Hinterbliebene öffnen ihre trauernden Herzen

Allerheiligen-Spezial: Das Alleinsein tut am meisten weh

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Hildegard Kronawitter sitzt auf der ­weißen Couch im Wohnzimmer. Dort entspannte ihr Ehemann Georg am liebsten nach einem stressigen Tag im Rathaus.

München - Allerheiligen ist der Tag der Toten. Hunderttausende Menschen werden am Dienstag wieder Blumen oder Erinnerungsstücke auf die Gräber ihrer Liebsten legen. Wir zeigen, wie Menschen mit ihrer Trauer umgehen. Und wie der Tod zu unser aller Leben gehört:

Es ist ein Moment, um innezuhalten. Um der Verstorbenen zu gedenken, die einen besonderen Platz in unseren Herzen haben.Hier öffnen Hinterbliebene ihre trauernden Herzen - Hildegard Kronawitter und Renate Hildebrandt. Und eine Psychologin gibt Tipps, wie man Trauer verarbeiten kann.

Nach dem Tod des Alt-OB: Die besucht Hildegard Kronawitter

Georg Kronawitter mit Frau Hildgard.

Am frühen Morgen kommt sie, die Trauer. Fast jeden Tag. Es ist diese Ruhe im Haus, diese schmerzhafte Stille, die sich über jeden Raum legt. „Dann ist der Tod meines Mannes am schwersten zu ertragen“, sagt Hildegard Kronawitter (69). Seine Stimme, das Rascheln der Zeitung, sein Lachen – das alles fehlt. „Mein Mann und ich haben immer sehr viel geredet. Über alles. Da ist es nicht leicht, plötzlich in unserem Haus allein zu sein“, erklärt die Witwe. Bei diesen Worten blickt sie sich um und fügt an: „Es ist so leer, so groß hier ohne ihn.“

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass Georg Kronawitter für immer die Augen schloss. Es war ein Schock für viele Münchner, gab es doch kaum einen Politiker, der so beliebt war wie der „Rote Schorsch“. Hunderte kamen zum Trauergottesdienst in den Alten Peter, um Abschied von Münchens bewunderten Alt-OB zu nehmen. Die Familie schüttelte nach den Feierlichkeiten, nach den rührenden Reden jedem einzelnen Besucher die Hand. „Wir waren einfach dankbar. Es war so tröstlich für mich und meine Kinder zu sehen, dass Menschen unseren Verlust teilen“, erinnert sich die Witwe.

Die lieben Worte vieler, der Zuspruch: Sie taten gut. „Das gilt sicherlich für jeden, der einen geliebten Menschen verloren hat.“ So wie man lieber Freude teile, so sei es auch mit der Trauer.

Oft besucht Hildegard Kronawitter das Grab ihres Mannes. Auch jetzt an Allerheiligen wird sie das tun. Zusammen mit Sohn Florian und Tochter Isabelle wird die Familie gemeinsam dem Ehemann, dem geliebten Papa gedenken. Es ist auch ein Trost. „Dieses gemeinschaftliche Trauern, dieses Zusammenkommen ist wichtig.

Es geht darum, den Verstorbenen Respekt zu zollen. Das hilft allen.“ Münchens ehemalige First Lady wird immer dankbar dafür sein, dass sich jeder der Liebsten von seinem Georg verabschieden konnte: „Er wusste, dass er gehen muss. Und er hatte für jeden noch liebevolle Worte.“ Nein, es blieb nichts im Raum stehen. Keine unbeantworteten Fragen, die viele Trauernde plagen, wenn ein geliebter Mensch ganz plötzlich aus dem Leben scheidet. Durch einen Unfall oder einen Herzinfarkt. „Seine Parkinson-Erkrankung war natürlich eine schwere Last für meinen Mann, aber er hat sich nie die Freude am Leben nehmen lassen.“

Jeder, der Georg Kronawitter kannte, weiß: Er ging immer tapfer mit seinem schweren Los um. Jammern war nicht seine Sache. Als die Krankheit so weit fortgeschritten war, dass der Alt-OB kaum mehr zu Einladungen oder Terminen gehen konnte, schickte er oft seine Frau: „Weil er gerne wissen wollte, was alles dort passiert. Und wie es seinen Freunden geht.“ Wenn seine Ehefrau dann später heimkam, wartete er auf der weißen Couch und bat um einen Bericht: „Ich sollte ihm dann alles erzählen. Jede Einzelheit.“ Hildegard Kronawitter lächelt bei diesen Worten. Es sind schöne Erinnerungen.

Rund 11.500 Menschen sterben jedes Jahr in München. Das heißt: 11.500 Abschiede – mit Tausenden Tränen von Angehörigen und Freunden. Und ja – jeder geht mit seiner Trauer anders um. Manche wollen reden, andere ziehen sich lieber zurück. „Ich glaube aber, dass jeder spüren will und spüren muss, dass er nicht alleine ist“, ist sich Hildegard Kronawitter sicher.

