70 Millionen Euro Verlust seit 2001

AZ-Pleite: tz erklärt Chancen der Insolvenz

Abendzeitung
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So verkündete die Abendzeitung auf ihrem Online-Portal gestern die traurige Nachricht.

München - Die Abendzeitung ist in München eine Institution. Jetzt hat die Zeitung Insolvenz angemeldet. Die tz erklärt, warum die Pleite nicht zwangsläufig das Ende des Boulevardblatts bedeuten muss.

Sie gehört seit Jahrzehnten zu München wie der Viktualienmarkt, in der nahen Rosenstraße erinnert sogar eine Bronzestatue an ihren legendären schreibenden Spaziergänger „Blasius“ Sigi Sommer. Doch von der Tradition und klangvollen Autorennamen allein kann die Münchner Abendzeitung (AZ) nicht mehr leben: Gestern hat Geschäftsführer Dieter Schmitt beim Münchner Amtsgericht Insolvenzantrag gestellt. Der Grund für den seit längerem befürchteten Schritt: horrende Verluste, die in den Augen der Eigentümerfamilie Friedmann offenbar das letzte Limit gesprengt haben. Diese sehe sich nicht mehr in der Lage, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen, heißt es in einer Pressemitteilung der AZ.

Seit 2001 habe sich ein Defizit von rund 70 Millionen Euro angehäuft – wobei allein für das Jahr 2013 ein Verlust von zehn Millionen Euro in die Bilanzen eingeflossen sei. Nach „zwei weiteren rückläufigen Monaten“ zogen die Friedmanns jetzt offenbar die Reißleine.

Abendzeitung-Insolvenz: Das sagt tz-Verleger Dirk Ippen

Beschäftigte bekommen bis Ende Mai Löhne und Gehälter

Nun kümmert sich ein Insolvenzverwalter um die Geschicke des Verlags. Diesen Job hat der erfahrene Rechtsanwalt Axel W. Bierbach (siehe unten) aus der renommierten Münchner Kanzlei Müller-Heydenreich, Bierbach und Kollegen übernommen. Er soll jetzt einen Investor finden, der den Fortbestand der Abendzeitung sichert – darauf hoffen jedenfalls die engagierten Mitarbeiter. Die 110 Beschäftigten des Verlags bekommen im Rahmen der Insolvenzregelungen bis Ende Mai Löhne und Gehälter.

Ob das 1948 gegründete Boulevardblatt noch eine Zukunft hat, wird sich in den nächsten Wochen herauskristallisieren. Zunächst sei das Erscheinen der Zeitung gesichert, teilte die Geschäftsführung mit.

"Wir hoffen, dass die Abendzeitung einen Geldgeber findet"

In der Münchner Medienbranche löste die Nachricht vom Finanzkollaps der AZ Betroffenheit aus. „Wir hoffen, dass die Abendzeitung einen Geldgeber findet“, erklärte tz-Chefredakteur Rudolf Bögel, der über zehn Jahre lang in den Diensten der AZ stand, zuletzt als Lokalchef. „Wir drücken unseren Münchner Kollegen die Daumen, weil wir sie gerne noch lange als journalistische Gegner mit Format behalten möchten.“

OB Christian Ude reagierte „erschüttert und bestürzt“. Die AZ sei eine „kritische und wichtige Stimme mit eigener Tonart“, sagte Ude der tz. Er hofft, dass die Abendzeitung weiterbesteht und appellierte an das Kartellamt, sich einer Fusion mit anderen Münchner Medienhäusern nicht grundsätzlich in den Weg zu stellen.

Die Blütezeit der AZ ist lange vorbei

Denn die Einstellung der AZ wäre eine Zäsur. Ihr Gründer Werner Friedmann hatte mit einem aufsehenerregenden journalistischen Konzept versucht, eine besondere Boulevardzeitung zu etablieren. Sie sollte auch intellektuelle Leserschichten ansprechen. Auch in der Schickeria fasste das Blatt Fuß, in den 1980er Jahren stand es gar Modell für eine Fernsehserie – „Kir ­Royal“ von Helmut Dietl.

Allerdings ist die Blütezeit der AZ lange vorbei, die Zeitung muss seit Jahren mit sinkenden Auflagenzahlen kämpfen und vermeldete im letzten Quartal 2013 nur noch 106.000 Exemplare. Auch das Personal schrumpfte stetig.

Um die hohen Verluste aufzufangen, verkaufte die Verlegerfamilie Friedmann unter anderem die Nürnberger AZ-Ausgabe, Beteiligungen an Rundfunksendern sowie den Stammsitz an der Sendlinger Straße. Seitdem arbeitet die Redaktion in der Hopfenpost am Hauptbahnhof.

