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Kunstfoyer der Versicherungskammer: "100 Jahre Leica"

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Hans-Michael Koetzle hat die Leica-Ausstellung kuratiert. Die tz führt er durch die neue Schau.

München - Hans-Michael Koetzle, Experte und Chefredakteur von Leica World, hat zum 100. Jubiläum der legendären Kamera vor zwei Jahren eine Ausstellung konzipiert, die jetzt auch in München zu sehen ist.

Die Zeit war reif für eine bahnbrechende Entwicklung wie die Leica“, sagt Hans-Michael Koetzle (62). Der Experte und Chefredakteur von Leica World hat zum 100. Jubiläum der legendären Kamera vor zwei Jahren eine Ausstellung konzipiert, die jetzt auch in München zu sehen ist: Augen Auf! – 100 Jahre Leica Fotografie.

Herr Koetzle, wie viel hat Ihre M6 eigentlich gekostet?

Hans-Michael Koetzle: 3000 D-Mark. Viel Geld, aber der Preis ist relativ. Sie hat noch nie den Geist aufgegeben, sie musste noch nie repariert werden. Wenn man das bis heute umrechnet, kostet sie mich monatlich fünf Euro.

Warum ist Leica Legende?

Hans-Michael Koetzle: Weil die Firma Leitz die Fotografie torpediert hat. Die Leica war klein, leicht und immer verfügbar. Sie hatte eine brillante Optik, und man konnte bis zu 36 Bilder auf die Schnelle machen.

Erinnert an Kinofilm …

Hans-Michael Koetzle: Genau. Die Zeit war reif dafür. Denken Sie an Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin, 1925 – in dem Jahr, als der Prototyp Ur-Leica, die 1914 entwickelt wurde, in Serie ging. Das Zeitalter der Bewegung war geboren – Autos, Zeppelin. Mit der Bahn kamen Sie damals schneller von München nach Berlin als heute.

Was ja keine Kunst ist …

Hans-Michael Koetzle: (lacht). Trotzdem. Mit der Leica konnten Sie quasi einen kleinen Film drehen. Das war bei den bisherigen Plattenkameras unmöglich. Und: Die Leica war ideal für Reisen. Mit zehn Leica-Filmrollen konnten Sie 360 Aufnahmen knipsen. Nehmen Sie mal 360 Glasplatten mit ins ewige Eis …

Wie viel hat denn die erste Leica 1925 gekostet?

Hans-Michael Koetzle:  460 Reichsmark, das entsprach drei Monatsgehältern eines Arbeiters.

Also nicht zu leisten für den kleinen Mann.

Hans-Michael Koetzle:  Das stimmt nicht ganz. Viele Arbeiter leisteten sich eine Kamera, weil sie Niederschlagungen von Aufständen oder Nazi-Aufmärsche in der Weimarer Republik dokumentieren wollten. Die Fotos konnten sie wiederum an Zeitungen und Zeitschriften veräußern.

Wie viele Kameras wurden produziert?

Hans-Michael Koetzle:  Im ersten Jahr 900, und pro Jahr verdoppelte sich die Anzahl bis zu 16 000 im Jahr 1929. Das war das Ende der Fahnenstange. Im Jahr 1932 kam das erste Konkurrenzprodukt zu Leitz: die Contax von Zeiss. Aber sie war klobiger und konnte sich nicht wirklich durchsetzen. Übrigens wurden gerade die Frauen eine beliebte Zielgruppe für die Leica – weil die Kamera in jede Handtasche passte und leicht war.

Haben die Traditionalisten der Malerei und Plattenfotografie nicht gewettert über die neue Erfindung?

Hans-Michael Koetzle:  Oh ja. Das ist vergleichbar wie die Entwicklung von analog zu digital. Die Fotografie wurde für jeden verfügbar. Ob für Dokumentation oder Kunst, steht auf einem anderen Blatt.

Ein Wort zum Leica-Erfinder Oskar Barnack?

Hans-Michael Koetzle:  Ein Besessener, ein Genie. In der Schau können Sie Skizzen sehen, wie er die Leica immer besser machte.

Zahlen und Fakten zur Schau

Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie läuft ab sofort bis 5. Juni im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, Maximilianstraße 53. Geöffnet ist täglich von 9 bis 19 Uhr, der Eintritt ist frei. Mehr Infos: www.versicherungskammer-kulturstiftung.de.

Frauen und Fußball-Mönche

Einige der insgesamt über 300 Fotografien der Ausstellung (von links oben im Uhrzeigersinn): Grace Kelly (scharf, aber unscharf) in Alfred Hitchcocks Edel-Thriller Über den ­Dächern von Nizza von 1955 (François Fontaine, 2012), F.C. Gundlach: Modereportage für „Nino“, Hamburger Hafen (1958), die fußballspielenden Geistlichen in Spanien hat Ramón Masats eingefangen (Ohne Titel, 1960), und vom Leica-Pionier höchstselbst, Oskar Barnack (1879 – 1936), ist die Flut in Wetzlar im ­dritten Jahr der Weimarer Republik, 1920.

Interview: Matthias Bieber

Matthias Bieber

Matthias Bieber

E-Mail:Matthias.Bieber@tz.de

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