Das Jahrzehnt der Geisel-Tragödien

Die 70er in München: Entführungsdrama in der tz-Redaktion

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tz-Redakteur Koch (l.) und Hermine Jahn beim Verhandeln mit den Entführern.

München - Kultig, kultiger, 70er! Keine Epoche der Nachkriegszeit hat München so geprägt wie die 70er-Jahre. tz-Fotograf Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf ­eine Zeitreise. Heute geht es um die Kehrseite der Blumenkinderzeit– die 70er waren auch das Jahrzehnt der Geisel-Tragödien.

„Sind Sie einer der Entführer?“ – „Wer sonst? Können Sie einen Pfarrer zur Übergabe des Geldes schicken?“ So begann am 14.11.73 um 23.30 Uhr die dramatischste Nacht der tz-Geschichte. Johann M. (damals 24) und sein Komplize Peter K. (27) riefen in der Redaktion an: Sie hatten Evelyn Jahn (22) entführt, die Tochter des Wienerwald-Gründers Friedrich. Am tz-Apparat war Lokalredakteur Thomas Koch (33).

Der dramatischste Tag in der tz war der 14. November 1973: Lokalredakteur Thomas Koch telefoniert mit den Entführern über den Ort der Lösegeld-Übergabe an der Ingolstädter Straße.

Evelyn Jahn war am 13.11. aus der Tiefgarage ihrer Wohnung entführt worden. Die Entführer riefen den Vater an, forderten drei Millionen Mark Lösegeld – jetzt stellte M. über die tz Bedingungen. „Um 1 Uhr ruf ich wieder an. Die Übergabe soll um 3.15 Uhr stattfinden. Einer Ihrer Reporter fährt auf der Ingolstädter Straße stadtauswärts. Dort, wo die leichten Mädchen sind, soll er links abbiegen auf einer geteerten Straße.“ Dann spielte er ein Tonband mit der Stimme von Evelyn Jahn ab. Koch: „Einverstanden, ich erkenne Evelyn an der Stimme. Zum Übergeben kommt Herr Steinberg im weißen Mercedes, M – WW 239“. Entführer: „Die Polizei nicht einschalten, sonst gibt’s ein Gemetzel. Vier Leute stehen dort, ich bin der fünfte.“

„Herr Steinberg“ war allerdings kein tz-Reporter, sondern Friedrich Jahns Schwiegersohn Günter und der spätere Wiesn-Wirt des Hofbräuzelts. Er bestand darauf, die Gefahr auf sich zu nehmen.

Freudentränen nach der Befreiung von Evelyn Jahn.

Die Polizei war – nicht aus tz-Quellen – informiert. Am Übergabeort hatten sich zwei Hundertschaften Polizei mit Hunden und berittenen Beamten verschanzt. Die zwei Entführer türmten zu Fuß, Evelyn blieb unverletzt. Um 4.37 Uhr fielen sich im Zimmer von Polizeipräsident Schreiber alle erleichtert um den Hals.

So berichtete die tz in der Ausgabe am 15. November.

Die drei Millionen Mark deponierten die Entführer unter einer Brennnesselstaude in Feldmoching und gingen mit 20 000 Mark einkaufen. Kurz darauf stellte sich K.. M. trank sich in einem Stehausschank Mut an, holte das Lösegeld und flüchtete zu seiner Frau nach Bayreuth. Als die Polizei ihn dort verhaftete, lag ein Teil des Geldes unter den Fußmatten seines Autos. Und weitere 40 000 Mark steckten im BH von M.’s Frau. Die Entführer und Hintermann Rudolf M. saßen lange Jahre ein.

Das Drama um Richard Oetker

Richard Oetker überlebte die Gefangenschaft nur knapp.

Die Entführung Richard Oetkers auf dem Uni-Parkplatz in Weihenstephan am 14.12. 1976 ging um die Welt. Der Unternehmersohn wurde in einer engen Holzkiste gefangen gehalten und mit Stromschlägen gefoltert. Nach der Lösegeldübergabe von 21 Millionen Mark am 16.12. im Stachus-Untergeschoss konnte der Entführer Dieter Zlof fliehen. Das Opfer wurde schwer verletzt in einem Waldstück freigelassen, aber erst nach zwei Jahren konnte Zlof verhaftet und vor Gericht gestellt werden. Am 9. Juni 1980 wurde er zu 15 Jahren Haft verurteilt – die Höchststrafe.

Der befreite Bub (7) und ein Suizid

Im Jahr 1971 entführten Jörg-Hagen Roll und sein Komplize Atilla Ikbaliye den siebenjährigen Buben Michael Luhmer. Was zunächst wie eine Tat von Profis aussah, entpuppte sich als Gelegenheits-Coup der beiden Banditen – doch das wusste nur der Münchner Anwalt Till Burger (Foto rechts).

Rechtsanwalt Till Burger mit dem befreiten Michael Luhmer (7). Der Fall endete mit dem Selbstmord Burgers

Burger, der als „Polizeiverächter“ bekannt war, verhandelte mit den Kidnappern, tauschte die registrierten Scheine in sauberes Geld um und raste mit seinem BMW allen Beschattern von der Polizei auf und davon. Auf dem Rastplatz Holledau übergab er von den 200 000 Mark nur 175 000 – und behielt 25 000 Mark für seine Gefangenenhilfsorganisation „Zuflucht“.
Wenig später tauchte der Anwalt mit dem befreiten Michael Luhmer auf dem Arm in seiner Kanzlei am Maximiliansplatz auf. Der Fall blieb bis heute mysteriös. Fakt ist: Till Burger beging wenige Wochen nach dem Drama Selbstmord.

Das Jahr 1976 im Zeitraffer

12. Mai:  Franz Beckenbauer gewinnt mit den Bayern den Landesmeisterpokal durch ein 1:0 gegen St. Etienne – und wird später noch Europas Fußballer des Jahres.

28. Mai: Der Champ der Boxkunst ist mehrere Wochen in München zu Gast – beruflich zum Training: Muhammad Ali, der sich nach seinen großen 60er-Zeiten wieder zurückkämpfte.

1. August: Der Tausendsassa der Münchner Theaterlandschaft, August Everding, beginnt mit seiner Aktion Rettet das Prinzregententheater. Hat er geschafft.

September: Der Preis steigt und steigt, die Münchner schäumen mehr und mehr: Die Wiesn-Mass kostet in diesem Jahr 3,95 Mark.

Liv Ullmann strahlt in München: Sie dreht zusammen mit Gert Froebe Das Schlangenei. Regie: Ingmar Bergmann, der in München auch lebt und am Resi inszeniert.

Heinz Gebhardt

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