Selbst der Richter geschockt

Eltern misshandeln Baby: 29 Frakturen

Wolfratshausen - Selbst Richter Helmut Berger war geschockt: „Was war eigentlich noch heil an ihm?“, fragte er die Eltern im Prozess. Sie haben ihr wenige Wochen altes Baby schwer misshandelt.

29 Knochenbrüche und schwere Schädelverletzungen diagnostizierten die Ärzte der Haunerschen Kinderklinik vergangenes Jahr an einem Säugling aus Wolfratshausen. Wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen verurteilte das Schöffengericht am Amtsgericht Wolfratshausen den Vater zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis, die schwangere Mutter bekam ein Jahr und zehn Monate, die das Gericht jedoch zur Bewährung aussetzte.

„Das übersteigt jede Vorstellungskraft. Das sind Sachen, die kann man sich nicht ausmalen“, suchte Richter Helmut Berger nach knapp vier Stunden Verhandlung nach Worten für die Misshandlungen, die dem nur wenige Wochen alten Jungen zugefügt worden sein müssen. „Mindestens 29 Brüche an so einem winzigen Wesen – da fragt man sich: Was war eigentlich noch heil an ihm?“ Den Klinikärzten waren bei der Einlieferung des Säuglings Mitte September vergangenen Jahres mit bloßem Auge „eine deutliche Verwölbung des Schlüsselbeins“ sowie Hämatome am Ohr aufgefallen. Der Verdacht, dass dies nur ein Teil der Verletzungen war, bestätigte sich bei einer genauen Untersuchung des kleinen Körpers. Die Liste, die eine Rechtsmedizinerin vor Gericht vortrug, umfasste Brüche des Schulterblatts und des Schlüsselbeins, insgesamt 15 Brüche an elf Rippen, ferner ein gebrochenes Handgelenk, Brüche der Mittelfußknochen an beiden Füßen, einen Bruch des Oberschenkels sowie ein Schien- und Wadenbeinbruch. Hinzu kam eine Hodensackquetschung und massive Hirnsubstanzdefekte. Den Vorsitzenden Richter schüttelte es, als die Ärztin auf Nachfrage, ob sie so etwas schon mal erlebt habe, erklärte: „Ja, aber nur an toten Kindern, noch nie an einem lebenden.“

Die Eltern, ein 25 Jahre alter Wolfratshauser und dessen ein Jahr jüngere Frau, hatten gegenüber der Kriminalpolizei nach anfänglichem Leugnen Misshandlungen eingeräumt. Durch seinen Verteidiger Sewarion Kirkitadse ließ der Mann erklären, er habe sich mit dem Säugling überfordert gefühlt und nicht gewusst, wie er mit ihm umgehen soll. Als der Kleine schrie, habe er ihn kräftig geschüttelt. Davon trug der inzwischen ein Jahr alte Junge die Hirnverletzungen davon, deren Folgen derzeit nicht absehbar sind. Auf das Schütteln sind nach Ansicht der Rechtsmedizinerin auch etliche Knochenbrüche zurückzuführen. Andere Brüche seien hingegen „nur durch Draufschlagen“ erklärbar. Und durch eine „Korrektur einer Fehlstellung des Beines“, wie die Angeklagten zugaben. Beide Elternteile beteuerten, ihren Sohn „nicht mit purer Absicht“ misshandelt zu haben. „Ich konnte mir die Verletzungen nicht erklären. Vielleicht war ich mit den Nerven so am Ende, dass ich ihn grob angefasst habe“, erklärte die Angeklagte, die erneut schwanger ist und der Verhandlung äußerlich völlig emotionslos beiwohnte.

„Sie war überfordert. Mit sich, mit dem Kind, mit der unsicheren Wohnsituation, mit ihrer Beziehung, in der es immer wieder zu Gewalttätigkeiten kam“, suchte Verteidigerin Maria Kirkitadse nach Gründen für die „grausame Tat“ ihrer Mandantin. Dass sie sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hat und das nächste Kind mit Hilfe ihrer eigenen Familie aufziehen will, bewahrte die 24-Jährige vor einer Vollzugsstrafe. Sie muss als Bewährungsauflage „familientherapeutische Maßnahmen“ ergreifen. Der vorbestrafte Mann, der bereits Hafterfahrung hat und im Tatzeitraum unter offener Bewährung stand, muss für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. 

Von Rudi Stallein

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