tz-Serie zum Jubiläum

LKA Bayern: Fahnder ohne Grenzen

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Kriminaldirektor Bernhard Egger.

München - 70 Jahre gibt es nun das LKA Bayern. In der tz-Serie um die Fahnder geht es heute um die internationale Verbrecherjagd.

Sollten Sie jemals davon träumen, ein Serienräuber zu werden und die Millionen unter karibischer Sonne zu verjuxen – vergessen Sie‘s. Im Bayerischen Landeskriminalamt sitzen sieben Männer, die Ihnen diesen Plan gründlich versauen werden. Sie werden sich an Ihre Fersen heften und in aller Stille Ihr Leben bis in die verborgensten Winkel erforschen. Am Ende werden diese Männer Sie besser kennen, als Ihr engster Freund. Und: Sie werden niemals aufgeben. Denn sie sind Zielfahnder – ausgebildet, Schwerkriminelle wie Mörder, Kinderschänder, Millionenbetrüger, Räuber, Schleuser, Menschen-, Waffen-, und Drogenhändler rund um den Globus zu verfolgen. Notfalls jahrelang. Chef dieser Abteilung, zu der auch die Netzwerkfahndung gehört, ist der Leitende Kriminaldirektor Bernhard Egger (56) – ein international erfahrener Fahnder und Ermittler. Der tz gewährte er spannende Einblicke in die diskreten Aktivitäten dieser Spezialisten, die so ganz anders arbeiten als alle anderen Polizisten.

Die Fahnder haben nur den Auftrag, die Täter zu finden

Etwa 40 Fälle übernehmen die LKA-Zielfahnder im Jahr und zehn bis 15 Täter werden festgenommen. Klingt wenig, ist aber gemessen am Ermittlungsaufwand für die meisten Fälle mehr als genug. Worin sich bereits eine der wichtigsten Eigenschaften eines Zivilfahnders spiegelt: Unendliche Geduld. „Denn das hier ist alles andere als ein Massengeschäft und schnelle Erfolge sind die Ausnahme,“ erklärt Egger. Auch die Beweisführung im Fall ist nicht die Aufgabe der Zielfahnder. Ihr Ziel ist einzig und allein, den Täter zu finden, festzusetzen und nach Deutschland zurückzubringen. Das funktioniert nur mit Netzwerken: Das europäische Zielfahndungsnetzwerk ENFAST, Interpol und Europol sind bewährte Partner. Und für nahezu jedes Land der Erde gibt es Kontaktleute des Bundeskriminal­amtes mit landesspezifischen Beziehungen sowie hilfreiche Kollegen.

Der hartnäckigste Flüchtige der letzten Jahre war übrigens ein Drogenhändler, der nach Nigeria floh. Sieben Jahre lang kaufte er sich auf der Flucht mit viel Geld wieder und wieder frei – bis ihn die LKA-Fahnder am Ende doch erwischten.

Bis es soweit ist, wird das Leben und das Wesen eines Schwerkriminellen regelrecht seziert. Ist er ein von Panik getriebener Normalbürger, der sich kaum weiter als bis nach Mallorca traut? Ist er ein vermögender Jetsetter, der meint, alle Probleme mit Geld lösen zu können? Oder ist er der kalt kalkulierende Profi ohne jede emotionale Bindungen?

Bei der Verbrecherjagd entscheiden die Details

Bildungsstand, Hobbys, Vorlieben und Abneigungen, Freunde, finanzielle Situation, Begabungen oder Schwächen, körperlicher Zustand, Süchte, sexuelle Ausrichtung, Ängste, bevorzugte Urlaubs-Ziele, Internet-Kontakte und Surf-Verhalten in der Zeit vor der Flucht – darin offenbaren sich Wesenszüge eines Mensch wie in einem aufgeschlagenem Buch. Sehr interessant ist auch die Klärung dieser Fragen: Was kann er? Was kann er nicht? Und vor allem: Wer sind seine Feinde? „Letztere wären potentielle Ansprechpartner für uns. Nahestehende Menschen hingegen könnten unsere Zielperson warnen. Die sprechen wir erst gar nicht an.“

