Neue tz-Serie

Geheimes München: Hinter den Kulissen - er kümmert sich ums Glockenspiel

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Andreas I. ist einer von zehn Mitarbeitern, die sich täglich um das Glockenspiel kümmern.

München - Die tz stellt in dieser Serie eben jene Flecken vor, die normalerweise der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Heute blicken wir hinter die Kulissen des Glockenspiels im Rathaus.

Wenn der Ritter wieder hilflos im Sattel hängt, muss Elektriker Andreas I. ran. Jeden Tag. Dann hilft er dem Blechmann erneut aufs Pferd. Dafür bekommt der 33-Jährige nichts. Nur Applaus hätte er gern. Was kaum jemand weiß: Das Glockenspiel im Rathaus würde ohne Mitarbeiter wie Andreas I. gar nicht funktionieren. Die tz hat ihn hinter die Kulissen begleitet. Dort wo Ritter streiten, Schäffler tanzen und der Hanswurst wohnt!

Perspektivenwechsel: Von unten kennt das Glockenspiel am Marienplatz nahezu jeder.

Der Weg nach oben ist für Besucher immer gleich, von der Kasse zur Aussichtsplattform, vom vierten in den neunten Stock. Dazwischen aber ist geheim, dazwischen schlägt das Herz des Glockenspiels. Hier, im fünften Stock, inmitten des Uhrwerks, scheint die Zeit ein wenig still zu stehen. Es riecht nach historischem Holz und Schmierfett von den schweren Maschinen. Ein antikes Schaltwerk steht im Raum. Bronzebeschläge. Alte Knöpfe wie bei einem Radio, geschützt von einer Glastür wie bei einer Vitrine. Schilder mit den Worten: Reiter, Hanswurst, Schäffler, Hahn. Kabel laufen die Wand entlang nach oben zu den Musik-Walzen im achten Stock.

Was auch in dem Raum zu finden ist: eine Box, eine Hifi-Anlage. Denn: Das Glockenspiel wird über Mikrophone nach außen getragen. Die Schallübertragung im Rathausturm ist alleine zu schlecht, ohne die Technik wäre der Klang zu leise für den Marienplatz. Und auch für den Notfall ist gesorgt, streiken die Walzen oben, kann die Musik unten von einer Anlage abgespielt werden.

Weiter rechts im Rund öffnet Andreas I. eine kleine Tür, die den Blick freigibt auf die Turnierritter und den Hofstaat. Als einer von zehn Menschen kümmert er sich mit um das Glockenspiel. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet der 33-Jährige im Rathaus. Wie viele hier hat er das Glockenspiel schon gesehen. „Aber damals nur von außen“, sagt der Elektriker.

Und das ist sein Arbeitsplatz: Der Rathausturm mit seinen 43 Glocken ist das größte Glockenspiel in Deutschland und das fünftgrößte in Europa. Entstanden ist der Touristenmagnet im Jahr 1909. Die kleinste Glocke hat einen Durchmesser von 18 Zentimetern und wiegt zehn Kilogramm. Die größte misst 125 Zentimeter und ist 1300 Kilo schwer. Im Inneren bewegen sich 32 lebensgroße Kupferfiguren. Und die bewegen sich nach Plan. Der Ablauf im Herz ist getaktet. Ritter, Schäffler, Hahn, der dreimal kräht. Es läuft auch tatsächlich automatisch. Die Knöpfe in der antiken Schaltzentrale sind nur für den Fall, dass die Technik streikt.

Das Glockenspiel gibt es täglich um 11 Uhr und um 12 Uhr, in den Sommermonaten von Mai bis Oktober zusätzlich um 17 und 21 Uhr (Gute-Nacht-Gruß). Doch es beginnt tatsächlich etwas früher.

Ein Wecker steht neben der antiken Schaltzentrale. „10.59 und 53 Sekunden ist die Deadline für das 11-Uhr-Spiel“, sagt Andreas I. Grund sind der Alte Peter, Heilig-Geist und die Frauenkirche. Die klingeln nämlich auch zur vollen Stunde. Und das Spiel am Rathaus soll sich nicht mit deren Geläut überlagern.

Um 10.59 und 55 Sekunden drückt Andreas I. einen Knopf, dann noch einen. Unaufgeregt. „Ich kann mich aber noch an meinen ersten Tag hier erinnern“, sagt der 33-Jährige. Da sei ihm schon anders geworden. „Da unten stehen ja Hunderte Menschen, die warten.“

Warten auf die Ritter und Knappen. Die betreten das Schlachtfeld. Die 16 Figuren sollen an die dreiwöchige Hochzeit von Herzog Wilhelm V. im Jahr 1568 erinnern – damals das prunkvollste Fest des Jahrhunderts. Der bayerische, der Wittelsbacher, Ritter trägt Gold, auf dem weißblau bekleideten Pferd. Der Gegner ist ein habsburgerischer Ritter in rot und weiß. Freilich gewinnt der Wittelsbacher! Jeden Tag.

Dann beginnt der Tanz der Schäffler, Der Legende nach wurde dieser in München erstmals 1517 aufgeführt. Die Bürger hatten sich wegen der Pest in ihren Häusern verschanzt. Die Schäffler wollten die Bevölkerung beruhigen und das öffentliche Leben wieder in Gang bringen.

Frisch ans Werk.

Die Musik des Glockenspiels wird von Walzen erzeugt. Es gibt sechs verschiedene, die jeden Monat gewechselt werden. Eine läuft nur zur Weihnachtszeit. Sie lagern im achten Stock. Über 20 Melodien. Von „Aber heit is kalt“, dem Traditionslied der Münchner Schäffler, im Januar über Loreley und Bierwalzer bis „Oh Tannenbaum“ im Dezember. Und täglich um 21 Uhr ertönen der Nachtwächterruf von Richard Wagners und das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms.

Zum Schluss kräht der Hahn. Dreimal. Dann ist schweigen. Bis zum nächsten Glockenspiel. „Es wäre möglich, das komplett zu automatisieren“, sagt Andreas I. „Aber den Ritter muss man immer wieder von Hand aufrichten“, sagt er, tritt zwischen die Kämpen und Knappen und hilft dem Ritter wieder in den Sattel. Und draußen gibt es Applaus. 

Geheimes München - die tz-Serie

Teil 1: Was sich unter dem Stachus verbirgt

Teil 3:Der Bunker an der Blumenstraße

Teil 4: Uralte Kostbarkeiten unter der Uni

Teil 5: Das Pumpenwerk unterm Hofgarten

Teil 6: Vier Verstecke unter der Stadt

Teil 7: Europas größtes Rückhaltebecken

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