Gute Heilungschancen dank Top-Medizin

40-Tonner rollte über sein Bein: Münchner kann bald wieder laufen

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Tobias mit seinem Fixateur und Prof. Dr. Biberthaler: Die Karbonstäbe sind im Knochen verankert, um ihn zu stabilisieren. So bleiben die Knochenstücke bis zur OP in der richtigen Position.

München - Ein Lastwagen überrollt Tobias im vergangenen Jahr. Dank einer Top-Medizin konnten Münchner Spezialisten sein Bein retten. Der große tz-Report.

Prof. Dr. Peter Biber­thaler erklärt tz-Reporter Andreas Beez moderne OP-Techniken.

Ihm ist das passiert, wovor sich viele Radler am allermeisten fürchten – vor allem im Stadtverkehr: Tobias (Name geändert) wurde von einem Lastwagen überfahren. Genauer gesagt von einem schweren Sattelschlepper mit Anhänger. „Der 40-Tonner rollte über mein Bein“, erzählt der 23-jährige Münchner. Bei dem Horrorunfall zog er sich einen komplizierten Trümmerbruch am Sprunggelenk zu. Trotzdem hat Tobias gute Chancen, dass die schwere Verletzung komplett ausheilt – auch dank modernster Medizintechnik, die bei seiner Behandlung im Klinikum rechts der Isar zum Einsatz kommt. Wie die Münchner Spezialisten sein Bein retten können, erklärt der Chef der Unfallchirurgie, Professor Dr. Peter Biberthaler, im großen tz-Report.

Wer in Großstädten regelmäßig mit dem Radl unterwegs ist, der lebt gefährlich: Allein das Münchner Polizeipräsidium hat im vergangenen Jahr rund 3000 Unfälle mit Radfahrern aufgenommen, fünf Opfer starben. Und die Dunkelziffer der Verletzten ist hoch, denn in vielen Fällen bekommt die Polizei gar nicht mit, wenn ein Radler auf dem Asphalt landet.

Ganz besonders auf der Hut sind viele Pedaleure, wenn sich ein Lastwagen nähert. Doch selbst bei größter Vorsicht sind sie vor folgenschweren Zusammenstößen mit Brummis nicht gefeit: Weil Fahrfehler immer passieren können – und weil manchmal mehrere Zufälle unglücklich zusammenkommen. Wie schnell ein solcher Albtraum wahr werden kann, das hat Tobias F. am eigenen Leib erfahren.

Enger Radweg, Tobias verreißt den Lenker

Ortswechsel nach Lausanne in der Schweiz. Hier, in der zweitgrößten Stadt am Genfer See, studiert Tobias Biomechanik und Medizintechnik. Wie jeden Morgen macht er sich mit dem Radl auf den Weg zur Uni. Er rollt eine stark abschüssige Straße hinab. „Das Gefälle kann man sich ungefähr so vorstellen wie vom Friedensengel hinunter zur Isar“, erklärt der junge Münchner.

Von hinten rumpelt ein schwerer Lastwagen heran. Um möglichst viel Abstand zu halten, steuert Tobias auf dem relativ engen Radlweg nach rechts. Dabei kommt er mit dem Reifen seitlich gegen den Randstein, verreißt den Lenker und gerät ins Straucheln – genau in jenem Moment, als der Laster neben ihm vorbeifährt. „Es ist alles wahnsinnig schnell gegangen“, erinnert sich Tobias. „Irgendwie bin ich gegen den Laster gekippt, zu Boden gerissen und unter ihn gezogen worden. Dann habe ich gespürt, dass mindestens ein Reifen über mein Bein gerollt ist.“

Aber Schmerzen verspürt Tobias zunächst nicht, er steht unter Schock. „Ich habe nur instinktiv versucht, meine Zehen zu bewegen. Das ging. Auch meine Wirbelsäule schien o.k. zu sein. Das hat mich erstmal etwas beruhigt.“

Schweizer Ärzte: Operation nicht sinnvoll

Inzwischen sind der geschockte Lastwagenfahrer, andere Autofahrer und Passanten zu Hilfe geeilt. Der Sanka bringt den verletzten Radler ins Spital. Dort versuchen die Ärzte, den Bruch einzurichten, anschließend gipsen sie sein Bein ein. Eine sofortige Operation erscheint als nicht sinnvoll, denn das Gewebe ist noch zu stark geschwollen.

