Das sagt Alt-OB Ude

Im Herzen der Stadt: Jüdisches Zentrum feiert Jubiläum

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Begegnungsstätte mitten in München – das Jüdische Zentrum.

München - Das Jüdische Zentrum auf dem Jakobsplatz feiert zehnjähriges Bestehen. Politiker ziehen eine positive Bilanz - doch warnen gleichzeitig vor wachsendem Antisemitismus. 

Am Mittwoch vor zehn Jahren wurde das Jüdische Zentrum auf dem Jakobsplatz feierlich eingeweiht – auf den Tag genau 68 Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938. Längst ist die architektonisch großartige Anlage – mit dem Prunkstück Hauptsynagoge – im Herzen der Stadt angekommen. Museum und Gemeindehaus, Schule und Versammlungsräume, Kinder­garten, Jugendzentrum und vieles mehr – hier sprechen Charlotte Knobloch und Christian Ude über das Zentrum, jüdische Kultur in München und die Pflicht zur Menschlichkeit.

Knobloch: „Empfinde Glück und Dankbarkeit“

Frau Knobloch, was bedeutet der 10. Jahrestag des Zentrums für Sie?

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, und der damalige OB Christian Ude bei der Fünf-Jahres-Feier des Jüdischen Zentrums.

Charlotte Knobloch: Es ist ein Tag, an dem ich großes Glück und tiefe Dankbarkeit empfinde. Und an dem ich natürlich auch innehalte und zurückblicke. Wir sind mit diesem Umzug aus unserem Hinterhofdasein aufgebrochen in eine neue Ära der Sichtbarkeit und der Selbstverständlichkeit, und wir sind nicht nur im Herzen der Stadt, sondern auch in den Herzen der Münchnerinnen und Münchner angekommen.

Wie hat sich die Stimmung in München und Deutschland gegenüber dem Judentum in diesen zehn Jahren verändert?

Knobloch: Grundsätzlich ist es so, dass aus dem Nebeneinander der Nachkriegsjahre und -jahrzehnte endlich ein Miteinander geworden ist. Es gibt immer wieder Rückschritte, und der Antisemitismus zeigt sich immer offener und ungenierter. Und zwar nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in deren Mitte. Aber es überwiegen die positiven Erlebnisse. Und das Jüdische Zentrum bietet den Raum für Begegnungen und Dialog.

Knobloch fordert verstärkte Aufklärung

Sie warnen vor stärker werdendem Antisemitismus. Können Sie Beispiele nennen?

Knobloch: Tätliche Übergriffe und Straftaten wie in anderen Städten haben wir in München zum Glück nur wenige zu beklagen. Die Polizei und Sicherheitsbehörden leisten alles in ihrer Macht Stehende, um die jüdischen Menschen und Einrichtungen zu schützen. Allerdings werden immer wieder antisemitische Flugblätter verteilt oder Aufkleber geklebt oder auch Graffiti geschmiert. Hinzu kommen einschlägige Zuschriften und Anrufe. Es ist schon bedrückend, in welchem Ausmaß antijüdische Ressentiments nach wie vor in unserer Gesellschaft verbreitet sind.

Wie kann dem Antisemitismus entgegen gewirkt werden? Was wünschen Sie sich von der Münchner Bevölkerung?

Knobloch: Ich wünsche mir mehr Aufklärung in den Schulen und Bildungseinrichtungen. Judentum muss umfassender unterrichtet werden. Jüdische Geschichte, Kultur und Religion in der Vergangenheit und in der Gegenwart und zwar insbesondere auch vor 1933 und nach 1945. Zu wenigen ist bekannt, dass die deutschen Juden einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung unseres Landes geleistet haben und leisten. Sie gehören seit 1700 Jahren zu Deutschland. Der Holocaust ist ein wichtiges Thema, vor allem weil die Erinnerung dazu dienen muss, für die Zukunft zu lernen, aber er darf nicht das einzige sein, was Menschen mit Juden verbinden. Das gilt auch für den Staat Israel. Ich wünsche mir hier ­eine breitere und tiefere Information der Menschen. Sie ­müssen verstehen, warum die Solidarität mit Israel Bestandteil unseres freiheitlich-demokratischen Selbstverständnisses ist.

