Alter Bilder, kuriose Geschichten

Die 70er-Jahre in München: Die tz schaut zurück

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München - Lang, lang ist's her. Die 70er-Jahre in München waren eine ganz schön kultige Zeit. Die tz blickt zurück auf eine Epoche, das München von heute so geprägt hat wie kaum ein anderes Jahrzehnt.

Kultig, kultiger, 70er! Manch einer mag zwar lächeln über riesige Sonnenbrillen und quietschbunte Tapeten – trotzdem hat keine Epoche der Nachkriegszeit das München von heute so geprägt und in aller Welt populär gemacht wie die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Generation 60 plus wird sich mit Wehmut an diese wilde Zeit erinnern – und die Jüngeren werden große Augen machen, wie narrisch, wie nackert und wie verrückt es damals in München zuging, wenn sie die neue Serie der tz lesen. Denn: In den folgenden zwei Wochen wollen wir in Nostalgie schwelgen, wollen Ihnen täglich einen spannenden Aspekt der 70er zeigen. tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf eine Zeitreise, zeigt Ihnen die besten Fotos und erzählt Ihnen die spannendsten Geschichten. Zum Beispiel über Münchens Markenzeichen, die Schickeria, die in den Siebzigern ihre Blütezeit erlebte. Oder von Olympia: Die Spiele haben die Stadt verändert, haben uns die U-Bahn gebracht – und werden mit ihrem brutalen Widerspruch von Heiterkeit und Terror ewig in Erinnerung bleiben. WM-Endspiel im Olympiastadion? 1974! Die neuen Verbrechensformen Terrorismus, Entführung und Geiselnahmen? In den Siebzigern! Die sexuelle Befreiung, der Minirock, die Nackerten im Englischen Garten? Alles in den Siebzigern! Zum Start gibt’s diese Doppelseite hier, auf der wir Ihnen alle Themen der Serie vorstellen möchten. Und jetzt: Bitte einsteigen in die Zeitmaschine!

Disco, Disco! Die lauten Nächte

„Wer sich treten, schieben, stoßen ließ, mit abgerissenen Knöpfen am Sakko, Tartarbrot auf der Hose, und auch sonst leicht verwirrt durch Schockmusik, Go-Go-Girls und Psychedelic-Bildwerfer die Stätte des Infernos verließ, war selbst schuld, er hätte bloß nicht hingehen müssen.“ Genauso war’s, wie Hannes Obermaier alias „Hunter“ Deutschlands erste Großraumdisco, das „Blow up“ am Elisabethplatz, beschrieb. Münchens Disco-Szene, „New Yorks große Discoschwester“, entstand aus dem „Munich nightlife“ der amerikanischen Besatzung und feierte in den 70er-Jahren ihren Höhepunkt in den Legenden des Münchner Nachlebens wie Big Apple (im Foto), Jazzclub Domicile, PN Hithouse, Crash, Tiffany, Piper Club, Why Not, Sugar Shack. Wir erzählen Discogeschichten aus den lautesten Nächten.

Die größte Baugrube

Unsere Innenstadt war Anfang der ­Siebziger Jahre von Schwabing bis zum Marienplatz und von dort bis zum Stachus eine einzige tiefe (und offene) Baugrube. U-Bahn-Bau, ­S-Bahn-Bau, Olympia-Bau, Fußgängerzonen-Bau, dazu das Hypo-Haus, der BMW-Vierzylinder, das Gasteig-Kulturzentrum, das ­Europäische Patentamt, das BR-Hochhaus … Sie merken schon: Eigentlich war die ganze Stadt eine ­große Baustelle. Die Münchner nahmen alle Umleitungen und Behelfsbrücken mit einer Engelsgeduld in Kauf, latschten in der heutigen Fußgängerzone durch riesige Baudrecklandschaften. Bewundernswert auch die Touristen, die sich vom Chaos nicht abschrecken ließen, sondern an der völlig ungesicherten Baustelle am Marienplatz zum Glockenspiel hinaufschauten. Man muss heute die Fotos von damals sehen, sonst glaubt man nicht, wie Münchens Fußgänger zu Baustellen-Akrobaten wurden und sich einen Sport daraus machten, alle „Durchgang-Verboten“-Schilder zu ignorieren. Weil: „Irgenwo muaß ma ja geh!"

Weltstars im Millionendorf

Die Münchner Promis der 70er waren von anderem Kaliber als so mancher heutiger Dschungelcamp-Star und Roter-Teppich-Läufer. Im Zentrum der deutschen Film- und Musikindustrie fühlten sie sich wohl und sicher, denn Münchens Klatschtanten waren liebenswürdige Begleiter und keine skrupellosen Paparazzi. Wie sie im München der Siebziger Jahre von Journalisten und Fotografen behandelt wurden, so gaben sie sich dann auch in der Öffentlichkeit: humorvoll, lustig und ohne Allüren. Zum Beispiel: die Bardot.

