Zum 100. Geburtstag der Frauenklinik an der Maistraße

Ärztin Christina Sattler: Sie ist die "Mutter" von 25.000 Babys

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Gynäkologin Dr. Christina Sattler hat 45 Jahre lang auf der Geburtenstation in der Frauenklinik an der Maistraße gearbeitet.

München - 45 Jahre lang hat Christina Sattler als Gynäkologin in der Maistraße auf der Geburtenstation gearbeitet - und etwa 25.000 Babys auf die Welt gebracht. Die tz hat sie zum 100. Geburtstag der Frauenklinik besucht.

Stellen Sie sich einmal diese Menschenmenge vor: 200.000. Das sind in etwa die Einwohner der beiden größten Münchner Stadtbezirke Ramersdorf-Perlach und Neuhausen-Nymphenburg. Über 200.000 Menschen wurden in der Frauenklinik an der Maistraße seit deren Eröffnung im Jahr 1916 geboren. Die tz hat zum 100. Geburtstag der Frauenklinik mit der Gynäkologin Dr. Christina Sattler gesprochen, die über ihre spannendsten Erlebnisse aus über 45 Jahren an der Frauenklinik erzählt hat.

Dr. Christina Sattler verkörpert das Krankenhaus

Vielleicht ist es ihre Berufserfahrung. 45 Jahre hat Dr. Christina Sattler in der Maistraße auf der Geburtenstation gearbeitet. Bei rund 25.000 Geburten war sie dabei. Vielleicht war es aber auch ihre eigene Erfahrung als Mutter. Zwei Söhne und zwei Töchter hat sie zwischen 1964 und 1968 in der Maistraße zur Welt gebracht. Wenn die Rede auf die Frauenklinik kommt, fällt ganz schnell der Name „Dr. Christina Sattler“. Stets lobend, stets mit dem Zusatz, dass sie es war, die den Müttern im Kreißsaal so gut zur Seite gestanden ist. Sie verkörpert das Krankenhaus, in dem die Münchner zur Welt gekommen sind.

Im März 1969 hat sie dort zu arbeiten begonnen. Man habe gedacht, dass sie mit ihren vier Kindern die Doppelbelastung nicht lange aushalten werde, hat ihr später mal ein Kollege verraten. Sie hat lange durchgehalten: Im September 2014 hat Christina Sattler endgültig Abschied von ihrer Arbeit in dem ehrwürdigen Bauwerk genommen. Die damals herrschende Rollenverteilung habe sie – das medizinische Staatsexamen frisch in der Tasche – dazu gebracht, sich auf die Gynäkologie zu spezialisieren. „Den Männern darf man nicht alles überlassen“, sagt sie.

Damals hätte die Rollenverteilung so ausgesehen: Die Hebammen waren immer dabei und betreuten die werdenden Mütter – „und dann kamen die Ärzte in den Kreißsaal und wussten alles besser“, sagt sie im Gespräch. Man spürt noch heute, wie sehr sie sich darüber wohl aufgeregt hat. Und ihre eigene Erfahrung mit den Schmerzen bei der Geburt haben sie überdies bestärkt, Gynäkologin zu werden.

„Bei mir war niemand da, der sich dem Problem des Schmerzes angenommen hat“, sagt Christina Sattler. Alle ihre vier Geburten seien nicht einfach gewesen, „ich kenne die Schmerzen sehr gut“. Das hat sie geprägt. Die Angst der werdenden Mütter im Kreißsaal zu lindern, wurde ihr zur Aufgabe. „Den Frauen gegenüber muss man Sicherheit vermitteln.“ Wenn man sich wohlfühle, verarbeite man die Schmerzen viel besser.

„Es ist ein großer Verdienst der Frauen“

Es hat sich noch viel getan in den Jahren, in denen sie in der Maistraße gearbeitet hat. Seit 1980 war Christina Sattler Oberärztin der Geburtenstation und im Kreißsaal. „Es ist ein großer Verdienst der Frauen“, sagt sie. Damals, als sie anfing, seien Männer bei der Geburt nicht gerne gesehen gewesen, „sie galten als eher überflüssig“. Aber weil immer mehr Frauen ihren Partner an ihrer Seite haben wollten, zogen die Kliniken, eine nach der anderen, nach. Heute ist es „das Normalste“.

Und für Christina Sattler war es oft ein Gebiet für höchst interessante Beobachtungen. „Man kann da gut erkennen, wie die Paare miteinander umgehen.“ Manche würden sich anbrüllen, manche Männer müssten rausgeschickt werden, manche Vertreter des vermeintlich starken Geschlechtes würden vor Mitleid mit sich selbst und der leidenden Partnerin zerfließen.

Die Zahl von den rund 25 000 Geburten habe ihr ihr ehemaliger Chef ausgerechnet. In Deutschland gibt es vermutlich niemand, der eine annähernde Zahl erreicht. „So lange wie ich hat wohl kaum jemand an einer Klinik gearbeitet.“ Zu dieser riesigen Zahl gehören auch die drei Kinder einer ihrer Töchter, die in der Maistraße entbunden hat. „Ich war weder ängstlicher noch aufgeregter“, sagt sie, „und habe zu meinem eigenen Erstaunen festgestellt, dass ich in der Betreuung nicht anders als sonst auch reagiert habe.“ Erst als ihre Enkelkinder da waren, sei es für sie emotional geworden.

Emotional sind auch ihre Gefühle, wenn es um den Abschied von der Maistraße geht. Ihren eigenen – und eben, weil auch die Klinik geschlossen wird. „Ich habe mein halbes Leben in dem Gebäude verbracht“, sagt sie, „es ist mein Zuhause.“

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