchner Rechtsmedizinern Bettina Zinka (42) war Amelie lebensgefährlich unterkühlt, litt an Sauerstoffmangel und einem Hirnödem, als sie am 30. Juli 2015 aus der Flughafentoilette gerettet wurde. Jeder dieser drei Befunde hätte allein zum Tod führen können, doch Amelie habe sehr viel Glück gehabt. „Das Kind hat sehr viel weggesteckt und kompensiert“, sagte Zinka.

Bei einer EEG-Untersuchung seien allerdings Anzeichen einer Gehirnlähmung erkennbar gewesen. Eine Prognose, ob Amelie einmal behindert sein werde, wollte die Medizinerin noch nicht abgeben. „Von einer schwersten Hirnschädigung, die sich motorisch und kognitiv auswirken kann, ist nach Angaben der Ärzte in der Kinderklinik auszugehen.“

Nach den Plädoyers könnte bereits am kommenden Dienstag das Urteil fallen. Das Baby lebt inzwischen bei einer Pflegefamilie.

Ihr Brief aus dem Knast

Brief der Angeklagten an ihre Eltern vom 23.8.2015, protokolliert nach der Verlesung vor Gericht am Freitag.

Hallo Mama und Papa,

Ich schreib euch jetzt nur so offen, weil ich ja sonst nie so offen ehrlich schreiben kann, weil alles gelesen wird. Mittlerweile ist ja klar, dass es mein Kind ist. Warum ich so gehandelt habe? Keine Ahnung. Ich habe mir in einer Tour eingeredet, dass ich mit allem allein da stehe. Der Vater hat von Anfang an felsenfest gesagt, er ­übernimmt keine Verantwortung, er will das Kind auf keinen Fall. Ich bildete mir ein, ich würde euch ­enttäuschen. Ihr wart so stolz, dass ich in Dubai bin und mir ein Leben aufbaue. Ich wollte euch nicht ­enttäuschen … Sturkopf … Das war immer schon mein Problem. Wahrscheinlich musste ich erst ins Gefängnis, um zu lernen, dass ihr immer hinter mir steht … Ich ­wollte das Kind in Dubai bekommen und es an einer ­Moschee abgeben. Dass mir am Flughafen die ­Fruchtblase platzte, war nie mein Plan. Bekommst du in Dubai unverheiratet ein Kind, wirst du abgeschoben und darfst nie wieder einreisen. Mit weiten Sachen und ­Klamotten konnte ich verheimlichen, was mit mir los war. Nicht mal beim Rückflug wurde ich gefragt, ob ich schwanger bin. Was in München passiert ist, war ein Riesen-Schock. Ich hatte auf einmal Schmerzen – und dann, zack, war das Kind da. Es gab keinen Mucks von sich, deshalb dachte ich: Fehlgeburt. Ich habe es ­deshalb liegen gelassen. Ich wollte nur weg von da, nach Hause. Ich könnte niemals ein Kind töten. Ich verstehe bis heute nicht, dass ihr zu mir steht … Die ganze Zeit enttäusche ich euch nur. Von einem Mist schlittere ich in den nächsten Mist. Ich könnte mich ohrfeigen für alles, was ich getan habe. Ich habe für meinen Teil ­beschlossen, jetzt Verantwortung zu übernehmen. Ich werde die Kleine übernehmen, das wird wahrscheinlich ein wahnsinniger Kampf werden. Ich will euch danken für den Support. Ihr seid die tollsten und wunderbarsten Eltern der Welt.

tz

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