Schrecken in einer neuen Dimension

Die 70er in München: Als der Terror in die Stadt kam

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Die Szenerie vor der Bank an der Prinzregentenstraße.

München - Kultig, kultiger, 70er! Manch ­einer mag zwar lächeln über riesige Sonnenbrillen und quietschbunte Tapeten – ­trotzdem hat keine Epoche der Nachkriegszeit das München von heute so geprägt wie die 70er-Jahre des ­vergangenen Jahrhunderts.

In unserer großen Serie ­zeigen wir Ihnen täglich ­einen spannenden Aspekt der 70er – ­tz-Fotograf und -Autor Heinz Gebhardt nimmt Sie mit auf ­eine Zeit­reise. Heute widmet er sich ­einem ernsten Thema. Denn: Die 70er-Jahre waren auch die Zeit, als der Terror Einzug hielt in der Stadt …

Das Olympia-Attentat

Es hätten die heiteren Spiele werden sollen – aber sie sind unter dem Schatten des Terrors in die Geschichte eingegangen. Olympia 1972 war eine Woche alt, als am 5. September der Horror begann. Acht schwer bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ stürmten um 4.35 Uhr das Quartier der israelischen Mannschaft im Olympischen Dorf, nahmen elf Teammitglieder als Geiseln. Die Geiselnehmer verlangten die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen, die Freilassung der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof sowie eines japanischen Terroristen. Israels Regierungschefin Golda Meir lehnte alle Zugeständnisse ab. Die Terroristen forderten schließlich ein Flugzeug nach Kairo, worauf sich Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher († 89, FDP) mit ihnen verständigte. Zwei Hubschrauber brachten die Terroristen mit den Geiseln um 22.18 Uhr zum Flughafen Fürstenfeldbruck – und für die Polizei ging jetzt alles schief, was nur schiefgehen konnte. Auf dem Flughafendach lagen Streifenbeamte ohne Scharfschützenausbildung, ein als Besatzung getarntes Kommando im bereitgestellten Fluchtflugzeug floh schon vor Ankunft der Hubschrauber aus dem Jet, gepanzerte Fahrzeuge wurden schlichtweg vergesssen. Das Massaker nahm seinen Lauf. Um 22.38 Uhr erteilte der bayerische Innenminister Bruno Merk († 90, CSU) den Feuerbefehl. Um 23.50 Uhr meldete Polizeipräsident Manfred Schreiber: „Wir sind noch im Einsatz“, erst um 1.32 Uhr war der letzte Schuss gefallen. Die schreckliche Bilanz der Geiselnahme: insgesamt 17 tote Sportler, Terroristen und Polizisten.

Banküberfall mit Geiselnahme

Es war das erste Verbrechen dieser Art: Am 4. August 1971 überfielen Dimitri T. und Georg R. eine Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße, forderten zwei Millionen Mark und nahmen 18 Menschen als Geiseln. Nachdem alle Vermittlungsversuche gescheitert waren, wurde das Geld und ein Fluchtfahrzeug vor der Bank bereitgestellt, in das sich eine Bankangestellte als Geisel auf den Beifahrersitz setzen musste. Als sich der bewaffnete R. ans Steuer gesetzt hatte, eröffneten die Scharfschützen das Feuer: Der Bankräuber starb, auch die Geisel wurde von fünf Schüssen tödlich getroffen.

Versuchte Flugzeugentführung

Die israelische Maschine auf dem Rollfeld in Riem.

10. Februar 1970: Bei der Zwischenlandung eines Linienflugs der israelischen El-Al Richtung London dringen drei palästinensische Terroristen in den Transitraum ein, wo Crew und Passagiere die Wartezeit überbrücken. Sie versuchten, die Passagiere zurück an Bord zu treiben, um das Flugzeug nach Libyen zu entführen. Doch der israelische Pilot Uri Cohen attackiert die Terroristen. Es kommt zu einem Handgemenge, bei dem er einen Attentäter zu Boden schleudert, bevor der eine Handgranate werfen kann. Ein anderer, Arie Katzenstein, wirft sich todesmutig auf eine bereits geworfene Handgranate und rettet dadurch anderen das Leben – er selbst ist nicht mehr zu retten.

Brandanschlag auf Altenheim

Die Feuerwehr im Einsatz.

Die „größte antisemitische Anschlagserie nach Ende des Nationalsozialismus“ begann bereits zwei Jahre vor dem Olympia-Attentat am 13. Februar 1970 und ist bis heute nicht aufgeklärt: ein Brandanschlag mit mehreren Toten. Im Altenheim des jüdischen Gemeindezentrums in der Reichenbachstraße 27 hatte jemand Benzin ins Treppenhaus geschüttet und angezündet. Durch den Kamineffekt standen schnell alle oberen Stockwerke in Flammen, in denen sechs Bewohner ums Leben kamen. Ein Mann starb beim Sprung aus dem vierten Stock, 15 weitere Bewohner wurden schwer verletzt. Die Polizei fand zwar einen 20-Liter-Kanister, aber keine Spur der Täter. Trotz akribischer Arbeit mussten die Ermittlungen schließlich ergebnislos eingestellt werden.

Das Jahr 1978 im Zeitraffer

19.1. Spatenstich für die Internationale Gartenbauausstellung IGA im heutigen Westpark-Gelände.

24.1. Baubeginn des Gasteig-Kulturzentrums - gewissermaßen der Grundstein für jahrzehnte-lange Diskussionen.

5.3. Erich Kiesl (CSU) wird mit 51,4 Prozent der Stimmen zum neuen Münchner Oberbürgermeister gewählt.

4.4. König Hussein II. von Jordanien macht Urlaub in München. Er ist einer von 2,4 Millionen Gästen - Touristenrekord!

19.7. Im Rathaus denkt man über einen kostenlosen Radl-Service für die Altstadt nach. Das System, bei dem jeder einfach losfahren kann, kommt nicht.

22.9. Auf der Wiesn gibt’s Beschwerden wegen zu lauter Musik. Die Wirte sagen, die Kapellen seien schuld.

28.11. Der Stadtrat beschließt, eine angemessene Anzahl von Vietnam-Flüchtlingen aufzunehmen. „Angemessen“ sind 30.

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Heinz Gebhardt

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