Studie bringt schockierende Ergebnisse

Altersarmut! Das sind die Gegenmaßnahmen der Stadt

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Hohe Dunkelziffer: Sozialarbeiter besuchten über 600 Senioren – jeder vierte galt als arm!

München - Sozialarbeiter haben 602 Senioren in München besucht. Das Ergebnis bestätigt eine böse Ahnung: Armut im Alter ist viel weiter verbreitet als angenommen! Die Stadt plant Gegenmaßnahmen.

Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht!“, wusste schon Goethe. Die Stadt hat es getan: Sozialarbeiter haben 602 Senioren besucht. Das Ergebnis bestätigt eine böse Ahnung: Armut im Alter ist viel weiter verbreitet als angenommen!

Dieses Modellprojekt „Präventive Hausbesuche“ in vier Wohnquartieren in Berg am Laim, Fürstenried, Maxvorstadt und Milbertshofen wurde in den letzten vier Jahren wissenschaftlich begleitet. Das erschütternde Ergebnis: Jeder achte besuchte Senior bezieht Grundsicherung – der Anteil liegt höher als im städtische Schnitt, weil gezielt Bedürftigere besucht wurden. Zusätzlich lag aber die Dunkelziffer genau doppelt so hoch: Bei mehr als jedem vierten älteren Besuchten erkannten die Fachkräfte „Hinweise auf Armut“! Die Sozialarbeiter umschreiben damit den Zustand der Wohnung, der Lebensmittel oder der Kleidung. Viele hatten nicht einmal Stütze beantragt:

„Ich hätte niemals den Mut gehabt, aufs Amt zu gehen, weil ich mich schäme, dass ich nur eine minimale Rente habe“, sagt ein 82-Jähriger.

Herr F. (78) liegt wegen der Mini-Rente 500 Euro mit den Heizkosten im Rückstand. Frau H. (67) steckt mit 1600 Euro im Dispo. Beide mussten beim Hausbesuch zur Stütze überredet werden.

Der frühere Bankangestellte Herr N. (77) pflegt seine Frau. Sie hat nicht einmal einen Schwerbehindertenausweis beantragt.

Darüber hinaus erkannten die Fachkräfte bei fast jedem zehnten Hausbesuch eine psychische Belastung fest. Jeden zweiten besuchten Senior plagten kleinere Wehwehchen.

Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) ist besorgt: „Angst und Scham verhindern oft die Inanspruchnahme gesetzlicher Leistungen.“ Darum wollen sie und Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) heute verkünden, dass die Hausbesuche in sieben Alten- und Servicezentren der Stadt dauerhaft eingerichtet werden – in Maxvorstadt, Sendling, Allach-Untermenzing, Perlach, Ramersdorf, Haidhausen und Fürstenried. Mehr als ein Dutzend neuer Helfer sollen die Senioren durch das Wirrwarr an Hilfen und Leistungen führen. Kosten: 720 000 Euro.

Ihr bleibt fast nichts

Elfriede Moosmann feierte am Freitag ihren 65. Geburtstag – die größte Gabe war eine Kinokarte vom VdK. Den Film Winterkartoffelknödel hat sie sich angeschaut. „Super!“, schwärmt die Rentnerin. „Für mich ist das ein riesiges Geschenk …“

Sie hat viele Schicksalsschläge gemeistert – doch im Alter bleibt ihr kaum Geld zum Leben.

In der Stadt des Wohlstands fällt ihre Monatsbilanz so aus: Keine 500 Euro Rente, dazu ein kleiner Mütterzuschlag, der aber wegen der Gesetze bei den 180 Euro vom Sozialamt abgezogen werden könnte. Die Einnahmen steigen kaum, die Miete aber schon, rund 400 Euro zahlt sie in der Au. „Mir bleibt am Ende praktisch nichts“, sagt Elfriede Moosmann. „Jeden Monat das Gleiche – es wird nur immer schlimmer.“ Ein warmes Essen holt sie sich bei der Obdachlosenhilfe für 2,60 Euro und im Alten- und Servicezentrum der Stadt für 2,50 Euro.

Ihre Mutter begeht Selbstmord, als sie vier Jahre alt ist. Nach einem Autounfall und einer Erkrankung kann sie nur bis 47 als Krankenschwester arbeiten. Jetzt leidet sie an der Glasknochenkrankheit. Trotzdem engagiert sie sich: Bei der Inneren Mission macht sie eine Schulung zur Demenzbegleiterin, um ihrem Bruder Franz (69) zu helfen und anderen Kranken. Ehrenamtlich. Elfriede Moosmann sagt: „Ich mache das ja nicht fürs Geld …“

Die Maßnahmen der Stadt

Am Donnerstag soll es im Sozialausschuss weitere Beschlüsse zur Armutsbekämpfung geben – etwa:

- Die Stütze steigt: Bundesweit klettert die Sozialhilfe Anfang 2015 von 391 auf 399 Euro. Weil die Stadt freiwillig aufstockt, soll der Satz in München von 411 auf 420 Euro steigen. Mehr als 20 000 Einwohner beziehen die Grundsicherung, davon 13 508 Senioren.

- Mehr Menschen bekommen den München-Pass: Bislang dürfen 90 000 Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfänger von den Vergünstigungen profitieren – etwa das MVV-Sozialticket für 27,10 Euro im Monat oder Rabatte in Schwimmbädern, Kinos, Tierpark und für VHS und Medikamente. 40 000 haben den Pass tatsächlich beantragt. Künftig sollen auch die Empfänger von Wohngeld und Kinderzuschlag profitieren – das betrifft 15 000 Erwachsene und Kinder.

- Die Vermittlung in Arbeit soll verbessert werden. Und die Miet-Obergrenze, die von der Stadt übernommen wird, steigt: Alleinstehende Hartz IV-Bezieher sollen künftig beispielsweise auf bis zu 50 Quadratmetern für bis zu 610 Euro kalt im Monat wohnen dürfen – statt bislang 590 Euro.

David Costanzo

David Costanzo

David Costanzo

E-Mail:David.Costanzo@tz.de

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