Alt-OB Ude: „Ich bin immer noch begeistert“

Ex-OB Christian Ude (69) erinnert sich: „Ich weiß noch genau, wie Charlotte Knobloch damals, kurz nach meiner Wahl zum Bürgermeister, auf mich zukam mit der Idee, dass ein Jüdisches Zentrum auf dem Jacobsplatz neu entstehen könnte. Ich war wie elektrisiert! Von all dem, was mal das Stadtbild beherrscht hatte mit der früheren Synagoge, war ja auch im öffentlichen Bewusstsein nichts übrig geblieben. 

Bis es dann zu dem Bau kam, folgte aber erst ein langer Hürdenlauf. Wobei sich viele heute nicht mehr daran erinnern wollen, dass sie Hürden aufgebaut haben. Da gab es Einwendungen aus der Nachbarschaft, das Zentrum würde Sicherheitsprobleme auslösen. Der Platz, der ja ein richtig schäbiger Hinterhof war, müsse unbedingt als Freifläche erhalten werden … Es wurde nie offener Antisemitismus geäußert, aber es gab ständige Initiativen, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Aber dann kamen die positiven Erfolge: Die finanzielle Dimension wurde bewältigt, die Rechtsfragen wurden gelöst. Der Architekturwettbewerb hat bewiesen, dass das Raumprogramm tatsächlich auf dem Platz bewältigt werden kann.

Zuerst noch ein Schock: der geplante rechtsradikale Anschlag. Aber nach Beseitigung der Bauzäune habe ich es als ein richtiges Glücksgefühl erlebt, wie toll die Architektur überzeugt hat. Es war eben nicht alles zu eng, sondern es ist im Gegenteil ein großartiger Sakralbau in einer reizvollen städtebaulichen Situation entstanden. Ich bin heute noch, wenn ich vorbeikomme, begeistert!

Es ist kein abgeschottetes Haus der Juden, sondern ein öffentliches Forum, ein Beitrag zur Integration. Das Haus lebt! Es übertrifft alle Erwartungen von damals.“

Gastronom kritisiert: Kein Platz für israelische Küche

Schmock war einmal: Gastronom Florian Gleibs.

Im September hat er sein israelisches Kult-Lokal Schmock in der Augustenstraße nach 16 Jahren dicht gemacht. Die antisemitische Stimmung sei seit dem Gaza-Krieg 2014 immer heftiger geworden, sagt Chef Florian Gleibs (45). Judenhass komme hierzulande dabei vor allem unter dem Denkmantel der Israelkritik daher, denn gegen die Juden „könne man ja nichts sagen“. Auf diese Diskussionen habe er keine Lust mehr, so Gleibs.

Als Opfer sieht er sich nicht. Auch wenn Unbekannte auf sein Auto schon mal einen David-Stern klebten und es zerkratzten oder er böse Anrufe bekam. „Beschimpfungen gibt es immer.“ Statt Schmock heißt es bald Vu Tang – Gleibs wird dann laotische Küche servieren.

In München sieht Gleibs keinen Platz mehr für israelische Küche. Neben dem laotischen Lokal (Eröffnung in ca. zwei Wochen) betreibt der Gastronom noch das Meschugge neben dem Volkstheater und die Bar Helene in der Occamstraße. In beiden Lokalen gibt’s übrigens den gleichen Vorspeisenteller wie im Schmock. Nur heiße er nicht israelischer Vorspeisenteller, sondern arabischer, so Gleibs. „Und siehe da, kein Schwein regt sich auf.“

wei, ast

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