Am 31. Dezember ist Schluss

Die letzten Wochen der Münchner Café-Legende: Ciao, Tambosi!

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Vor Münchens längstem durchgehend betriebenen Caféhaus sitzt es sich an sonnigen Tagen fast wie in Italien. Mit Blick auf den Odeonsplatz schmeckt der Cappucino doppelt gut.

München - Mitte November, Sonnenschein. Nirgendwo in München sitzt man an solchen Tagen schöner als vor dem Tambosi am Odeonsplatz. Doch die Tage der Café-Legende sind gezählt. Ein Loblied zum Abschied.

Wenn München als „nördlichste Stadt Italiens“ gerühmt wird, dann gilt das wohl am ehesten für das hübsche Café am Odeonsplatz. Wer da auf der Terrasse des Tambosi in der letzten Herbstsonne einen freien Stuhl ergattert und an seinem Espresso nippt, der blickt auf eine Loggia, wie sie fast spiegelbildlich in Florenz steht. Und auf eine Kirche, die italienische Baumeister und Bauarbeiter in prächtigem Barock gestaltet haben. Auch das Café an Münchens sonnigster Ecke selbst hat italienische Ahnen. Doch die schöne Szene geht mit diesem Jahr zu Ende.

Der Pächter des Tambosi, Frank Waldecker, wirft hin. Weil ihm der Immobilienbesitzer, die verflochtene Inka Odeonsplatz GmbH & Co KG, eine „immense Mieterhöhung“ abverlangt, sagt er. Und weil diese Firma anscheinend ein ganz anderes Gastro-Konzept hat als das Café bisher. Man hört von einer „modernen Brasserie mit Nachtbetrieb“, aber angeblich ist das auch schon wieder passé. Fakt ist: München verliert wieder eines seiner letzten Traditionslokale. Finito mit Focachino(Schokoeis gerührt mit Schlagsahne), mit Lolas Verführung (eine Anspielung auf die Gespielin des früher vis-à-vis wohnhaften Königs Ludwig I.), mit den Gelati und Dolci und Kaffee-Spezialitäten. Wird künftig Bier für Nachtschwärmer serviert statt wie seit 270 Jahren all die italienischen Köstlichkeiten?

Giuseppe Pietro Sardi hieß der aus Venedig zugezogene Lotterieeinnehmer, der am 24. März 1775 mit kurfürstlicher Genehmigung vor der Reitschule an der Hofgartenmauer ein Lädel aufmachte, wo er welsches Naschwerk sowie coffee, chocolats, thee und lemonate verkaufen durfte. Die Münchner nannten ihn deshalb den Limo-Mo. Oder auch Pantalon, weil er ein Possenreißer war. Sardi leistete sich höfischen Glanz: Marmorböden in Weiß und Blau, himmelblaue Tapeten, sechskerzige Kronleuchter, Wandbilder mit historischen Szenen und Porträts der Fürstenfamilie (noch herrschte Max Joseph, „der Vielgeliebte“, der 1777 an Pocken starb, mit Kurfürstin Maria Sophie, die gegenüber, in der Theatinekirche, beigesetzt ist).

Es war mehr ein Gartenschlösschen als ein Gastlokal, ideal für bürgerliche und feudale Feste. Gern wurde da bei Musik getafelt. Auch Mozart war mit Vater, Schwester und lokalen Musikgrößen eingekehrt, als seine Oper Idomeneo im Hoftheater uraufgeführt wurde. Sogar Kaiser Franz II. war 1789 zu Besuch. Sardi war es übrigens, der das Fruchteis in Deutschland eingeführt hat.

Nach mehrmaligem Wirtewechsel pachtete am 25. November 1810 der Traiteur Luigi Tambosi aus Trient das elegante Kaffeehaus – ein Feinkoch, dessen Name mehr als 200 Jahre später noch jedem Münchner ein Begriff ist. Tambosis Familie diente dem Hof und betrieb neben der Theatinerkirche eine kleine Schokoladenfabrik. Zwar wurde das Gourmetlokal 1822 abgerissen, weil das Gelände für das erste Münchner Warenhaus gebraucht wurde. Doch Tambosi durfte sein Lokal im südlichen Teil des großen, von Leo von Klenze erbauten Kommerztempels aufmachen. Jetzt wurde es erst richtig berühmt.

Im Tambosiverkehrten die Hofgesellschaft und das gehobene Bürgertum, schöne Damen und ebenso schöne Offiziere. Aus dem Kaffeeplemperer wurde Münchens erster Großgastronom, und aus seinem Café ein Treffpunkt der mondänen Welt. Und auch der Halbwelt. „Hier ist der offene Markt der Reize“, berichtet Lorenz Hübner, der Stadtschreiber des frühen 19. Jahrhunderts. „Hier wird an Sonn- und Feiertagen jeder neue Putz auf Schau getragen. Hier wird geschmachtet, geliebäugelt, geseufzt und getändelt.“

Hier wurde auch getratscht. Und zwar mit Vorliebe über die Liebschaften des Königs. Ein Stammtisch hieß sogar Die bösen Zungen. An den Marmortischen soll Ludwig I. selbst Komplimente an die Schönen verteilt und die Allerschönsten zum Porträtieren ausgewählt haben. Zu Ehren seines hohen Gastes und Gönners bajuwarisierte Luigi Tambosi seinen Vornamen in Ludwig Alois und richtete selber eine kleine Galerie mit Gemälden schöner Münchnerinnen ein.

