Er ist der Herr der ungeliebten Schätze

Video: Hier werden verschmähte Weihnachtsgeschenke versteigert

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Ein echtes Verkaufstalent ist Stadtinfo-Chef Albert Dietrich. Alle hoffen, dass er der Aktion treu bleibt.

München - Eine Tradition und dennoch ein Geheimtipp: Schon seit Jahren gibt es die Auktion der ungeliebten und verschmähten Weihnachtsgeschenke im Rathaus-Innenhof. Die kann jeder Münchner dort abgeben - oder eben ersteigern.

Seit 20 Jahren ist er der Händler der verschmähten Schätze. Doch nun schwingt Albert Dietrich zum letzten Mal als Chef der Münchner Stadt-Information im Innenhof des Rathauses seinen Auktionshammer, wenn es darum geht, ungeliebte Weihnachtsgeschenke zu versteigern. Dietrich ist das Herz der Veranstaltung, doch noch im Januar geht der 65-jährige in Ruhestand.

Der Erlös geht an Unicef

Fast eine halbe Million Euro hat Dietrich seit 1996 mit dem in München beispiellosen Projekt für Unicef eingenommen. „Jeder gewinnt bei uns doppelt“, sagt er und schmunzelt: „Wer spendet, hat Platz in seiner Wohnung, wer kauft, hat weniger Platz, aber beide haben einen Platz im Himmel.“

Entstanden ist die Aktion nach britischem Vorbild auf Initiative der damaligen First Lady Münchens Edith von Welser-Ude. „Vom OB-Büro hat man mich damals gefragt, ob wir von der Stadt-Information uns vorstellen könnten, die Idee umzusetzen.“ Und Dietrich konnte. Er ließ einfach zwei Buden vom Christkindlmarkt stehen und stellte sich selbst hinter den Ladentisch.

Ein kurioses Sammelsurium findet sich dort

Ab Anfang November nimmt er die Sachspenden entgegen und lagert sie im Rathauskeller ein. Denn es werden auch Dinge verkauft, die nicht unter dem Christbaum gelegen sind. Deshalb befindet sich in Dietrichs Bude ein kurioses Sammelsurium von Trödel, Ramsch und kleinen Schätzen: Wuchtige Rauschgoldengel, seltene Sammlerteddys, aber auch ein Weinkühler aus Terrakotta und eine Familienpackung Latexhandschuhe. Doch genau das macht den Charme der Versteigerung aus: Jeder kann hier, auch für kleines Geld, fündig werden.

Die Aktion hat treue Stammkunden

Schon bevor er am Montag um 11 Uhr seinen Stand geöffnet hatte, drängten sich seine treuen Stammkunden davor. Die meisten im Rentenalter wie der grauhaarige Herr im bodenlangen Trenchcoat, der noch etwas wacklig auf den Beinen ist. „Ich hab eine schwere Aneurysma-OP gehabt, aber ich musste einfach kommen“, sagt er.

Gleich die erste Auktion ist ein voller Erfolg. Ein als Freiheitsstatue verkleideter Bär aus Edith von Welser-Udes Privatbesitz ist der erste Artikel. Dietrich ruft 15 Euro auf. Ein stolzer Preis. Er begründet ihn so: „Mit dem brauchen’S ned kuscheln, der friert ned, weil er’s Bettgwand scho an hat“. Und der Schmäh funktioniert. Ein erstes Bietgefecht entbrennt, das bei 22 Euro endet.

Bei anderen Artikeln ist Dietrich gnädiger. Die Fahrradtasche gibt’s ohne Steigern für zwei Euro, den Kerzenständer für drei Euro. „Danke, Didi“, sagt die Rentnerin glücklich. „Didi“ nennen ihn hier die, die zum harten Kern gehören. Für sie wäre es am schlimmsten, wenn er aufhört. „Wir kennen ihn seit Jahren, gemeinsam sind wir alt geworden“, sagt die Dame. Und auch Dietrich sind seine Kunden richtig ans Herz gewachsen. „Da kann ich Gaudi machen, sie verstehen meinen bayerischen Humor, bei Auswärtigen muss ich mich mehr zurückhalten.“

Auch die Touristen kaufen ein

An die verkauft er auch andere Dinge. „An die Italiener Bierkrüge, an die Russen Zinn.“ Dietrich kennt seine Pappenheimer und hat für jeden das richtige Händchen. Ein Verkaufstalent. Um so überraschender, dass er an Flohmärkten eigentlich gar kein Interesse hat. „Ob Sie’s glauben oder nicht, ich war noch nie auf einem.“

Seine Leidenschaften sind andere: Lange Motorradtouren mit seiner Harley machen und fotografieren. In Sorge, dass es ihm in der Rente langweilig werden könnte, ist er nicht. Deshalb schließt sich auch Welser-Ude den Bitten der Stammkunden an. Sie war zu der Auktion gekommen, um Dietrich für dessen Engagement zu danken. „Wir brauchen seine Tatkraft und Phantasie noch weiterhin.“ Dietrich gibt sich erst zurückhaltend: „Ob ich mich da in meinem Rentnerdasein nochmal aufraffen kann?“ Enttäuscht blicken die Umstehenden. Doch dann grinst Dietrich breit. Man darf also hoffen.

Die Auktion läuft noch bis Samstag, 9. Januar, je von 11 bis 17 Uhr. Sachspenden werden nur noch am Freitag angenommen. 

A. Meisl

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