Transsexualität

Inga wurde Ben: „Als Frau mochte ich kein Bier – jetzt schon“

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Der erste Aufschlag als Mann: Ben Vollbrecht, 29, hat am 12. November das erste Spiel für die Herren des SV Lohhof bestritten. Davor hieß er Inga Vollbrecht und spielte für das Frauen-Team des Vereins.

Ben Vollbrecht wurde 1987 in Berlin als Inga Vollbrecht geboren. Die 1,87 Meter große Volleyballspielerin kam nach Erstliga-Stationen in Berlin und Vilsbiburg 2009 zum SV Lohhof im Landkreis München. Seit diesem Sommer ist Inga offiziell ein Mann. Jetzt spielt Ben für die Landesliga-Männer des Vereins. 

Und, wie war das erste Spiel bei den Männern?

Ben Vollbrecht:  Gut. Meine Frauenaufschläge sind immer noch gefährlich (lacht). Nur das Netz ist halt fast 20 Zentimeter höher, am 2,42 Meter-Netz kam ich mir ziemlich klein vor!

Wann haben Sie zum ersten Mal den Gedanken gehabt: Ich lebe im falschen Körper?

V ollbrecht:  Das war irgendwann 2013. Ich bin beim Zappen an einer Reportage über Transsexuelle hängen geblieben. Da hab ich zum ersten Mal ausgesprochen: „Genau das hab ich mir auch schon immer gedacht!“

Und davor? Hatten Sie nie das Gefühl, „Irgendetwas ist anders mit mir“?

Inga als junge Frau: „Mama wollte immer, dass ich Frauenklamotten trage.“ Privat

V ollbrecht:  Ich habe immer gespürt, irgendetwas stimmt nicht. Irgendwie bin ich nicht so wie die anderen in meiner Mannschaft. Ich bin mit 14 ins Volleyballinternat zum VCO Berlin gegangen, und schon da hab’ ich fast nie etwas mit den Leuten aus meiner Mannschaft gemacht. Irgendwann fing es an mit Weggehen, und dann ging es ja auch ums Herrichten. Die anderen haben mich geschminkt und ich hab mich mega unwohl gefühlt.

In dem Alter werden ja auch Jungs langsam interessant …

V ollbrecht:  Ich habe nie Interesse an Jungs gehabt. Ich fand von der Grundschule an die Mädels toll, aber meine Freunde waren immer Jungs. Mit denen habe ich meine ganze Freizeit verbracht, immer Fußball gespielt. Aber da wächst ja auch noch nix, da ist ja noch alles schön. Und dann ging es halt los… Meine Mama wollte immer, dass ich BH und Frauenklamotten trage. Ihr zuliebe habe ich das phasenweise gemacht. Aber es war irgendwie alles fremd. Wenn ich in den Spiegel geschaut habe, war mir die Person fremd. Ich hab nie mich selber im Spiegel gesehen. In meinen Gedanken sah ich immer anders aus.

Haben Sie zu dem Zeitpunkt schon versucht, herauszufinden, was nicht stimmt?

Blick zurück. Ein weibliches Foto, das Inga noch nie mochte. Bild: Rote Raben Vilsbiburg

V ollbrecht: Ich wusste, ich steh auf Frauen, gut. Das ist jetzt auch nichts Unnormales. Ich hatte auch ein paar lesbische Beziehungen. Aber für mich war klar, ich bin nicht lesbisch. Mit diesem Wort konnte ich mich nie identifizieren. Und dann kam hinzu, dass ich ohne Google groß geworden bin. Im Internat hatten wir kein Internet, Smartphone gab’s nicht.

Der Verein TransMann hat Ihnen geholfen?

V ollbrecht:  Das hat nach dieser Reportage erst mal ein bisschen gedauert, bis ich da hingegangen bin. Ich hab’ mir die Homepage immer wieder angeschaut und gemerkt: Okay, es geht tatsächlich in diese Richtung. Und dann kam irgendwann ein Tag, an dem Probleme im Alltag und so was alles besprochen wurde. Ich bin da hin, war zwei Stunden dort, hab’ gesagt, wie ich heiße und sonst kein Wort. Ich habe nur zugehört.

Und, hat Sie dieses Treffen weitergebracht?

Die ehemalige Erstliga-Spielerin Inga Vollbrecht (r.) kam 2009 nach Lohhof. michalek

V ollbrecht:  Ja! Ich bin nach diesen zwei Stunden raus und hatte das Gefühl von Zugehörigkeit. Das hatte ich genau zwei Mal in meinem Leben: Einmal, als ich zum SV Lohhof gekommen bin und dann da. Da war mir klar: Das musst du jetzt angehen. Ich konnte mich wirklich 100-prozentig mit dem identifizieren, was die alle gesagt haben. Ich war so glücklich wie noch nie zuvor. Weil ich genau wusste, ich habe mein „Problem“ gefunden.

Gab es denn Zweifel?