Hartnäckigkeit ist eine unverzichtbare Eigenschaft: „Viele denken, wir fliegen ständig in der Welt herum. Doch das steht meist erst ganz am Ende. Wer einmal zwölf Stunden lang am Stück und täglich einer Telefonüberwachung lauschen durfte oder unter Tausenden Namen den einen Richtigen finden musste, weiß, was Hartnäckigkeit bedeutet.“ Zuweilen erleben die Fahnder Überraschungen. Doppelleben, mehrere Identitäten oder sogar eine zweite Familie – das ist alles schon vorgekommen.

Auf Platz 1 der beliebtesten Fluchtziele steht gerade Thailand, gefolgt von der Dominikanischen Republik und einigen Ländern, die nicht ausliefern. Doch selbst dort sollte sich kein Verbrecher sicher fühlen: „Der BKA-Verbindungs­beamte bringt für uns schon die richtigen Leute zusammen.“

Bei der Verhaftung können viele Dinge schiefgehen 

Dabei muss man die landesüblichen Gesetze beachten: „Wir liefern keine Fakten und stellen auch keine Anfragen, die im Zusammenhang mit Delikten stehen, für die in dem Land die Todesstrafe möglich ist.“

In Thailand scheiterte einmal die Auslieferung, weil ein Mitglied der Königlichen Familie im selben Flieger saß. Und auf den Philippinen mussten die Fahnder vor der Festnahme eines Ehepaares erst das Schicksal von deren Kinder absichern: „Wir konnten nicht sicher sein, was mit den Kleinen passiert wäre. Das konnten wir nicht riskieren.“ Auch die Wahl der Fluggesellschaft ist wichtig: „Zwischenlandungen in Drittländern vermeiden wir, damit unser Kandidat nicht aussteigt und Asyl beantragt. Denn im Flugzeug entscheidet nur der Kapitän.“

Ein klassischer Schwachpunkt aller Menschen auf der Flucht ist früher oder später der Wunsch nach Kommunikation. Das nachvollziehbare Bedürfnis, geliebten Menschen ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, hat manch einen verraten. Denn selbst der härteste Kerl hat eine weiche Stelle. Und die muss man finden. Steht da demnächst ein Kindergeburtstag an? Ist die geliebte Omi krank? Auch die Liebe, der Tod eines Nahestehenden, ein Erbfall, Weihnachten oder schlicht Heimweh kann eine verräterische Reaktion provozieren. Eine weitere schwache Stelle sind die Finanzen bzw. Finanzflüsse. Denn: „Jeder braucht früher oder später Geld.“ Ist der Gesuchte lokalisiert, sind die Behörden vor Ort am Zug: „Auf dem Hoheitsgebiete eines anderen Staates dürfen deutsche Polizisten nicht aktiv werden.“ Bei den Ermittlungen und der Auslieferung arbeiten Zielfahnder immer im Zweier-Team: „Wir führen vor Ort keine Vernehmung durch, weil wir vor dem Rückflug keine psychischen Zusammenbrüche riskieren wollen.“ Die meisten Häftlinge sind heilfroh, wenn die Münchner Fahnder kommen. „Die Haft- und Hygienebedingungen in den Gefängnissen sind oft unbeschreiblich. Mancherorts können Häftlinge nur abwechselnd sitzen und liegen. Nachts drehen sich auf Zuruf alle gleichzeitig um.“

Den schlimmsten Fall erlebten die Münchner LKA-Fahnder mit einem querschnittsgelähmten Deutschen, der in einem asiatischen Land inhaftiert war. Aufgrund seiner Lähmung hatte er gewisse Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle: „Da haben ihm seine Bewacher eine Woche vor der Auslieferung einfach gar nichts mehr zu essen gegeben. Man kann sich denken, in welch erbärmlichen Zustand der Mann war.“

