Demo vor Tierklinik

Altbauten müssen weichen, Rostgleise bleiben: Denk(t) mal nach!

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Der Landesdenkmalrat will die Standl am Wiener Platz erhalten.

München - Eine Stadt wie München lebt auch von seinen liebenswerten Ecken - von denen allerdings so gut wie jede Woche eine verschwindet. Das geht, weil die nicht als Baudenkmäler eingestuft sind. Höchste Zeit, mal nachzudenken.

Was wäre München ohne seine liebenswerten Winkel, die das Millionendorf zur Weltstadt mit Herz machen? Doch so gut wie jede Woche verschwindet eine dieser Ecken – die aktuellen Beispiele: Am Wiener Platz sollen die alten Standl weg, dasselbe Schicksal droht einer malerischen Häuserzeile in Schwabing – und auch der Jugendstil-Tierklinik am Englischen Garten. Sie alle sind nicht als Baudenkmäler eingestuft, im Gegensatz zu den rostigen Gleisen vom ehemaligen Olympiabahnhof. Höchste Zeit, mal nachzudenken!

Kampf um die Tierklinik

Der Freistaat Bayern will die Gebäude der Tierklinik an der Veterinärstraße abreißen und an ihrer Stelle einen modernen Physik-Campus errichten. Die Jugendstilgebäude wurden im Krieg schwer beschädigtund danach vereinfacht wieder aufgebaut. Das malerische Treppenhaus blieb erhalten. Die Altstadtfreunde München kämpfen gegen den Abriss und haben mit den Landtagsabgeordneten Michael Piazolo (Freie Wähler), Robert Brannekämper (CSU) und Elisabeth Zacharias (SPD) Mitstreiter gefunden. Der Gutachter Prof. Florian Zimmermann stufte den Komplex jüngst als Baudenkmal ein. Am Montag besichtigte das Landesamt für Denkmalpflege die Bauten und wurde dabei von einer kleinen Demo empfangen.

Die Geistergleise

So manchem entgleisen da die Gesichtszüge: Die Schienen im Olympiapark stehen unter Denkmalschutz. Die seit Jahrzehnten ungenutzten Gleise, die einst zum S-Bahnhof Olympiastadion führten, seien erhaltenswert. Heißt es. Nun steht eine umfassende Bodensanierung an, die Stadt will zudem die Trasse für Radler nutzen. Nicht nur die Stadtrats-SPD hält das für eine Denkmalschutzposse.

Falls überzeugende Vorschläge für die Neugestaltung kommen, soll im ­Stadtrat noch mal diskutiert werden, ob die Gleise bleiben müssen.

Schwabinger Idyll soll weg

Die drei Giebelhäuschen in der Sailerstraße von 1902 scheint nur noch ein Wunder retten zu können. Der Bezirkssausschuss Schwabing-West stimmte schon bei zweien dem Abriss zähneknirschend zu: „Weil durch den Neubau an der Ecke zur Lerchenauer Straße bereits faktisch Baurecht geschaffen wurde und die Altbauten leider nicht unter Denkmalschutz stehen“, so Bezirksausschuss-Vize Dr. Walter Klein (SPD, 3. v .l.). Er fürchtet, dass auch das dritte Haus dasselbe Schicksal ereilen wird. Martin Schreck (2. v. r.) von den Altstadtfreunden hofft: „Der Bezirkssausschuss könnte die Denkmaleigenschaft überprüfen lassen.

Landtags-Politiker: Standl erhalten!

Gegenwind für den Abriss: Der Landesdenkmalrat will die Standl am Wiener Platz erhalten. Sie seien ein prägender Teil Alt-Münchens, sagt der Gremiums-Vorsitzende Thomas Goppel (CSU, Foto). „Sie sollen nicht einer unangemessenen und unpassenden Modernisierung geopfert werden.“ Der Denkmalrat hat eine beratende Funktion für die Staatsregierung. Die Stadt indes plant wie berichtet den Abriss der Häusl – wegen Hygiene und Brandschutz. Einzige Ausnahme: das Eckstandl mit der Nummer 4 und dem Giebeldach. Das steht nämlich unter Denkmalschutz!

Johannes Welte

Johannes Welte

E-Mail:Johannes.Welte@tz.de

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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