V ollbrecht:  Am Anfang war ich mir nicht so sicher. In meinem Leben habe ich ja diese Ausbildung gemacht, dann jene Fortbildung, dann habe ich noch mal angefangen zu studieren. Weil ich immer dachte, ich will mein Leben zu 100 Prozent leben, und ich hab’ immer gemerkt, ich bin sehr weit von diesen 100 Prozent weg. Ich war immer irgendwo unzufrieden. Ich wusste aber nie, woran es liegt: Habe ich vielleicht noch nicht den richtigen Job gefunden, der mir taugt? Vielleicht ist es auch der Sport? Weil ich immer ein bisschen dazu gezwungen worden bin, Volleyball zu spielen.

Wie ging es weiter?

V ollbrecht:  Ich war insgesamt nur das eine Mal bei TransMann, habe aber noch mal hingeschrieben und nach einem Psychologen gefragt, den die Kasse zahlt. Den haben sie mir vermittelt, und die Kasse übernimmt zum Glück auch alles andere, denn Transsexualität ist offiziell als „Krankheit“ anerkannt. Also Hormonbehandlung, Brust-OP, später auch die geschlechtsangleichende Operation, die ich noch machen will. Bevor du die ersten Schritte machst, musst du drei Jahre als Mann gelebt haben, obwohl du noch gar keiner bist. Für die Namensänderung brauchst du zwei unabhängige Gutachten, die das bestätigen.

War das für die Gutachter nicht ein kritischer Punkt, dass Sie die drei Jahre nicht offen als Mann gelebt und Frauenvolleyball gespielt haben?

V ollbrecht:  Ich habe mich ja nie richtig als Frau gegeben, sondern lebe mein ganzes Leben schon als Mann. Nur nicht bewusst. Und beim Thema Frauenmannschaft habe ich auch gesagt, dass ich mich zum Beispiel beim Duschen echt unwohl gefühlt habe. Aber ich musste da halt durch.

Wie ging es nach dem Gutachten weiter?

V ollbrecht:  Das habe ich beim Amtsgericht eingereicht, um meinen Namen zu ändern. Damit der Richter auch mal ein Gesicht gesehen hat, muss man da hin. Um 11 Uhr war ich drin, um 11.03 Uhr war ich draußen. Und seit dem 16. Juni 2016 um 11.03 Uhr bin ich offiziell ein Mann und heiße Ben.

Wie sind Sie auf den Namen gekommen?

V ollbrecht:  Es ist echt eine Herausforderung, einen Namen zu finden, der einem gefällt und mit dem man niemand anderen in Verbindung bringt. Amerikanische Namen fand ich ganz cool, aber das hat nie gepasst. Meine Eltern hätten mich Sven genannt, wenn ich ein Junge geworden wäre. Passt auch nicht. Und dann bin ich irgendwann auf Benjamin aufmerksam geworden, früher stand ich zum Einschlafen extrem auf Benjamin Blümchen. Kurzform ist Ben.

Wie haben Sie es Ihrer Familie gesagt?

V ollbrecht:  Ich habe lange gebraucht, meiner Mama zu erzählen, dass ich herausgefunden habe, was mit mir nicht stimmt. Denn man macht sich Gedanken, ob das jetzt wieder nur so ein Hirngespinst ist. Erst, als ich richtig sicher war, habe ich es meiner Mama erzählt. Am Telefon. Sie hat es sich fast gedacht. Ist halt einfach die Mama, egal, was ist, die Mama weiß alles über dich, sogar bevor du es selber weißt!

Und der Rest der Familie?

V ollbrecht:  Meine Oma hatte immer eine Erinnerung an mich im Kopf, als ich als kleines Kind in der Mülltonne gespielt habe. Da hat sie zu mir gesagt: Inga, das macht man als Mädchen nicht! Ich habe voller Überzeugung geantwortet: Ich will auch kein Mädchen sein. Ich will lieber ein Junge sein! Ihr war damals wohl schon alles klar, weil das so grundehrlich war. Der Papa tut sich schwerer. Aber er hat auch gesagt, wenn sie mich hier unten in Bayern mobben oder irgendwas scheiße ist, mein Zimmer ist immer frei und offen für mich. Das war noch, bevor ich mich in Lohhof geoutet habe. Als keiner wusste, wie reagieren die Leute hier.

Wie haben die Leute hier denn reagiert?

V ollbrecht:  Als ich mir sicher war, dass ich den nächsten Schritt gehen werde, also Hormonspritzen, musste ich es dem Vorstand sagen. Der SV Lohhof ist nicht nur mein Zuhause und meine zweite Familie, er ist auch mein Arbeitgeber und hat einfach schon so viel für mich getan. In der Volleyball-Vorstandssitzung war erst mal Schweigen im Walde. Aber es haben alle positiv reagiert. Manche wirkten etwas geschockt, aber so was hört man ja auch nicht jeden Tag. Wir haben dann einfach drüber geredet, ich bin da ein ziemlich offenes Buch. Und dann war es auch in Ordnung. Brigitte Weinzierl (Präsidentin SV Lohhof) war auch so offen, positiv und einfühlsam, das hatte ich nicht erwartet. Es ist einfach sehr beruhigend, wenn vom Arbeitgeber die volle Unterstützung da ist.

