Unter anderem wegen teurer Miete

Diese Rentnerin (76) braucht einen Job zum Überleben

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Lotte Wagner (76) ist verzweifelt: Auf ihrem Rentenbescheid stehen 1300 Euro, sie muss zusätzlich arbeiten.

München - Mit 76 Jahren sollte Lotte im wohlverdienten Ruhestand sein. Doch die Rentnerin muss auf 400-Euro-Basis arbeiten - um sich irgendwie ihr Leben finanzieren zu können.

An sich hat Lotte Wagner (76) eine hohe Rente. Die ehemalige Verkäuferin und Postbedienstete bekommt nach 33 Arbeitsjahren 1300 Euro pro Monat. „Aber bei den teuren Mieten in München und im Umland ist es nicht möglich, damit im Alter ein würdevolles Leben zu führen“, sagt die Rentnerin. Sie sei ratlos, wie es weitergehen soll: „Ich weiß, es gibt Menschen, die noch weniger haben. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass in unserer Gesellschaft etwas schief läuft“, sagt Wagner.

Die 76-Jährige rechnet vor: Von den 1300 Euro Rente muss sie monatlich 780 Euro Warmmiete für ihre 50-Quadratmeter-Wohnung bezahlen. Das Telefon koste sie pro Monat 70 Euro, der Strom 30 Euro. „Damit bleiben mir 420 Euro – ein Auto ist mit diesem Geld nicht bezahlbar, das habe ich verkauft“, sagt die rüstige Rentnerin. Aber es fallen bei ihr auch jeden Monat Kosten an, die sie kaum verkraften kann. Im Februar waren das zum Beispiel 130 Euro für den Zahnarzt, 180 Euro für die Umbettung der Urne ihres verstorbenen Mannes und 350 Euro für dessen Urnengrab als Miete für die nächsten zehn Jahre. Zudem leidet sie an gesundheitlichen Problemen: „Ich habe Asthma und Hautausschläge, meine Fingernägel brechen mir so tief ab, dass es blutet – um diese Probleme irgendwie in den Griff zu bekommen, musste ich mir Medikamente und Pflegeprodukte kaufen, die die Krankenkasse nicht bezahlt.“

Lotte arbeitet auf 400-Euro-Basis

Um das alles finanzieren zu können, arbeitet sie auf 400-Euro-Basis in einem Altenheim. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich im Repair-Café, wo defekte Gebrauchsgegenstände wieder repariert werden. Sozialhilfe würde Lotte Wagner bekommen, wenn ihre Rente unter 1022 Euro liegen würde. „Aber ich möchte auch auf keinen Fall ein Sozialfall sein, ich bin noch sehr rüstig.“

Mehr als 47 Jahre lang lebte sie in Giesing dank eines jahrzehntelangen Mietverhältnisses für 580 Euro auf 68-Quadratmetern, musste ihre alte Wohnung wegen Feuchtigkeits-Problemen jedoch verlassen. „Ich fand nichts Bezahlbares mehr in der Stadt und zog deshalb nach Söcking bei Starnberg“, sagt sie. Obwohl sie beim Wohnungsamt für eine Sozialwohnung registriert ist – mit Rangstufe I und 108 Punkten – hatte sie kaum Aussichten auf eine geförderte Wohnung.

Zu wenig bezahlbarer Wohnraum in München

„Der Fall der tz-Leserin steht leider für immer mehr Münchner“, sagt Mietervereinspräsidentin Beatrix Zurek. Die Wohnungsnot und hohe Mietpreise bringen mittlerweile auch die Mittelschicht in Bedrängnis, also Familien, Rentner mit einer Durchschnittsrente und Normalverdiener. In München gebe es zu wenig bezahlbaren Wohnraum, stellt Zurek fest. Zu den hohen Wohnkosten kommen noch die deutlich höheren Lebenshaltungskosten.

„Leider hilft den Menschen nicht einmal der Wegzug ins Umland“, sagt Zurek. Die Preise im Speckgürtel ziehen ebenfalls massiv an. „Deshalb kann die Lösung nur sein: bauen, bauen, bauen. Außerdem muss günstiger Wohnraum geschützt und erhalten bleiben.“

Die Stadt habe eine millionenschwere Wohnbauoffensive aufgelegt. Ab 2018 sollen jährlich mindestens 1250 neue Apartments der städtischen Gesellschaften helfen, die angespannte Lage zu verbessern. Zudem sei Luxussanierungen in 19 Gebieten durch Erhaltungssatzungen ein Riegel vorgeschoben. „All das reicht aber noch nicht“, sagt Zurek. Es brauche mehr Finanzmittel von Bund und Land und eine gezielte steuerliche Förderung. Außerdem müssen die Vorschriften und Auflagen, die im Wohnungsbau gelten, abgespeckt werden, um das Bauen insgesamt einfacher und günstiger zu machen.

Susanne Sasse

Susanne Sasse

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