Nach dem Glockenspiel zu den Nackerten

Skurrile Fotos: So freizügig waren die 70er in München

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Bilder wie dieses wurden im Lauf der 70er-Jahre zur Regel in München.

München - Kultig, kultiger, 70er! Keine Epoche der Nachkriegszeit hat München so geprägt wie die 70er-Jahre. tz-Fotograf Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf ­eine Zeitreise. Heute gibt’s nackte Tatsachen – die Siebziger waren nämlich eine besonders freizügige Zeit …

Picknix: Diese Damen verzichteten im E-Garten auf Kleidung.

Erst waren es Gerüchte, dann häuften sich die Beobachtungen, und 1974 tauchten schließlich die ersten unscharfen Fotos auf. Die tz musste einen Fotografen losschicken: „Schau mal, ob das stimmt: Im Englischen Garten liegen s' alle nackert rum.“ Feststellung: Sie lagen nicht nur herum wie im Paradies, sondern sie radelten auch, sie tranken am Chinesischen Turm ihre Mass – alles, wie Gott sie schuf. Zunächst nicht viele, aber von Jahr zu Jahr ließen mehr Menschen die Badehose oder den Badeanzug runter. Bis gegen Ende der Siebziger oben und unten ohne zum Standard-Outfit der Schönfeldwiese geworden war … Da die Stadt gegen die paradiesischen Zustände erst mal nix unternahm, sah der Münchner Katholikenrat 1979 Handlungsbedarf und wetterte auf einer Bürgerdiskussion mit 2000 Befürwortern und Gegnern der Münchner Nacktkultur gegen das „unsittliche Treiben“. Am Ende müsse man womöglich noch „Reservate für die Anständigen erkämpfen“.

Da schaut sogar der Times-Reporter

Die ­Eröffnung der Kulturwoche 1977 in der Stadt

Der Zweite Bürgermeister Winfried Zehetmeier sagte: „Heute steht leider schon vielfach der verschämte Bekleidete dem unverschämten Nackten gegenüber.“ Der Vorsitzende des Katholikenrates, Erwin Brießmann, beschrieb die Nacktbader in einem Gleichnis: „Einer, der Trompete blase, müsse ja ebenso Rücksicht nehmen auf die, die das nicht gerne hören, und mit dem Ausziehen sei das nicht anders.“ Worauf sich ein Nacktbader entrüstete: „Mann, Nacktsein macht doch keinen Krach!“ Spiegel-Autor Peter Brügge widmete der „ganzheitlichen Besonnung“ in München gleich mehrere Seiten.

Sogar die New York Times berichtete 1979 auf einer ganzen Seite über die paradiesischen Zustände in München: „Kein Sichtschutz trennt sie, Abertausende an der Zahl, von der immer noch bekleideten Mehrheit der Bevölkerung. Sie sonnen sich, spielen Federball oder Fußball – und niemand regt sich auf!“ Sogar in der Tram wurden Nackerte gesichtet und fotografiert. Auch die Routen für die Stadtrundfahrten mussten geändert werden, denn nach dem Glockenspiel ging’s zu den Nackerten unter dem Monopteros – den prüden Amerikanern und Japanern fielen die Augen aus dem Kopf.

… und die Behörden sind komplett ratlos

Die Stadtverwaltung, zuständig für städtische Grünanlagen, und die Schlösser-und Seenverwaltung, zuständig für die Schönfeldwiese im Englischen Garten, waren erst mal ratlos, wie man das nackte Problem juristisch in den Griff bekommen sollte, da das Auge des Gesetzes Nackerte in dieser Form gar nicht vorsah. Erst 1982 wurde in der „BayRS 2011-2 I aufgrund Art.27 Abs. 2 Satz 1 LStVG“ gesetzlich geregelt, wie man sich in München beim „Wasser-, Luft- und Sonnenbaden“ als Nackerter oder Nackerte juristisch einwandfrei benimmt. Und: Jetzt gab’s einen Ausnahmekatalog, der Nacktbadebereiche auswies.

Nackte stürmen den Modeladen

Der ­Ansturm auf das Modehaus, das Nackte kostenlos einkleidete.

Gar nix geregelt war im überdachten München der 70er: Es herrschte Narrenfreiheit für Nackerte. Ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Schleißheimer Straße hatte 1973 die Werbe-Idee, am Eröffnungstag die ersten zehn nackten Männer kostenlos einzukleiden. Schon um sechs Uhr früh behinderten an die 300 Nackerte vor dem Geschäft den Verkehr an der Kreuzung zur Georgenstraße. Um acht geriet die Lage außer Kontrolle – das Geschäft wurde gestürmt. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei: Alle spazierten in neuen Jeans und Hemden davon.

So sah München Anfang der 70er-Jahre aus

Kunst, Kultur und Freikörperkultur

Links sehen Sie die Eröffnung einer Ausstellung. Ein Kreuzworträtsel-Künstler zeigte sein Werk.

Der nackte Wahnsinn legte sich auch über Kunst und Kultur. Besonders einfallsreich waren Galeriebetreiber, die kaum eine Vernissage ohne Nacktauftritt veranstalteten. Sogar nackerte Kreuzworträtselmaler zeigten ihre Künste. Und eine Münchner Kunstwoche wurde vor dem Stadtmuseum von einem nackerten Aktionskünstler eröffnet. Berühmt und berüchtigt für seine nackerten Schuhplattlerinnen war der Blaue Engel in Haidhausen, wo allabendlich auf den Tischen zwischen Schweinsbraten und Kartoffelknödel mehrere weiß-blaue Gogo-Girls schuhplattelten und am Ende mit den Gästen die Bayerische Hymne sangen.

Wenn Hüllen und Hemmungen fallen

So ging’s zu ­später Stunde im ­Restaurant ­Boccaccio zu.

Weit vornehmer ging’s ­dagegen in Rudi Gauggs Boccaccio in der Klenzestraße (Glockenbachviertel) zu. So etwa ab Mitternacht fielen die Hüllen genauso wie die Hemmungen. Eben in Anlehnung an den Namensgeber des Lokals – den italienischen Schriftsteller Giovanni Boccaccio, der in seinem Werk Decamerone die sexuelle Freizügigkeit und den Sinnengenuss über alles stellte.

Das Jahr 1975 im Zeitraffer

16. Januar: Franz ­Josef Strauß fliegt zum chinesischen Parteichef Mao Tse-Tung. Er ist der erste deutsche Politiker, mit dem Mao ein mehrstündiges Gespräch führt.

Im März: Baubeginn des Europäischen Patentamts.

7. März: Beim Zusammenstoß eines Personenzugs und eines Busses in Allach sterben zwölf Menschen.

28. Mai: FC Bayern schlägt in Paris Leeds United mit 2:0 und gewinnt zum zweiten Mal hintereinander den Pokal der Landesmeister.

1. Juni: Ab jetzt gibt’s ganz ­offiziell keine Schaffner mehr in Münchner Trambahnen – alle Linie sind mit Fahrkartenautomaten ausgestattet.

13. Juni: Der Stadtrat beschließt: Wiesn-Bier wird teurer (neuer Preis: 3,75 DM).

21. August: Studenten, Bewohner und ein Kunstprofessor gestalten die grauen Fassaden des Olympiadorfs bunt.

17. Oktober: OB Georg Kronawitter (SPD) eröffnet die neue Fußgängerzone in der Theatinerstraße.

Heinz Gebhardt

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