Messerattacke

Die Stunden vor dem Amoklauf in Grafing

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Das Fahrrad des schwer verletzten Zeitungszustellers.

München - Vor der Messerattacke in Grafing reist der mutmaßliche Täter von Fulda nach München. Dort lief es nicht wie geplant. Wie der Hergang vor dem Amoklauf war.

In den Minuten vor dem Angriff kämpfte Paul H. (27) mit der irrsinnigen Vorstellung, Wanzen an den Füßen zu haben, die ihm eine unerträgliche Hitze verursachten: Ein psychisch kranker Amokläufer (27) aus Hessen hat am frühen Dienstag um 4.45 Uhr am Bahnhof der Kleinstadt Grafing (Landkreis Ebersberg) ein Blutbad angerichtet. Drei Männer (58, 55 und 53 Jahre alt) aus Grafing überlebten die Messerattacke knapp. Der Vierte – ein Wasserburger Familienvater († 56) auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle bei der Regierung von Oberbayern in München – starb an den Folgen des Angriffs in der S-Bahn.

Der barfüßige Täter schrie im Blutrausch mehrfach islamistische Parolen („Allah ist groß“; „Ihr Ungläubigen müsst alle sterben“). Paul H. hatte aber nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts nie eine Verbindung zur Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat (IS) und er hat auch keinen Migrationshintergrund. Vielmehr scheint er sich im Drogenrausch in einen IS-Wahn hineingesteigert zu haben, der sich Dienstagfrüh in einem Amoklauf entlud.

Von Fulda nach München

In seiner hessischen Heimat stieg der arbeitslose Schreiner am Montag in den Zug, fuhr über Fulda nach München. Abends wollte Paul H. in einem Hotel am Hauptbahnhof ein Zimmer mieten. Weil er nur noch zehn Euro hatte, gab er diesen Plan wieder auf. Er ließ seinen Rucksack im Hotel stehen, ging zurück zum Bahnhof und schloss dort Bekanntschaft mit einem Ungarn. Später ging ihm die Situation auf die Nerven. Er holte seinen Rucksack und stieg am Stachus in die nächste S-Bahn – die S4 nach Grafing. Dort stieg er um 1.38 Uhr aus und verbrachte die Nacht in Grafing in Bahnhofsnähe.

Um 4.45 Uhr erreicht die Polizei der erste Notruf. Eine Frau schildert in Panik, dass soeben ein Mann am Bahnhofsvorplatz niedergestochen wurde. Der Täter sei gerade im Bahnhof verschwunden. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Mit seinem Riesen-Kampfmesser (zehn Zentimeter lange und drei Zentimeter breite Klinge) greift der „Allahu Akbar“ brüllende Verrückte in der ersten S4 nach München einen Fahrgast an. Es handelt sich um Siegfried W., der jeden Morgen um 5.01 Uhr die erste S4 nach München nimmt. Der tödliche Stich soll ihn in den Rücken getroffen haben. Blutüberströmt bricht er zusammen. Barfuß rennt der Täter durch die Blutlache, hinterlässt auf dem Bahnsteig eine grauenhafte, rote Fußspur zum Vorplatz, wo er zwei Radfahrer angreift: Zeitungskurier Johann B. (58) befindet sich noch im kritischen Zustand. Die Grafinger Jens O. (43) und Manfred M. (55) liegen mit Schnitt- und Stichverletzungen in der Klinik.

Paul H. wird auf dem Vorplatz festgenommen, leistet keinen Widerstand. Im Gleis verstreut findet die Polizei seinen Rucksack, Papiere und etwas Rauschgift. In der Vernehmungen wirkt Paul H. verwirrt. Laut Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich ermittelt die Staatsamwaltschaft München II wegen des Verdachts des Mordes und des dreifachen Mordversuchs.

Die Trauer und der Schock haben sich wie ein Leichentuch über die kleine Stadt und ihre Bürger gelegt.

Dorita Plange

Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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