Neun Jahrzehnte lebte sie in unserer Stadt

Trauer um älteste Münchnerin - sie wurde 110 Jahre alt

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Gut in Form: Ehard an ihrem 90. Geburtstag im Jahr 1996, rechts an ihrem 110. Geburtstag im Januar.Fotos: M.

München - Sie war nicht krank, sie hatte keine Schmerzen – ihrem Herz war nach einem unglaublich langen Leben einfach die Kraft ausgegangen: Auguste Ehard, mit 110 Jahren die älteste Frau Münchens, ist am vergangenen Dienstag gestorben.

 „Sie ist ganz friedlich eingeschlafen“, sagt ihre einzige Tochter, Franziska Blümel (75). „Gegen 23 Uhr hat sie für immer die Augen geschlossen.“ Mit Auguste Ehard stirbt nicht nur eine starke Frau – sondern auch ein Stück Münchner Geschichte. Schließlich war Ehard über 90 Jahre lang Bürgerin der Stadt. Die tz blickt ein letztes Mal zurück.

Auguste Ehard wird 1906 in Trostberg geboren, die mittlere von drei Schwestern. Hier, im beschaulichen Chiemgau, bekommt Ehard zum ersten Mal eine Ahnung von jenem turbulenten Jahrhundert, das vor ihr liegt. Kaiser Wilhelm II. besucht Trostberg, als Schulkind kann Ehard den Monarchen mit eigenen Augen begutachten: „Das war der mit dem tollen Bart“, erinnert sie sich mehr als hundert Jahre später.

„Meine Mutter war eine sehr, sehr starke Frau“, sagt Tochter Franziska Blümel. „Aber in letzter Zeit ging’s ihr immer schlechter …“ An ihrem Geburtstag im Januar plauderte sich noch mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (57, SPD). Er versprach, am 111. Geburtstag wiederzukommen. Passend zur Schnapszahl wollten sie dann mit einem guten Tropfen anstoßen … Einige Wochen später die nächste Überraschung: Robert Winterstein (108), der älteste Münchner, besuchte Ehard im Altenheim. Beim Abschied rief Winterstein: „Ich komme wieder – wenn die Bäume blühen …“

Wintersport war ihr Lieblingshobby

Zwei Tage vor Ehards Tod waren Veronika (9) und Melanie (3) zu Besuch bei ihrer Uroma. „Ich hatte ihnen gesagt, dass es der Oma nicht mehr gutgeht“, sagt Tochter Franziska Blümel. Ehard blühte noch einmal auf, fragte die beiden immer wieder: „Wie war’s denn beim Skifahren am Wochenende?“

Wintersport – dafür brannte Auguste Ehard. Als sie 1925 nach München kam, eröffnete nicht nur das Deutsche Museum, sondern auch der erste Skisprunghügel in einer Deutschen Stadt – in Bogenhausen. Ehard ruderte, spielte Tennis, ging Wandern und Langlaufen. „Ich hatte eigentlich nie einen festen Freund, weil ich keine Zeit hatte für einen Mann“, erzählte Ehard einmal. 1939 hatte sie offenbar doch Zeit: Sie heiratete ihren Franz, der später in die Wehrmacht eingezogen wurde und erst nach acht Jahren Kriegsgefangenschaft wieder auftauchte.

Ehard glaubte an Gott, Seelsorger Wolfgang Rothe begrüßte sie jeden Sonntag in seiner Kapelle: „Sie war eine Institution. Sie war immer da.“ Sätze, die man leicht dahinsagt – bei Ehard sind sie beinahe wahr. 110 Jahre auf dieser Welt, fast eine Ewigkeit. Am Osterwochenende war Ehard nicht mehr da. Ihr Stammplatz in der Kapelle – letzte Reihe mit Blick auf den Altar – blieb leer.

Tobias Scharnagl

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