Hoch mit dem Rock, weg mit dem BH!

Wie immer bei einer unangemeldeten Demonstration, rückte 1970 eine volle Hundertschaft der Polizei aus. Diesmal zur Münchner Freiheit – aber diese Protestler waren so ungewöhnlich, dass man Rat von höchster Stelle anforderte. Polizeivizepräsident Dr. Georg Wolf rollte an und leitete selbst den Einsatz. „Hoch mit dem Rocksaum“ und „I like Mini“ schallte ihm entgegen. „Ja, was mach ma jetzt? Ist ja unangemeldet ...“ Und Vizepräsident Wolf fand eine juristisch saubere „Münchner Linie“, damit die Minirock-Demo legal durch die Stadt marschieren durfte. Münchens Jahre der sexuellen Befreiung wurden aber noch heftiger: Die nächste Demo (diesmal angemeldet) forderte lautstark „Weg mit dem Büstenhalter!“ und zog direkt durchs Siegestor. Es sollte genauso turbulent weitergehen, wie Sie lesen werden...

Schickeria, Bussi bussi

Im Klatschreporter Baby Schimmerlos wurde sie ­filmreif verewigt und immer wieder mit ungläubigem ­Staunen belächelt. Aber es gab sie wirklich: Die Münchner Schickeria ist in den Siebziger Jahren entstanden. Baby Schimmerlos in Kir Royal war aber nicht der einzige Klatschreporter dieser schillernden Epoche – es gab gleich ein Quartett. Hannes Obermaier, der unter dem Pseudonym „Hunter“ 1952 in der Abendzeitung die Klatschkolumne in Deutschland erfand, Michael Graeter alias Baby Schimmerlos, der ihm 1970 nachfolgte, als Hunter zu Bild wechselte. Im selben Jahr begann in der tz Almut Hauenschild (Foto oben, u.a. mit Reinhard Mey und Udo Jürgens), den beiden Promijägern Konkurrenz zu machen, gefolgt von Paul Sahner 1974. Vier unterschiedlichste Typen, über die damals Die Zeit schrieb: „München ist die einzige deutsche Stadt, in der Klatschkolumnisten ernstgenommen werden …“

Hippie-Heimat

Einmal in der Woche radelte ein Briefträger zum Monopteros und brachte Post für die Aussteiger und Hippies aus aller Welt, die den Kulthügel im Englischen Garten zusammen mit Münchens „jugendlichen Normabweichlern“, bekannter unter dem Begriff „Gammler“, als ihren Zweitwohnsitz betrachteten. Je nach Windrichtung duftete es bis zum „Tschainatauer“ (Chinesischer Turm) süßlich mild nach exotischen Gewürzen, von exotischen Gitarrenklängen umrahmt. Das friedliche, immer lächelnde und in ­bunte Tücher gehüllte Häufchen Aussteiger bekam im Morgengrauen manchmal Besuch von der Polizei, aber mittags rauchte man da oben schon wieder ein ­Friedenspfeifchen zu Oh Happy Day, dem Kultsong von Edwin Hawkins.

Entführer ruft bei der tz an

Entführung mit Lösegeld­erpressung wurde in den 70ern – drastisch ausgedrückt – zu einer Modeverbrechen. In München spielten sich gleich mehrere ab, zwei davon in der tz-Redaktion: Die Tochter des Wienerwald-Gründers Friedrich Jahn wurde 1973 entführt, der Erpresser verhandelte mit unserer damaligen Redaktion über die Freilassung. Auch über die Entführung eines fünfjährigen Buben, den die tz-Verleger Ludwig Vogl und Felix Buttersack mit schnell organisiertem Lösegeld befreiten, berichten wir in dieser Serie.

Der Revoluzzer in der Edel-Küche

Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann (links, mit Paul Bocuse) ist aus der Stadtgeschichte nicht wegzudenken – auch seine Karriere begann in den 70ern, allerdings unter den schwierigsten Bedingungen. Am Viktualienmarkt herrschte unter den Marktfrauen Alarmstufe Rot, wenn „der Gspinnerte“ wieder auf der Jagd nach Rucola, Bärlauch oder Estragon war – damals völlig ungenießbare Giftpflanzen, die er dann in seiner Not hinter dem Tantris selber anbaute. Was es heute in jedem Supermarkt gibt – wie Crème fraîche oder ­gesalzene Butter –, ­musste er damals bei Nacht und Nebel im Kofferraum über die Grenze von Frankreich nach München bringen. 1973 bekam er den ­ersten Michelin-Stern, 1973 den zweiten und 1979 im Aubergine als einziger Koch Deutschlands den dritten – eine Art Heiligsprechung für Münchens Schickeria. Nur wer bei ihm drin war, war auch in! Wir erzählen, wie es Witzigmann trotz größter Schwierigkeiten schaffte, von München aus die Essgewohnheiten der Republik zu revolutionieren und fast alle großen Sterneköche unserer Zeit auszubilden.