Einige Zeit blieb das Tambosi das vornehmste Ausgehziel der Biedermeier-Stadt. Der Philosoph Schelling, die Maler Kaulbach und Rottmann, die Dichter Scheffel und Heyse, der universale Graf Pocci, der Hofkapellmeister Lachner und sonstige Mitglieder der Hautevolee gehörten zu den Stammgästen. Kaulbach, Dillis, Lindenschmidt und Neureuther stifteten dem Wirt eigene Bilder. Der Wiener Raimund schrieb ins Gästebuch eine Hymne auf die besten Münchner Restaurants mit dem heute noch werblich verwendeten Schlusssatz:...und dann der famosi / Caffé beim Tambosi. Nach anderen Quellen erfand Nestroy den Spruch, aber darum geht es hier ja auch nicht.

Allerlei Kurzweil, was man später Varieté nannte, wurde den erlauchten Gästen geboten. Die Hauschronik stellt sie vor: ein Guckkasten mit tanzenden Figuren, eine „Sängerbande mit großer Jodelei“, Dudelsackklänge, Imitationen für Vogelstimmen, Schweinegrunzen und Pferdewiehern, auf Hunden reitende Affen und dergleichen Gaudi mehr. Schrullige Originale unterhielten die Leute, beispielsweise der letzte Hofnarr Georg Pranger, ein Liebhaber süßer Schnäpse. Oder der als Liebesbote gefragte Finessensepperl mit seinem Spruch „Nix gwiss woas ma net“ sowie das alte Stummerl, ein fliegender Buchhändler, ein Professor der unentdeckten Wissenschaften und der Geiger Canapé mit seinen markerschütternden Kratztönen.

Draußen im Hofgarten spielte im Sommer fast täglich eine andere Militärkapelle. Ein Club von 112 Offizieren, die Tambosianer, traf sich zum Billard. Sogar ein Kartenspiel bekam den Namen des Wirts, woraus der Spruch entstand: „So spielt man beim Tambosi“ – nämlich nur routiniert. Doch dann verließ das Glück den Maestro. Eines seiner sechs Kinder starb an Wassersucht, eines an Hirnerweichung, eines durch Blutsturz und eines bei einem Brand. 1871 gab die Familie das Lokal auf.

Erst 1920 kam neues Leben ins Hofgarteneck. Gustl und Anna Annast aus Salzburg zahlten eine Million Reichsmark an den Vorbesitzer Bauknecht, tauften das Café auf ihren Namen und machten es wiederum zu einer Münchner Institution. Nach und nach wurde das Annast vergrößert. Der neue Besitzer, der 1928 Münchens erster Faschingsprinz war, fügte einen Ballsaal und ein Casino ein. Noch bis in Kriegsjahr 1945 wurde die Kleinkunstbühne Serenissimus bespielt. Prominente Künstler traten auf: Karl Valentin und Liesl Karlstadt, Fritz Grünbaum, Lale Andersen, Willy Schäffers, Iska Geri, Ursula Herking, Gerd Fröbe, Adolf Gondrell. 1958 eröffnete ein Intimes Theater, das außer Komödien auch Friedrich Holländers letzte Revuen spielte.

Im Januar 1964, nach über hundert Programmen, verkaufte der 83-jährige Gustl Annast sein Café an den Hendlkönig Friedrich Jahn. 1970 gelangte es in den Besitz einer Bank, die sogleich die Schließung und anderweitige Nutzung beschloss. Dies wiederum löste einen von der Presse unterstützten Proteststurm aus. Dabei ging es nicht mehr nur gegen die damals grassierende „Bankenpest“, sondern bereits grundsätzlich gegen die „sich häufenden, gewollten und ungewollten, heimlichen und offenen, privaten und amtlichen Anschläge auf unsere Stadt“, so zürnte der Architekt Karl Klühspies.

Zwar blieb das Hofgartencafé daraufhin erhalten, es wurde aber dermaßen verkleinert, dass es mit 60 Quadratmetern nur noch als Spelunke vegetierte. Nachdem die Bank gegangen war und eine Immobiliengesellschaft aus Köln den ganzen ehemaligen Baukomplex erworben hatte, ging es wieder aufwärts. 1997 übernahm Frank Waldecker, der als erfahrener Gastronom schon Clinton und Schröder bedient hatte, den famosen Betrieb – wieder unter seinem vollen Traditionsnamen Luigi Tambosi. Das Haus wurde nach historischen Entwürfen restauriert. Fortan konnten 200 Plätze vom frühen Morgen bis 1 Uhr nachts bedient werden, im Sommer draußen am Odeonsplatz und unter den Linden im Hofgarten noch tausend mehr. Hier war tutto Monaco, wie es in einer Fernsehszene mit Helmut Fischer heißt. A bissl was ging hier immer.

Was nun daraus werden soll? „Nix gwiss woas ma net“, zitiert Waldecker den Finessensepperl. „Bestimmt kein Kaffeehaus mehr.“ Und deshalb ist für ihn und seine Frau Andrea „hier endgültig Feierabend“. Letzter Tag: 31. Dezember 2016. An eine Rettung fürs Tambosi, wie sie noch 1970 erfolgreich war, glaubt er angesichts der „exorbitanten Mieterhöhung“ nicht. Es bleibt: eine Legende.

von Karl Stankiewitz

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