Was hat Ihre Mannschaft gesagt?

V ollbrecht:  Der Mannschaft habe ich es während meiner letzten Saison gesagt, nach dem Sonthofen-Spiel, wo wir vor 840 Leuten voll auf die Mütze bekommen haben. Ich dachte nur: Volle Halle, so ein Scheißspiel – und es ist meine letzte Saison! Dass ich jemals bei den Herren spielen würde, wusste ich da noch nicht. Ich wollte der Mannschaft einfach gerne meine Situation sagen, dass wir diese Saison noch genießen sollen. Also hab ich mal kurz tief Luft geholt und raus damit. „Heftig“ und „krass“ ist immer die erste Reaktion. Aber dann kam: „Voll geil!“ Danach hatte ich wirklich das Gefühl, dass alles befreiter war und der Rest der Saison hat mega viel Spaß gemacht. Bis auf mein letztes Spiel, das war ein wenig emotional (lacht). Als wir 22 Punkte hatten und ich vorne am Netz stand, hatte ich schon Tränen in den Augen.

Wie war der Start in der Lohhofer Männer-Mannschaft?

V ollbrecht:  Alle sind sofort auf mich zugekommen und haben mich begrüßt, als ich zum ersten Mal wieder trainieren durfte nach der Brust-OP. Ich war sofort ein Teil der Mannschaft, es hat sich angefühlt, als wäre ich schon öfter da gewesen. Ich war selbst beim Männernetz bei den ersten Blocksprüngen bis Mitte Unterarm über dem Netz. Vielleicht helfe ich den Jungs doch mehr im Angriff...

Die Hormonbehandlung hat voll angeschlagen!

V ollbrecht:  Ja, das merke ich nicht nur an der Sprungkraft: Meine Waden sind dicker, meine Oberschenkel auch, mein Bizeps ist von alleine gewachsen, vom Kreuz bin ich breiter. Der Haarwuchs, das ist echt abnormal an Beinen, Bauch, Brust.

Wie haben Sie sich, mal abgesehen vom Äußeren, verändert?

V ollbrecht: Irgendwann hab ich zu meinen engsten Freundinnen mal gesagt: So, jetzt mal Butter bei die Fische, hab’ ich mich verändert? O-Ton bei allen: Ja! Alle meinten, dass ich innerlich mehr mit mir im Reinen bin. Einfach ausgeglichener und zufriedener. Seitdem ich mich geoutet habe, ist auch die Beziehung zu vielen Menschen viel besser, viel intensiver geworden als vorher. Und ich trinke mehr Bier! (lacht) Das schmeckt jetzt in der Tat auch. Als Frau hat’s mir nicht geschmeckt.

Gab es wirklich niemanden, der Probleme mit der Entscheidung hatte?

V ollbrecht:  Nicht einer! Ich weiß vom Matthias (Kock, Abteilungsleiter SVL Volleyball), dass er von ein paar Leuten angesprochen worden ist, ob ich der Neue bin und was denn mit der Inga passiert ist. Sicher reden die Leute drüber und es gibt bestimmt auch den einen oder anderen, der es nicht gut findet. Aber es kommt nie bis zu mir.

Wie ist das für Sie, über „die Inga“ zu sprechen, wie kommen Sie mit ihr klar?

V ollbrecht:  Inga ist eine dritte Person. Ich hab’ damit überhaupt kein Problem. Ich möchte diesen Teil auch nie vergessen, weil er ja trotzdem zu meinem Leben gehört und mich geprägt hat. Ich weiß, es gibt einige, die auch früher Frau waren und heute Mann sind, die ihr altes Leben komplett verheimlichen und auch kein Wort mehr drüber reden. Aber das mache ich nicht, denn es hat mich ja auch zu dem gemacht, der ich bin. Ben und Inga sind auch befreundet bei Facebook. Ich hab’ erst überlegt, das Profil einfach nur in Ben umzubenennen. Aber da sind die alten Fotos drin und all das. Und ich möchte wirklich neu starten, also hab’ ich ein neues Profil für Ben gemacht.

Wann haben Sie das erste Mal in den Spiegel geschaut und sich selbst gesehen?

V ollbrecht (Zögert): Das war ein bisschen schleichend. Ich habe am 15. Juli 2015 meine erste Hormonspritze bekommen. Und dann hat es schon eine Weile gedauert. Als im Gesicht die Barthaare angefangen haben zu wachsen, kam irgendwann der Moment: Ja – langsam wird’s der, der ich bin. Und seit der Brust-OP im August stelle ich mich oberkörperfrei vor den Spiegel und mir gefällt, was ich sehe. Jetzt schaue ich in den Spiegel und sehe auch wirklich mich.

Interview: Silke Nörenberg

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