Ein Nachruf auf den charmanten Intellektuellen

Roger Willemsen: Seine Klugheit wird Deutschland fehlen

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Roger Willemsen.

München - Roger Willemsen war ein Arbeiter vor dem Herrn. Und er war ein genialer Geist. Beides war ihm bewusst, und er machte auch keinen Hehl daraus. Ein Nachruf.

Roger Willemsen war charmant, und stets spürte man bei diesem ebenso intelligenten wie gebildeten Menschen, dass es ihm um die Lust am Denken, am Formulieren, am Fühlen ging. Am Sonntag ist Roger Willemsen kurz nach seinem 60. Geburtstag an seiner im August vergangenen Jahres diagnostizierten Krebserkrankung in Hamburg gestorben.

Die Münchner konnten ihn das letzte Mal im Juli 2015 erleben, als er zwei Klassik am Odeonsplatz-Konzerte moderierte – wie so oft mit unglaublichem Witz, Geist und Gespür fürs Große. In diesem Fall für klassische Musik. Willemsen war ein Neu-gieriger, ein Suchender nicht im verzweifelten, sondern im lustvollen Sinn. Sein Geist fühlte sich überall zu Hause. Politik, Kultur, Geschichte oder der kleine Mann von nebenan: Willemsen spürte die Welt, sprühte in und wegen ihr.

Erst vor zwei Jahren veröffentlichte der gebürtige Bonner sein Buch Das Hohe Haus, für das er sich ein Jahr lang dem Bundestag als Zuschauer gewidmet hat. Tag für Tag. Es ging nicht so sehr um die Tagespolitik. Es ging, wie so oft bei ihm und bei jedem echten Intellektuellen, um die Menschen, um die Atmosphäre, um die kleinen Geschichten abseits der großen Politik. Das Buch und das Hörbuch wurden ein Bestseller – wie so vieles, was Willemsen anfasste. Seit seinem Karriere-Durchstart damals bei Premiere Anfang der 90er-Jahre.

"Ich bin am Boden zerstört und unglaublich traurig"

Mit Dieter Hildebrandt verband ihn eine lange, tiefe Freundschaft. Auch zu dessen Frau Renate. Sie ist tief betrübt über den Tod ihres Freundes Roger: „Ich bin am Boden zerstört und unglaublich traurig. Jeder mochte Roger. Er war so ein eloquenter, intelligenter Mensch – aber dennoch nie abgehoben. Er war immer freundlich.“ Dass es dem Freund sehr schlecht geht, merkte Renate Hildebrandt schon im August 2015, nach Willemsens Krebsdiagnose: „Er zog sich plötzlich völlig zurück. Wir haben zweimal telefoniert, aber ich habe leider gemerkt, dass er für sich sein möchte – mit seiner Familie.“ Vielleicht einer der schönsten Sätze, die man über Willemsen sagen kann (und der ihn wohl zu seinem typischen wissenden Schmunzeln gebracht hätte), äußerte Dieter Hildebrandt mal gegenüber tz in einem der zahlreichen Gespräche: „Der Roger sagte oft Sachen, wo ich mir gewünscht hätte, sie wären aus meinem Mund gekommen.“

Jetzt ist Roger Willemsen – ja, wo? „Ich kann es nicht wissen“, lächelte er vor einem knappen Jahr im Interview. Aber wir sind uns sicher: Wo auch immer er ist – er wird klug-pointierte Beiträge liefern. Sicherlich an der Seite Dieter Hildebrandts.

age/m.b.

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