Public-Viewing mit Mini-TV

Fußballübertragungen auf Riesenleinwänden in Biergärten gehören heute zum Standard – aber wer erinnert sich noch, wie es begann? Es war 1974, als Deutschland im Münchner Olympiastadion Weltmeister wurde. Und auch mitten in der Stadt fieberten die Münchner mit – vor winzigen, transportablen Koffer-Fernsehgeräten auf dem Marienplatz. Auf Stühlen, Tischen und Hockern hatten sie sich außerdem vor den Schaufenstern der Kaufhäuser postiert, in denen ebenfalls Fernseher aufgestellt waren. Der FC Bayern mit der Meister-Garantie, die Sechziger im Jojo-Verfahren: Fußball war schon in den Siebzigern König!

Heitere Spiele und Schwarzer September

Es hätten heitere Spiele werden sollen, die fröhlichste der Olympia-Geschichte. Der Überfall von Terroristen auf die israelische Mannschaft mit 17 Toten legte einen schweren Schatten über das Jahrz 1972. Trotzdem sagte IOC-Präsident Avery Brundage: „The games must go on“ – also „Die Spiele müssen weitergehen“. Die Sicherheitskräfte waren von diesen neuen Formen des Verbrechens nicht nur im Olympiajahr 1972 überfordert, sondern schon 1970, als schwerbewaffnete Araber den Flughafen in Riem überfielen und wenige Wochen später ihre Auslieferung erpresst wurde. Bis heute unaufgeklärt: ein Brandanschlag im Februar 1970 auf das jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße mit sieben Toten.

Hollywood am Viktualienmarkt

Schon zu Zeiten des Hochbetriebs in den siebziger Jahren war Kay‘s Bistro eine Legende. Kult, von geheimnisvollen Gästen besucht: Spielte da nicht manchmal der große Leonard Bernstein am weißen Flügel? Und war nicht für die persische Ex-Kaiserin Soraya (Foto links) ständig ein kleines Separée reserviert? Sie und noch viele, viele mehr sind in den Fotoalben von Kay Wörsching verewigt. Mit über 5000 Glühbirnchen, goldgerahmten Weltstars, Operndivas und Heldentenören an der Wand, unter tüllverhangenem Himmel war München nach Sonnenuntergang hier in der Utzschneidertsraße wirklich internationale Weltstadt, ein kleines Hollywood am Viktualienmarkt. Kay, inzwischen selbst Legende, hat für die tz in seiner Fotosammlung geblättert und zeigt Bilder aus tausendundeiner Nacht. Nicht weniger legendär: der Alte Simpl. „Hier sitzen immer die die immer hier sitzen“, so stand es über den Stammtischen. Und wer hier über länger Zeit von „der Toni“ geduldet wurde, schwärmt heute noch über die unglaublichsten Szenen prominenter Münchner, die sich jede Nacht hier in den siebziger Jahren abspielten. Manche mieteten sich sogar eine Wohnung in der Nähe, damit sie um vier Uhr früh schneller daheim waren. Der Simpl war das Pflicht-und Stammlokal vieler Münchner Journalisten und einiger Weltstars.

Nach dem Glockenspiel zu den Nackerten

Als die New York Times über „paradiesische Zustände in München“ berichtete, war’s aus mit dem Paradies im Englischen Garten: Nach dem Pflichtbesuch beim Glockenspiel wollten Omnibusladungen von Touristen nur eines: schnell zu den Nackerten am Monopteros. Sowas gab’s in der ganzen Welt nicht – mitten in der Stadt laufen die Menschen herum wie an einem FKK-Strand! Aber das war nur die Spitze vom nackerten Eisberg in München, denn fast das gesamte Kunst-, Kultur-, Geschäfts- und Nachtleben entblätterte sich im Verlauf der Dekade: Nackt auf der Bühne, nackt im Museum, nackt im Englischen Garten, nackt im Jeansladen und nackt im Restaurant – da verschlug es sogar Kultregisseur Federico Fellini die Sprache. Die tz zeigt in dieser Serie die aufregendsten Fotos.

Schicken Sie uns Ihre Fotos aus den 70ern!

Unsere Serie ist nicht bloß was zum Schmökern und Schauen, sondern auch was zum Mitmachen. Schicken Sie uns Ihre schönsten Bilder und Geschichten aus den 70ern an lokales@tz.de oder an die tz-Lokalredaktion, Paul-Heyse-Str. 2-4, 80336 München. Für Ihre Beiträge haben wir einen eigenen Teil der Serie reserviert. Danke!

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