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Die 70er in München: Eine Stadt im Sport-Fieber

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Die farbenfrohe Eröffnung der olympischen Spiele in München.

Kultig, kultiger, 70er! Keine Epoche der Nachkriegszeit hat München so geprägt wie die 70er-Jahre. tz-Fotograf Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf ­eine Zeitreise. Heute geht es um den Olympia-Hype in München.

Im Sommer 1974 war München mit seinem Olympiastadion nach Olympia 1972 noch einmal im sportlichen Ausnahmezustand: die Fußball-WM fand in Deutschland statt und das Endspiel am 6. Juli 1974 im wettkampferprobten Olympiastadion. Nach dem 1:0 Sieg über Polen hatte sich Deutschland am 3. Juli für das Endspiel gegen die Niederlande qualifiziert. In München gab’s nur noch ein Thema: Werden wir Weltmeister?

Mit diesem herumliegenden Ball in der Fußgängerzone wollten im Sommer 1974 alle kicken.

In ihrem Fußballfieber beobachtete die tz ganz normale Münchner, wie sie mit einem in der Fußgängerzone herumliegenden Fußball munter drauflos spielten, als würden sie fürs Endspiel trainieren. Kaufhäuser richteten in ihren Schaufenstern Fernsehapparate ein, damit auch Spaziergänger am 7. Juli, einem Sonntag, das Endspiel um 16 Uhr verfolgen konnten.

Ein kleiner Fernseher am Marienplatz – hier wurde das ­Public Viewing erfunden.

Unser heutiges Public Viewing mit Großleinwand war ja noch nicht erfunden, oder doch? Auf dem Marienplatz hatten Fußballfans ein kleines, tragbares Fernsehgerät aufgestellt, um das sich eine Menschentraube bildete und mit viel Geschrei das Endspiel verfolgte. Nach nur 53 Sekunden Spielzeit grätschte Uli Hoeneß dem Niederländer Johan Cruyff derart in die Beine, dass der englische Schiedsrichter John Taylor den frühesten Elfer in der WM-Geschichte gab. Johan Neeskens schoss in die Mitte, 1:0! In der 25. Minute verwandelte Paul Breitner einen Elfmeter zum Ausgleich, 1:1. Dann kam Gerd Müller in Fahrt, schoss zum 2:1 ins flache Eck und in der 59. Minute zum 3:1, wenn der Linienrichter nicht fälschlich ein Abseits gesehen hätte. Um 17:47 Uhr wurde die deutsche Mannschaft zum zweiten Mal nach 1954 Weltmeister. Sicherer Rückhalt im Tor war Sepp Maier, der sich im Laufe des Turniers zum damals besten Torhüter der Welt entwickelt hatte.

Die tz vom 28. August 1972.

Jetzt war am Marienplatz der Teufel los: Hunderte von Fußballfans feierten kreischend die neuen Weltmeister, machten Kopfstände und trugen die Holländer symbolisch in einem großen Sarg ins Fußballergrab. Und mitten im Gewühle immer noch der von vielen Fußballnarrischen umlagerte winzige Fernsehapparat: Wenn sie geahnt hätten, dass sie heute wirklich das Public Viewing erfunden hatten!

Das Olympische Feuer kam ganz schön rum

Diese Läuferin rettete das Olympische Feuer vor den Kühen.

Das gab’s nur einmal, das kam nie wieder: Olympische Spiele und Fußball-WM innerhalb von zwei Jahren in der gleichen Stadt und im selben Stadion – das gab’s nur in München! Am 26. August 1972 eröffnete Bundespräsident Gustav Heinemann mit Willi Daume vom Nationalen und Avery Brundage vom Internationalen Olympischen Komitee die 20. Olympischen Spiele in einer farbenfrohen Feier, bei der 80 Schuhplattler zum Salut von 60 Berchtesgadener Böllerschützen im nagelneuen Olympiastadion tanzten. 5000 Brieftauben flatterten als Friedenssymbol aus dem Zeltdach in den weiß-blauen Himmel. „Münchnerinnen! Zieht jetzt euer Dirndl an!“ titelte die tz, denn alle Nationen marschierten in ihren Nationaltrachten ein, in Sari, Kimono, Burnus und Schottenrock …

Der Passauer Mittelstreckenläufer Günther Zahn, der letzte der 5976 Staffelläufer, entzündete das Olympische Feuer, das vorher beim Tegernsee fast Opfer einer ausgebrochenen Kuhherde geworden wäre – hätte die Läuferin nicht einen olympia­reifen Zwischenspurt hingelegt.

Mit 122 Mannschaften und 7170 Athleten stellten die Spiele von München einen neuen Teilnehmerrekord auf. Der Star der Spiele war US-Schwimmer Mark Spitz, der sieben Goldmedaillen gewann. Überschattet wurden die heiteren Spiele vom palästinensischen Terrorangriff mit 17 Toten.
Mit dem berühmt gewordenen Satz von IOC-Präsident Avery Brundage „The games must go on!“ gingen die Spiele in gedrückter Stimmung am 11. September 1972 zu Ende. Die meisten Medaillen gewann die Sowjetunion mit 50 Mal Gold, 27 Mal Silber, 22 Mal Bronze. Platz zwei: USA mit 33 Mal Gold, 31 Mal Silber und 30 Mal Bronze. Platz drei: DDR mit 20 Mal Gold, 23 Mal Silber und 23 Mal Bronze. Und auf Platz vier landete die BRD mit 13 Mal Gold, 11 Mal Silber und 16 Mal Bronze.

Das Jahr 1979 im Zeitraffer

Carl Gustav von Schweden

23. März: Staatsbesuch vom schwedischen König Carl Gustav und Königin Silvia, die sich bei Olympia 1972 in München kennengelernt hatten.

24. April: Neuer Präsident des FC Bayern wird Willi O. Hoffmann, Gerd Müller wechselt zum Club Fort Lauderdale Strikers in Florida. Im Juli wird Uli Hoeneß Bayern-Manager.

Vera Brühne

30. Mai: Franz Josef Strauß begnadigt Vera Brühne nach 18 Jahren Gefängnis.

9. Juni: Der TSV 1860 steigt wieder in die Bundesliga auf und bleibt bis 1981.

Sergiu Celibidache

19. Juni: Sergiu Celibidache wird Generalmusikdirektor der Philharmoniker.

14. Dezember: Das Joseph-Beuys-Werk „Zeige deine Wunden“ darf zum Preis von 270 000 Mark für die Städtische Galerie im Lenbachhaus angekauft werden.

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Heinz Gebhardt

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