Discos prägen wilde Epoche

Die 70er in München: Laut, schrill, verrucht

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Go Go Girls im Blow Up.

München - Kultig, kultiger, 70er! Manch einer mag zwar lächeln über riesige Sonnenbrillen und quietschbunte Tapeten – trotzdem hat keine Epoche der Nachkriegszeit das München von heute so geprägt wie die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf eine Zeitreise. Dazu gibt’s heute eine Warnung: Es wird laut! Es geht um Discos – und da war München in den 70ern wichtiger als New York …

Der erste große Beatschuppen

„Wer dabei war, sich treten, schieben, stoßen ließ, mit abgerissenen Knöpfen am Sakko, Tartarbrot auf der Hose, und auch sonst leicht verwirrt durch Schockmusik, Go-go-Girls und Psychedelic-Bildwerfer die Stätte des Infernos verließ, war selbst schuld, er hätte bloß nicht hingehen müssen.“ So schrieb es 1970 der erfahrene Nachtschwärmer Hannes Obermeier über das Blow Up am Elisabethplatz. Es war Deutschlands erster Beatschuppen, die erste Großraumdisco der Republik mit Platz für 2000 kreischende Teenies, Hippies und Flower-Power-Kids. Ü-30-Publikum ergriff meist schnell die Flucht – aus Angst vor bleibenden Gehörschäden oder weil man nach dem Blitzlichtbeschuss der Scheinwerferbatterien Sorge um seine geistige Gesundheit hatte. Das Blow Up war das Meisterwerk der Brüder Anusch und Temur Samy, die Weltstars wie Pink Floyd, Jimi Hendrix und Sammy Davis jr. auf die Bühne brachten. Sogar Schriftsteller

Günter Grass blechtrommelte einmal zwischen wippenden Go-go-Girls, während „im Gedränge gesichtet“ wurden: Gunter Sachs, Uschi Obermaier, Johannes von Thurn und Taxis und Peter Kraus. Für Unbehagen sorgten dagegen Blow-Up- Besuche des Kommunarden Fritz Teufel und des RAF-Terroristen Andreas Baader. Nachdem Anusch Samy bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, rutschte sein Bruder Temur durch riskante Finanzierungsmodelle seiner Lokale, darunter auch das Citta 2000 in der Leopoldstraße, in die roten Zahlen. Schließlich gingen im Jahr 1972 auch im Blow Up die Lichter aus.

Im Wohnzimmer der Stones

Zum Schreien: ein Musiker im Tiffany

Das Tiffany in der Leopoldstraße 69 war für die Rolling Stones immer einen Abstecher wert – und Klaus Lemke drehte dort 1975 viele Szenen für seinen Film Idole. Giorgio Moroder und Boney M. durchzechten hier so manche Nacht, und es stimmt: Uschi Obermaier lernte im Tiffany Mick Jagger kennen.

Die geheimnisvolle Mrs. Henderson

Rüschiges Ambiente: ein Blick ins Mrs. Henderson

Um die geheimnisvolle Mrs. Henderson in der Rumfordstraße 2 rankten sich Anfang der 70er-Jahre allerhand Gerüchte. Wer wusste damals, was ein Travestie-Club ist …? Heute gilt die Mrs. Henderson als Münchner frühe Institution schwuler Subkultur, in der Weltstars wie Mick Jagger, Freddie Mercury und David Bowie ein und aus gingen. Mercury drehte hier das Video zu Living on My Own.

Das P1, die Mutter des Public Viewing

Schöne Frauen und heiße Musik gab’s immer schon im P1

Das "PIII One" wurde deswegen englisch ausgesprochen, weil es ursprünglich ein Club für amerikanische Besatzungssoldaten war. Er hatte keinen Namen, sondern nur die Adresse Prinzregentenstraße 1. Schwer auszusprechen für die Amis, die dann sagten: „Treffen wir uns im P-One“. Dabei blieb’s auch, als der lebenslustige Grieche Alekos (rundes Foto) das P1 übernahm und zur Hausbar der Noblen und Geldigen machte. „Wir sind der FC Bayern der deutschen Nachtclubs“, sagte Alekos schon 1970. Damals stellte das P1 als als erstes Lokal in München für die Fußball-WM in Mexiko einen Fernseher für seine Gäste auf. Schon damals galt wie unter dem heutigen Chef Michael Käfer: In ist, wer im P1 drin ist!

