Am Donnerstag treten die Gläubiger zusammen

Sieber: Millionen-Klage gegen Freistaat ?

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Will den Freistaat auf Millionen verklagen: Dr. Josef Hingerl, Insolvenzverwalter der Großmetzgerei Sieber in Geretsried. 

Geretsried - Um viele Millionen Euro geht es am Donnerstag, 10. November, um 9.30 Uhr im Sitzungssaal 3 des Amtsgerichts Wolfratshausen. Hier kommen die Gläubiger der insolventen Großmetzgerei Sieber zusammen. Vermutlich werden sie den Beschluss fassen, den Freistaat auf Schadensersatz zu verklagen.

Dr. Josef Hingerl (68) hat schon viele Insolvenzen erlebt. Die Tölzer Löwen hat er zwei Mal vor der Pleite gerettet, und so manches Unternehmen im Landkreis verdankt ihm seinen Fortbestand. Aber Sieber? Da war alles anders. „In vielen Fällen sieht man das Unheil ja irgendwie kommen. Da geht es einer Firma schlecht und immer schlechter“, sagt er. Ganz anders bei der Geretsrieder Großmetzgerei. „Das war ein regelrechter Blitzschlag. Da wurde eine Firma, die auf dem aufsteigenden Ast war, von einem Moment auf den nächsten zerschlagen.“

Die Insolvenz war praktisch unausweichlich 

Damit spielt der promovierte Insolvenzrechtler auf die Ereignisse Ende Mai an, als das Landratsamt das Unternehmen Sieber zusperrte. Totaler Produktionsstopp, totaler Vertriebsstopp, Aus, Ende, Amen. Von einem Tag auf den anderen durfte keine Brühwurst, kein Wammerl und auch keines der vegetarischen Produkte, auf die sich Sieber neuerdings spezialisiert hatte, das Werksgelände an der Böhmerwaldstraße verlassen. Die Insolvenz, die Geschäftsführer Dietmar Schach wenige Tage später beim Amtsgericht Wolfratshausen beantragte, war unausweichlich.

Das Landratsamt argumentiert mit dem Verbraucherschutz

Das Landratsamt hat die rigorose Maßnahme stets mit dem Verbraucherschutz gerechtfertigt. Es hatte sich nämlich der Verdacht erhärtet, dass ein auf Sieber-Produkten gefundener Bakterien-, genauer: Listerienstamm für eine bis dahin rätstelhafte Grippewelle in Süddeutschland verantwortlich war. Sogar Tote waren zu beklagen. Das Robert-Koch-Institut hatte einen Zusammenhang als wahrscheinlich bezeichnet, die Kreisbehörde handelte.

Ein Appell Hingerls an die Behörden blieb ohne Reaktion

Dem vom Amtsgericht Wolfrashausen bestellten Insolvenzverwalter Hingerl ist es nicht gelungen, Sieber zu retten. Ende September wurden die verbliebenen Mitarbeiter entlassen. Der Appell des Juristen an die Behörden, zum Ausgleich für den von ihnen verursachten Schaden eine Million Euro zu zahlen und eine Bürgschaft von zwei Millionen Euro zu übernehmen, blieb ohne Resonanz.

Der Insolvenzverwalter schrieb zornige Pressemitteilungen

Je mehr die Hoffnung schwand, umso schärfer wurden Hingerls Attacken. Die Bezeichnung „absurd“ war noch eine seiner harmloseren Formulierungen für deren Vorgehen. Zunächst behauptete er, dass das Landratsamt nur willfähriges Werkzeug der Politik gewesen sei, die um jeden Preis vermeiden wollte, dass sich ein Desaster wie Müller-Brot oder Bayern-Ei wiederholt. Dann warf er dem Landratsamt vor, fahrlässigerweise auch nachpasteurisierte Ware aus dem Verkehr gezogen zu haben, also Produkte, die nachträglich erhitzt wurden und deshalb garantiert keimfrei gewesen wären. Andernfalls, so Hingerl, wäre Sieber leicht zu retten gewesen. Vergangene Woche legte er noch einmal nach: Nach seiner Darstellung wurden Ergebnisse vertauscht, eine im Werksverkauf in Geretsried genommene Probe (für die höhere Grenzwerte gelten) sei schlampigerweise dem Produktionsbereich zugeschlagen worden. Es war nur konsequent, dass er in derselben Pressemeldung mitteilte, die Klageschrift sei fertig.

Es dürfte etwa 100 Gläubiger geben - davon eine große Bank

Nun liegt es an den Gläubigern, ob sie den Rechtsweg wirklich einschlagen und den Freistaat Bayern auf Schadensersatz verklagen wollen. Finanzielle Ansprüche an Sieber haben etwa 100 Gläubiger, eine Bank, ansonsten Arbeitnehmer und Lieferanten. Hingerl vermutet, dass etwa 20 bis 30 ins Amtsgericht kommen werden. Außerdem geht er felsenfest davon aus, dass der Klageweg beschritten wird. „Der Schadensersatzanspruch geht glatt durch, da habe ich null Zweifel.“ Die Versammlung sei angesichts so klarer Sachlage geradezu verpflichtet, der Klage zuzustimmen. „Ein Nein würde sich anfechten lassen“, so Hingerl. „Gläubiger können sich nicht einfach gegen die Interessen der Firma stellen.“

Der Schaden liegt wohl bei mehr als zehn Millionen Euro

Fest steht: Es geht um viel Geld. Sogar um mehr als zunächst angenommen. Bislang hatte Hingerl stets die Zahl zehn Millionen genannt, jetzt geht er von zwölf bis 13 Millionen an Verbindlichkeiten aus. Das Einzige, was von der Großmetzgerei Sieber übrig ist, ist das Grundstück und die Immobilie sowie ein paar Maschinen. Dass sich da viel Geld rausholen lässt, bezweifelt der Jurist. „Der Zerschlagungswert ist immer deutlich geringer als der Verkehrswert.“

Das Landratsamt ist sicher, richtig gehandelt zu haben

Das Landratsamt gibt sich gelassen. Dort ist man überzeugt, zum Schutz der Verbraucher das einzig Richtige getan zu haben. Das habe das Verwaltungsgericht schon im Juni zweimal bestätigt. Hinter vorgehaltener Hand wirft man Hingerl Wortklauberei und Stimmungsmache vor. Auch das Bayerische Verbraucherschutzministerium schreckt die Aussicht auf eine Millionenklage nicht. „Aus Sicht des Verbraucherschutzministeriums sind die Schadenersatzansprüche gegen den Freistaat Bayern unbegründet. Unabhängig davon steht dem Unternehmen der Rechtsweg offen.“ Darauf wird es wohl hinauslaufen.

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