Der Job bei der Zielfahndung ist anspruchsvoll, verlangt Flexibilität. Dennoch ist der Job beliebt. Egger: „Wenn es nach den Bewerbungen ginge, könnte ich auch 100 Zielfahnder beschäftigen.“

Er ritzte in die Leichen Texte ein

Ein Beispiel für die Effektivität des Europä­ischen Zielfahndungsnetzwerkes ENFAST war die Fahndung nach dem Mörder Dariusz K. (30), der am 21. Mai 2015 in Wien ein Ehepaar (75 und 74 Jahre) erstach und sich tagelang in deren Haus einquartierte.

Auf den entkleideten Körper der Frau hatte der Berufskriminelle mit brauner Lackfarbe zwei lateinische Wörter gepinselt: „tantum ergo“ („deshalb dieses“). Über seine DNA wurde der seit Jahren ruhelos reisende Killer identifiziert. Er hatte auch in Schweden einen Mann (79) ermordet und ihm das Wort „Tantal“ auf den Körper geschrieben.

Unter der Führung des Münchner LKA hefteten sich in den folgenden Wochen sieben europäische Zielfahndungen an seine Fersen. Dariusz K. kommunizierte unter Aliasnamen bei Facebook und benutzte mehrere Handys – darunter auch ein polnisches, das sich bald ins deutsche Netz einloggte. Das war der Durchbruch: Am 8. Juni 2015 nahmen Zielfahnder aus Nordrhein-Westfalen den Mörder am Düsseldorfer Hauptbahnhof fest.

Die Jagd nach dem Amokläufer

Ein Hinweis aus den Reihen der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall (Berchtesgadener Land) brachte die Polizei im WM-Sommer 2014 auf die Spur des Soldaten Christoph R. (20). In der Nacht zum 14. Juli griff der 20-Jährige in Bad Reichenhall wahllos Menschen an, erstach einen 72-Jährigen und verletzte eine 17-Jährige schwer. Bei ihren Recherchen bei den Gebirgsjägern gewannen die Fahnder das Bild eines überehrgeizigen und oft enttäuschten Soldaten, der sich schon vor der Tat mit dem Gedanken trug, einfach auszuwandern – nach Norwegen!

Das Land sei ihm als schönes Reiseziel empfohlen worden, sagte er später. Die Abfrage an Flughäfen ergab, dass er am 22. Juli von Frankfurt nach Oslo geflogen war. Dort verlor sich seine Spur. Anfang August geriet R. in Mittel-Norwegen zufällig in eine Kontrolle. Da jedoch war der internationale Haftbefehl noch nicht da. Zwei Tage später wurde Christoph R. auf der Nebenstraße 714 am Åst-fjord festgenommen – mitten in der menschenleeren Einsamkeit.

Er ist noch auf freiem Fuß

Manchmal muss man eben warten – und wenn es auch noch Jahre dauern kann: Wie im Fall des damals 28-Jährigen Georgiers Giorgi Chkheidze, der im Juni 2013 einen ungeheuer brutalen Raubmord an der Rentnerin Anneliese M. († 85) in Nürnberg begangen haben soll. Sie war nachts in ihrer Wohnung überfallen und gefesselt worden und erstickte qualvoll an einem Knebel, den ihr die Einbrecher in den Mund gesteckt hatten.

Den Komplizen Nodar D. (38) musste die Polizei nur noch aus italienischer Strafhaft wegen eines Einbruchs abholen. Chkheidze dagegen steht noch immer auf der Liste der Münchner LKA-Zielfahnder. Sein Handy war zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts eingeloggt. Er wird per internationalem Haftbefehl gesucht, und die Zielfahnder sind hoffnungsvoll, den mutmaßlichen Mörder früher oder später fassen zu können.

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