Im Haus hat sie nach dem Tod ihres Mannes alles so gelassen, wie es war. Der kleine, schlichte Schreibtisch im Arbeitszimmer ist noch so, wie ihn Georg Kronawitter hinterlassen hat. Sein Kalender liegt noch dort, seine Kleiderbürste, natürlich die Füller. Daneben ein kleines Foto der Kinder. „Das werde ich auch nicht verändern“, sagt seine Ehefrau.

Warum auch? Georg Kronawitter wird immer ein Teil dieses Hauses in Neuperlach bleiben – so wie er ein Teil Münchens bleiben wird. Im Jahr 1974 zogen er und Hildegard hier ein, ihre Kinder wuchsen in diesen vier Wänden auf, spielten mit Mama und Papa auf dem Teppichboden Mensch ärgere dich nicht. So wie es jede glückliche Familie tut. Und genau das sind diese schönen Erinnerungen, die nie sterben.

Dieters Tod ist immer noch ein Schock für mich

Waren ein Herz und ­eine Seele und seit 1992 verheiratet: Renate mit ihrem ­Ehemann Dieter Hildebrandt.

Er war Münchens Feingeist: Dieter Hildebrandt (86†). Als der Kabarettist vor drei Jahren starb, fiel seine Gattin Renate (79) in ein regelrechtes Loch: „Ich konnte kaum mehr atmen, so hat mich sein Tod getroffen“, erzählt sie der tz.
Was der Witwe half, mit ihrem Schmerz zu leben, waren all die Beileidsbekundungen, die ihr viele Menschen schickten. „Ich habe heute noch eine Kiste voller Briefe, die ich noch nicht gelesen habe. Es waren so viele, ich kam nicht dazu.“

Und heute? „Ich werde das sicher mal nachholen, aber ­Dieters Tod schmerzt noch zu stark.“ Besonders das Leben im gemeinsamen Haus reißt alte Wunden auf. „Das Alleinsein abends ist am schlimmsten. Wir saßen ja früher immer zusammen, Das ist vorbei“, so die Witwe. „Und das ist schwer zu akzeptieren.

Armin Geier

Eine Hilfe für alle Betroffenen

Sie hilft Menschen, ihre Trauer zu verarbeiten: Karina Kopp-Breinlinger (62) betreut Betroffene in Trauergruppen und hat zusammen mit einer Kollegin das Münchner Institut für Trauer­pädagogik gegründet (M.I.T). Hier bilden die beiden Trauerbegleiter aus. Unser Interview:

Frau Kopp-Breinlinger, wer kann Trauernden helfen?

Karina Kopp-Breinlinger (62).

Karina Kopp-Breinlinger: Einerseits natürlich das familiäre Umfeld, das kann eine große Stütze sein. Aber wenn etwa die ganze Familie von der Trauer betroffen ist und gerade keinen festen Boden unter den Füßen hat, kann es hilfreich sein, mit jemand Außenstehendem zu sprechen. Das kann ein Freund oder auch ein professioneller Trauerbegleiter sein.

Was ist das Besondere an einem Trauerbegleiter?

Kopp-Breinlinger: Diese Menschen lernen, Gefühle des Trauernden nicht zu bewerten und nicht ungeduldig zu sein. In der heutigen schnelllebigen Zeit erwartet das Umfeld, dass Trauer schnell überwunden wird. Doch für den Trauernden bricht oft ein gemeinsames Lebenskonzept zusammen.

Was bedeutet das genau?

Kopp-Breinlinger: Ich trauere in vielen Fällen nicht nur um den Verstorbenen, sondern auch ein Stück um mich selbst. Ein häufiger Gedanke nach dem Verlust ist zum Beispiel: „Wir wollten doch noch so viel miteinander erleben …“ – Hier ist es wichtig, erst einmal zuzuhören und anzuerkennen, dass der andere etwas Wichtiges verloren hat.

Und wie kann ein Trauernder diesen Verlust verarbeiten?

Kopp-Breinlinger: Zum Beispiel, indem ich mir Gedanken mache, ob ich mich gut verabschieden konnte. Wenn Trauernde das Gefühl haben, wichtige Dinge wie ein „Danke für die gemeinsame Zeit“ nicht mehr gesagt zu haben, können sie dem Verstorbenen einen Brief schreiben. Und den dann zum Friedhof bringen.

Manche Trauernde gehen nicht gerne auf den Friedhof.

Kopp-Breinlinger: Das stimmt und ist auch völlig in Ordnung. Alternativ können Trauernde sich eine kleine Erinnerungsstätte zuhause oder auch im Garten gestalten.

Ramona Weise

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