Freisinger Forscher im Zwielicht

Wirbel an Institut: Betrugs-Vorwürfe und Razzien

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Die DFA-Forschungsanstalt in ­Freising.

Freising - Ein renommiertes, seit 1918 existierendes Forschungsinstitut steht vor der Insolvenz. Es gibt Betrugs-Vorwürfe, Razzien, lautstarken Streit – und 70 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs.

Trotzdem wird vom zuständigen Bayerischen Wirtschaftsministerium alles unter dem Deckel gehalten. Die Bürger, mit deren Geldern das DFA-Lebensmittelforschungsinstitut in Freising finanziert wird, erfahren nichts.

Für die Angestellten des Instituts (siehe Stichwort unten) begann der Albtraum am 15. Dezember 2015: Um 9 Uhr morgens rollten sechs Wagen an, Staatsanwälte und Polizisten stürmten ins Gebäude, verhörten einzelne Mitarbeiter bis zu sieben Stunden lang, beschlagnahmten Aktenordner – „28 volle Leitzordner mit Belegen“, wie es heißt.

Die 70 Mitarbeiter – Forscher, Doktoranden, Verwaltungsangestellte – erfahren nur über den Flurfunk, worum es eigentlich geht: Der inzwischen in die Rente „geflohene“ Verwaltungsdirektor Norbert F. (Name geändert) soll Gelder veruntreut haben. Wie viel, ist noch unklar – das Gesamtbudget aus staatlichen Mitteln liegt bei etwa 3,5 Millionen Euro jährlich, dazu kommen noch Drittmittel aus der Privatwirtschaft.

Doch auch gegen die Leiter Prof. Roland T. (Name geändert) und seinen Vize Prof. Franz R. (Name geändert) wird wegen Betrugs und Untreue ermittelt.

Der Verwaltungsdirektor F. war danach „Knall auf Fall weg“, heißt es aus der DFA. Der Direktor und sein Vize kämpfen jedoch um ihre Ehre, wehren sich gegen Rücktrittsforderungen. Zwar wurde inzwischen Prof. Anna Maria Reichlmayr-Lai als kommissarische Direktorin installiert – ihr Vorgänger wurde kalt gestellt, bleibt aber Leiter im Bereich „Charakterisierung von endogenen Lebensmittelinhaltsstoffen“. Und R. bleibt Vize-Direktor.

Denn bei dem Gerangel zwischen T. und dem für das Forschungsinstitut zuständigen Wirtschaftsministerium geht es auch darum, dass sich der Direktor geweigert hatte, die Struktur der Forschungsanstalt ändern zu lassen: Sie wurde von einer Stiftung des öffentlichen Rechts in eine Stiftung des bürgerlichen Rechts überführt. Prof. T. hielt das für unsinnig – und löste damit lautstarke Streitereien mit Ministeriums-Vertretern aus.

Nach der Razzia im Dezember und den anschließenden Ermittlungen stellte das Ministerium wegen „Zuwendungs- und steuerrechtlich problematischer Sachverhalte“ die finanzielle Förderung der DFA ein. Das heißt: Der Staat treibt ein staatliches Institut wissentlich in die Pleite. „Mit Beschluss des Amtsgerichts Landshut vom 18. August 2016 wurde die vorläufige Insolvenz für die DFA angeordnet“, wie das Wirtschaftsministerium bestätigte.

Seither bangen die 70 Angestellten um ihre Zukunft. „Anderswo gab es doch auch schon Unregelmäßigkeiten, ohne dass gleich der ganze Laden dicht­gemacht wird“, so ein Betroffener. „Was können denn wir für das Fehlverhalten eines Einzelnen? Wir sind mit den Nerven völlig am Ende.“

Seit das Insolvenzverfahren läuft, erhalten die Arbeitnehmer Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit. „In dieser dreimonatigen Phase ist somit die Arbeitsfähigkeit der DFA gesichert“, so das Wirtschaftsministerium. Ein Ministeriumssprecher versicherte gegenüber der tz: „Unser Ziel ist, das Unternehmen fortzuführen, da dort exzellente wissenschaftliche Arbeit geleistet wird, wie eine internationale Gutachterkommission erst im vergangen Jahr bestätigte.“

Kompliziert wird die Rettung auch deshalb, weil der Bund und die übrigen 15 Bundesländer an der Förderung der DFA beteiligt sind. Das Bayerische Wirtschaftsministerium zeigte sich zuversichtlich, dass noch im September eine Entscheidung über die künftige Finanzierung des Ins­tituts fällt – und das Bangen um ihre Zukunft für die Mitarbeiter in Freising ein Ende nimmt.

tz-Stichwort: DFA in Freising

Die Deutsche Forschungsanstalt für ­Lebensmittelchemie (DFA) wurde 1918 ­gegründet und sitzt seit 2010 in Freising. Die DFA erforscht alles rund um die Nahrung. Der damalige Direktor Prof. Roland T., gegen den jetzt wegen Untreue ­ermittelt wird, nannte 2011 im Freisinger Tagblatt ein Beispiel für den praktischen Nutzen seiner Forschung: „In Thailand wurde weißer Pfeffer zu lange gewässert, um das Fruchtfleisch zu entfernen, und hat dann nach Kuhstall gerochen. Wir haben nachgewiesen, dass der für den lästigen Geruch verantwortliche Aromastoff erst ab dem fünften Tag entsteht. Jetzt wird das Einweichen der Pfefferkörner vorher gestoppt.“ Die Wissenschaftler von Weltrang, die bei der DFA arbeiten, erforschen auch die Ursachen von Lebensmittelunverträglichkeiten. Hier wird oft mit privatwirtschaftlichen Unternehmen zusammengearbeitet. Denn Entwicklungen wie schmackhaftes, glutenfreies Brot oder Bier versprechen ein weltweites Milliarden-Geschäft.

Klaus Rimpel

Klaus Rimpel

E-Mail:Klaus.Rimpel@tz.de

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