Tochter beklagt Zustände

Heim pumpt Mutter mit Psychopillen voll

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Margit G. (r.) mit Mutter Berta.

Freising - Diese ständige Trägheit, dazu die ausdruckslosen Augen. Irgendwann begann Margit G. sich über den Zustand ihrer Mutter richtig Sorgen zu machen.

 „Sie wollte sich gar nicht mehr bewegen, nicht mal im Rollstuhl nach draußen“, erzählt die Freisingerin. Ihre Mama Berta (84) ist leidet an Demenz und wohnt in einem Pflegeheim nahe der Domstadt. „Ich wusste einfach nicht, warum sich ihr Zustand immer verschlechterte.“ Bis es Margit G. reichte: Sie besorgte sich von der Apotheke die Medikamenten-Liste ihrer Mutter. Das schockierende Ergebnis: Über Jahre bekam die alte Dame täglich mehrere Psychopharmaka und obendrein noch ein Beruhigungsmittel verabreicht!

„Meine Mutter wurde regelrecht stillgelegt“, schimpft Margit G. „Und niemand hat mir je etwas gesagt.“ Im Gegenteil: Als die Freisingerin immer wieder nachfragte, was für Medikamente ihre Mutter denn bekomme, hieß es nur: „Das geht sie nichts an! Das bestimmt der Arzt.“

Die „Versorgung“ von Berta R. ist bei weitem kein Einzelfall. Im vergangenen Sommer zeigte ein Studie, dass 51 Prozent aller Heimbewohner in München Psychopharmaka verabreicht bekommen. Viele von ihnen ohne den nötigen richterlichen Beschluss. Der Grund ist oft derselbe: Vor allem Demenzkranke benötigen viel Aufmerksamkeit, sind oft unruhig, teils auch aggressiv. Fehlt nun das nötige Personal, ist es schlichtweg bequem, diese Patienten ruhigzustellen. „Es geht nicht, dass fehlende Pflegekräfte durch Psychopharmaka ersetzt werden“, schimpfte daher bei einer Tagung vor wenigen Monaten Reinhard Nemetz, Präsident des Münchner Amtsgerichts. Und auch KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle betonte vor kurzem in einem Gespräch mit der tz über die Ergebnisse der Heimaufsicht: „Beim Thema Psychopharmaka muss sich die Situation in manchen Einrichtungen noch dringend verbessern.“

Das sieht auch Margit G. so. Besonders da ihre Mutter in Pflegestufe I, also der niedrigsten, eingeordnet wurde. Eigentlich müsste man die demenzkranke Dame mobilisieren, sich viel mit ihr im Haus bewegen. „Genau das wird aber nicht getan“, kritisiert die Tochter. „Meine Mutter braucht Aufmerksamkeit, nicht weitere Tabletten. Und warum wird mir nicht gesagt, welche Medikamente sie bekommt? Ich habe doch die vollständige Vorsorgevollmacht.“ Und tatsächlich: Eigentlich hätte man ihr sagen müssen, was die Mama verabreicht bekommt.

Immerhin: Nachdem sich die Tochter bei der Heimleitung über die „Ruhigstellung“ ihrer Mama immer wieder lautstark beschwert hatte, ist die Dosis heruntergefahren worden. Derzeit bekommt Berta R. nur noch ein beruhigendes Medikament. Die zweifelhafte Begründung: Dieses helfe die Alzheimer-Erkrankung zu verlangsamen. Unglaublich: Vor wenigen Tagen bat die Heimleitung dann um ein Gespräch. Dabei legte man der Tochter nahe, ihre Mutter in ein anderes Heim zu bringen. Der „Vertrauensverlust“ sei einfach zu groß.

Die erschreckenden Zahlen:

 In deutschen Pflegeheimen gehören Psychopharmaka längst zum Alltag. Manchmal sind die Medikamente nötig, um besonders aggressive oder verängstigte Patienten überhaupt behandeln zu können. Aber: Eine große Studie der Universität Bremen hat ergeben, dass von 1,1 Millionen Demenzkranken ein knappes Viertel (genau 240 000 Menschen) zu Unrecht mit Psychopharmaka behandelt werden. Auch die Barmer Ersatzkasse kam bei einer Analyse zu dem Ergebnis: Besonders bei Frauen werden „Tranquilizer, Antidepressiva und Schlafmittel ohne erkennbare therapeutische Indikationen in einer Menge verordnet, die auf Dauer zu erheblichen unerwünschten Nebenwirkungen führen.“ In München zeigte erst im Sommer eine Studie, dass jeder zweite Heimbewohner mit Psychopharmaka behandelt wird. Eigentlich muss diese Medikation immer das Amtsgericht absegnen.

Armin Geier

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