BEZ

Pleite ist nicht das Aus: tz erklärt Chancen des Insolvenzrechts

Eine Insolvenz muss nicht gleichbedeutend mit dem Ende einer Firma sein – in der Pleite steckt die Chance für einen Neuanfang. Die tz erklärt, wie das funktioniert:

  • Wann muss ein Unternehmen zum Amtsgericht gehen?

Wenn die Firma zahlungsunfähig ist. Das bedeutet, dass sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann oder dass sie zu hoch verschuldet ist.

  • Wie schnell sollte der Antrag erfolgen?

Die Zeit drängt: „Spätestens drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung“ muss der Antrag gestellt werden – und zwar „ohne schuldhaftes Zögern“. Geschieht das nicht, macht sich das Unternehmen strafbar. Für die handelnden Personen kann es in so einem Fall eng werden – für „Insolvenzverschleppung“ drohen Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren. Aktuell stehen die ehemaligen Vorstände des Billigstrom-Anbieters Teldafax vor Gericht. Neben Betrug wird ihnen auch Insolvenzverschleppung vorgeworfen.

  • Bedeutet eine Insolvenz das endgültige Aus eines Unternehmens?

Nein. Die Insolvenz ist eher als eine Art Notbremse gedacht. Deshalb ist es auch erlaubt, bereits bei „drohender Zahlungsunfähigkeit“ die Insolvenz zu beantragen.

  • Wie kann es nach einer Insolvenz weitergehen?

Zunächst ernennt das Gericht einen vorläufigen Insolvenzverwalter. Er muss laut Insolvenzordnung prüfen, ob Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung wirklich vorliegen. Insgesamt 1800 Anwälte in Deutschland haben sich auf diese Tätigkeit spezialisiert. Die Aufgabe ist nicht einfach: Der Insolvenzverwalter muss mögliche Investoren für das insolvente Unternehmen finden und im Gespräch mit Mitarbeitern und Banken versuchen, die Kosten zu drücken. Und: Er muss die Gläubiger, also diejenigen, die noch Geld von dem Unternehmen bekommen, von seinen Plänen für die Zukunft überzeugen. All dies fällt üblicherweise leichter, wenn der Insolvenzantrag möglichst frühzeitig gestellt wurde, weil dann meist noch mehr Spielraum besteht.

  • Wie lange kann der Insolvenz­verwalter am Ruder bleiben?

So lange es nötig ist – für seine Arbeit gibt es keine zeitliche Begrenzung. Trotzdem sollte er sich nicht allzu lange Zeit lassen. Am besten geht es dem Unternehmen direkt nachdem es den Insolvenzantrag gestellt hat. Denn in den ersten drei Monaten zahlt die Bundesanstalt für Arbeit die Löhne der Mitarbeiter. Damit kann das Unternehmen große Kosten sparen und erst einmal am Markt bleiben und frisches Geld einsammeln.

  • Verlieren die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz?

Nein, wer ein Unternehmen sanieren will, braucht dazu qualifizierte Mitarbeiter. Außerdem sind Sozialpläne mit Abfindungen oder Weiterbildungsmaßnahmen teuer. Trotzdem drohen harte Einschnitte: Denn die strengen Kündigungsschutzregeln sind in einer Insolvenz aufgeweicht. Es gilt eine Kündigungsfrist von maximal drei Monaten – was im Tarifvertrag vereinbart worden ist, ist irrelevant.

Mk

Er verwaltet jetzt die AZ

Rechtsanwalt Axel W. Bierbach

Rechtsanwalt Axel W. Bierbach hat bereits mehr als 800 Unternehmen bei Insolvenzverfahren begleitet – darunter so prominente Pleiten wie BenQ Mobile, das Nürnberger Bratwurstglöckl am Dom, den Tourismusverband München-Oberbayern und die Schrannenhalle (Foto).

Der Spezialist aus der Münchner Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen hat in Passau Rechtswissenschaften studiert und wurde 1996 als Anwalt zugelassen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören neben der Insolvenzverwaltung unter anderem Sanierung, Restrukturierung und Betriebsfortführungen. Bierbach ist auch Leiter des Münchner Arbeitskreises Insolvenzrecht, Vorsitzender des Ausschusses Sanierung, Insolvenzplan und Eigenverwaltung im Verband Insolvenzverwalter Deutschlands e.V. und Vorstand der Dr. Josef und Sybille Krettner Stiftung für unverschuldet in Not geratene Menschen.

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