Noch im deutschen Kaiserreich geboren

Hier trifft der älteste Münchner die älteste Münchnerin

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Gipfeltreffen der Senioren: Robert Winterstein (108) und Auguste Ehard (110).

München - Auf 218 Lebensjahre kommt man, rechnet man das Alter von Auguste Ehard und Robert Winterstein zusammen. Die tz traf die älteste Münchnerin und den ältesten Münchner zum Gespräch.

Sie haben zwei Weltkriege überlebt – und waren schon auf dem Erdboden, als die Titanic auf dem Meeresboden sank. Sie sind im deutschen Kaiserreich geboren. Wir sprechen von Auguste Ehard (110) und Robert Winterstein (108). Sie ist die älteste Münchnerin, er der älteste Münchner. Jetzt sind die beiden zum ersten mal zusammengekommen. Apropos: Wenn man ihre Alter zusammenrechnet, landen wir im Jahr 1798. Da war Beethoven 18 Jahre alt …

Schon auf dem Weg zu Auguste Ehard ist Robert Winterstein sehr aufgeregt. „Wie heißt die Dame?“, fragt er immer wieder seinen Sohn, der ihn mit dem Rollstuhl durch die Gänge des Altenheims St. Michael schiebt. Vorbei an Bildern von Augustes 110. Geburtstag, bei dem im Januar diesen Jahres auch OB Reiter zu Besuch kam (tz berichtete). Winterstein hat sogar, wie es sich gehört, extra Rosen als Mitbringsel besorgen lassen und eine Karte verfasst. Man merkt sofort: Winterstein freut sich riesig auf das Treffen. „Das ist mein erster großer Ausflug dieses Jahr“, strahlt er. Der Super-Senior wurde 1907 in Chemnitz geboren. Sein Bruder kehrte nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurück. 1955 zog Robert dann nach München. Und bis heute lebt er in den eigenen vier Wänden.

Neben Rosen brachte Robert Winterstein auch einen Brief als Geschenk zu dem Treffen mit.

In ihrem Zimmer wartet Auguste Ehard auf ihrem Sofa. Sie hat eine Wolldecke über den Füßen und trägt einen leuchtend rosafarbenen Pullover. Sie wirkt entspannt. Ob das Treffen etwas Besonderes ist? „Viele sind wir ja nicht mehr“, sagt sie trocken-verschmitzt. Die Dame kam 1906 in Trostberg auf die Welt. Mit sieben Jahren ist sie dabei, als Kaiser Wilhelm II. Trostberg zur Stadt erklärt. „Das war der mit dem tollen Bart!“ Mittlerweile sieht sie nicht mehr so gut, auch ihr Gehör ist nicht mehr das beste. „Ich kann gar keine Zeitung mehr lesen. Meine Tochter liest sie mir vor. Aber die ist ja mit 74 Jahren noch jung“, schmunzelt sie. Als sie Roberts Rosen in den Händen hält, lächelt sie. „Das sind aber schöne Blumen!“

Die zusammen 218-Jährigen nebeneinander - ein berührender Anblick

Es ist ein tief berührender Anblick, die zusammen 218-Jährigen nebeneinander zu sehen. Uns geht das Herz auf, wenn etwa Robert Winterstein seine Hand auf die ihre legt. „Sie wärmen meine Hände“, lächelt er.

Die Verständigung – kein Wunder, in diesem fast biblischen Alter – zwischen den beiden ist nicht so leicht. Winterstein hört auch nicht mehr so gut. Ehard hat Problem, ihn zu verstehen. Sie sitzt auf dem Sofa und redet nicht so viel. Aber man merkt immer, wie Auguste es genießt, dass sie Besuch hat. Vor einem dreiviertel Jahr sah das noch ganz anders aus – da konnte sie noch mit einem Rollator spazierengehen. Mittlerweile ist die Dame aber genauso wie Winterstein an den Rollstuhl gebunden. Bei einem früheren Treffen sagte sie zur tz: „So alt zu werden, das ist schon eine Last.“

Beim Abschied wünschen sich die beiden alles Gute. „Ich wünsche Ihnen vor allem keine Aufregung. Das haben wir uns beide verdient“, lächelt Auguste und drückt Roberts Hand. „Ich komme wieder“, strahlt Winterstein die Dame an. „Ich komme wieder, wenn die Bäume blühen!“

Florian Fussek

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