Prof. Dr. Peter Biber­thaler.

Mit seinem Gipsbein reist der junge Münchner nach Hause, um sich im Klinikum rechts der Isar weiterbehandeln zu lassen. „Wir haben uns dafür entschieden, den Knochen mit einem Fixateur zu stabilisieren“, berichtet der Chef der Unfallchirurgie, Professor Dr. Peter Biberthaler. Das ist eine Art Spezialschiene mit Haltestangen aus Karbon. „Sie werden durch kleine Hautschnitte mit speziellen Bohrmaschinen vorsichtig im Knochen verankert. Die Stangen halten den Knochen in seiner anatomischen Position.“ Vereinfacht ausgedrückt: Mit Hilfe der Stangen bleiben die Knochenstücke dort, wo sie hingehören – solange, bis sie während einer Operation miteinander verschraubt werden. „Unser Ziel ist, die Zeit zu überbrücken, bis das verletzte Weichteilgewebe abgeschwollen ist“, erläutert Prof. Biberthaler. „Das ist unter anderem deshalb wichtig, um das Infektionsrisiko bei der OP so gering wie möglich zu halten.“

Das Grundprinzip des Fixateurs hat sich bereits über viele Jahrzehnte bewährt, inzwischen haben die Unfallchirurgen aber viel ausgereiftere Weiterentwicklungen zur Verfügung. Das moderne Modell, das bei Tobias’ Verletzung eingesetzt wird, erlaubt eine exakte Justierung der Haltestangen. Der große Vorteil der Technik: Schäden am umliegenden Gewebe und am Knorpel lassen sich damit so gering wie möglich halten.

Heilungschancen sind gewaltig gestiegen

Überhaupt sind die Heilungschancen selbst nach so schweren Trümmerbrüchen wie bei Tobias gewaltig gestiegen. „Noch im 19. Jahrhundert wäre jeder zweite Patient daran gestorben“, weiß Unfallchirurg Biberthaler. Eine der gefürchteten Komplikationen: das sogenannte Kompartmentsyndrom. Dabei schwillt das Gewebe stark an, kann sich aber unter einem Verband oder Gips nicht ausdehnen. So steigt der Druck, und es drohen schwere Schäden am Gewebe. Heute haben die Ärzte viel Knowhow und Techniken, um eine solche Notfallsituation in den Griff zu bekommen. So ersetzt der Fixateur zum Beispiel einen starren Gips. Das Einsetzen ist für den Patienten schmerzlos, Tobias bekam dafür eine sogenannten Spinalanästhesie. Dabei wird der Körper unterhalb des Beckens betäubt. Es gibt allerdings auch viele Patienten, die eine Vollnarkose bevorzugen.

Nun wartet Tobias auf seine eigentliche Operation. Sobald sich die Schwellung ausreichend zurückgebildet hat, werden die Ärzte den zertrümmerten Knochen mit speziellen Schrauben und Platten zusammenflicken. Kleinere Knochenpartikel werden mit Hilfe von Spülungen entfernt. Das ist wichtig, damit die teils scharfkantigen Brösel keine weiteren Schäden an Knorpel und Weichteilgewebe anrichten können.

„Bei normalem Heilungsverlauf kann Tobias sein Bein in einigen Monaten wieder vollbelasten“, sagt Prof. Biberthaler. Für seinen jungen Patienten eine tolle Nachricht: „Ich hatte Glück im Unglück. Nicht auszudenken, was wohl passiert wäre, wenn der Laster mehr als mein Bein erwischt hätte...“

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