Crash, der total verrückte Schuppen

Die mit Abstand verrückteste Discothek lag unter der Eisenbahnbrücke in der Lindwurmstraße gegenüber dem heutigen Kreisverwaltungsreferat: das Poplokal Crash mit dem Kultgesicht von Jim Morrison, der Symbolfigur der Hippie-Zeit, als Markenzeichen auf allen Plakaten. Verrufen war das Crash vor allem wegen seiner Wettbewerbe wie der „Wahl des hässlichsten Münchners“ oder wie viele Mädchen auf einem Schwein über die Tanzfläche reiten können.

Für deutschlandweite Publicity sorgte ein „Oben-ohne- Sauerkraut-Essen“ bei dem die blonde Siegerin Ingrid zwei Pfund Sauerkraut verdrückte, ohne die Finger zu benützen. Auch der Weltrekord im Dauertanzen wurde im Crash aufgestellt – und Christine Kaufmann angelte sich Eric Clapton. Irgendwann kamen alle ins Crash: Uriah Heep und Led Zeppelin, Amon Düül und ein damals unbekannte Mann mit Hut: Udo Lindenberg. Thomas Gottschalk nicht zu vergessen, der damals als DJ im Crash sein Geld verdiente.

Rauch & Rausch in Schwabing

Ein typisches Foto für das Geschehen im Joint

Ursprünglich hieß das „Joint“ am Hohenzollernplatz „Piper Club“ und gehörte Lutz Lobenwein, dessen Türsteher nicht nur die Schönen und Reichen hereinließ, sondern auch Hippies. Sie brachten Rauchwaren mit ins Lokal, die auch bei geschlossener Türe bis auf die andere Straßenseite zu riechen waren. So war es nur konsequent, dass Lobenwein sein Lokal bald in den Spitznamen umtaufte, den es eh schon längst trug: „Joint“. Bei der für das Lokal typischen Easy-Rider- Musik traf man viele Jungfilmer wie Klaus Lemke, Musiker und Existenzialisten, nicht zu vergessen die Rolling Stones, wenn sie in München waren: kein Wunder bei dem duftenden Angebot im Joint.

Das Kellerlokal an der Leopoldstraße

Dicht gedrängt: das Publikum im Big Apple

„Wenn ich einen Abend nicht im Big Apple war, dachte ich, ich hätte den Lauf der Welt verpasst“, schrieb Uschi Obermaier in ihren Memoiren Mein wildes Leben. Das Kellerlokal in der Leopoldstraße war mit viel dunklem Holz ausgebaut, hatte eine große Tanzfläche, wo das jüngste Gemüse im ausgehfähigem Alter im Takt von Deep Purple oder Jimi Hendrix wippte. Letzterer schlug im Big Apple so auf seine Gitarre ein, bis sie in Trümmern am Boden lag. Zu den Stammgästen gehörten unter anderen auch Uschi Glas und Dolly Dollar.

Das Jahr 1977 im Zeitraffer

19.4. Fußballer Franz Beckenbauer wechselt für 1,75 Millionen DM vom FC Bayern zu Cosmos New York.

Im Mai Feines Plätschern: Der Roider-Jackl-Brunnen am Viktualienmarkt wird aufgestellt – er steht heute noch.

Im Mai beginnt der große Aufstieg von Joseph Ratzinger – jenem Mann, den wir später als Papst kennen sollten. Jetzt wird er Nachfolger von Julius Kardinal Döpfner als Kardinal.

11.6. Löwenstark: Der TSV 1860 steigt in die Bundesliga auf.

1.11. Das Europäische Patentamt wird eröffnet.

12.11.  Im Gefängnis Stadelheim erhängt sich die  RAF-Terroristin Ingrid Schubert.

Im Dezember: Es gibt Sonderschichten bei der Post. Mittlerweile werden so viele Geschenke verschickt, dass man vor Weihnachten 500 zusätzliche Aushilfskräfte einstellt.

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