Serie: Münchner Wahrzeichen

Klingendes Geschichtsbuch im Rathausturm

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Dreimal am tag Blickfang für tausende Augenpaare: Die Figuren des Glockenspiels im Rathausturm. Es sind Szenen aus der Münchner Geschichte, die da vor den Augen der Schaulustigen vorbeiziehen.

München - Über die Sehenswürdigkeiten der eigenen Stadt weiß man als Einheimischer oft viel zu wenig. Wir stellen deshalb die beliebtesten Münchner Postkartenmotive in einer Serie vor und erklären, was sie so besonders macht. Heute: das Glockenspiel.

Jeden Tag spielen sich vor dem Rathaus am Marienplatz merkwürdige Szenen ab. Menschen versammeln sich, bleiben wie angewurzelt stehen und starren nach oben. Doch es ist nicht etwa eine Himmelserscheinung, die für die Genickstarre ganzer Reisegruppen verantwortlich ist. Vielmehr gilt der nach oben gerichtete Blick dem Münchner Glockenspiel.

1908 war es zum ersten Mal am Marienplatz zu hören. Denn das Glockenspiel war von Anfang an fester Bestandteil des Plans, den Architekt Georg Hauberrisser für das Neue Rathaus hatte. Zu seiner Fertigstellung konnte sich München damit schmücken, das erste elektromechanisch betriebene Glockenspiel Europas zu besitzen. Elektrik ist auch heute noch im Spiel, jedoch sorgt – ganz ökologisch korrekt – seit einigen Jahren Solarstrom dafür, dass die unterm Glockenspiel versammelten Menschenmassen bei ihrem Blick nach oben bestens unterhalten werden.

Die Figuren erinnern an zwei wichtige Ereignisse

Die 32 Figuren des Publikumsmagneten erinnern bei ihren täglichen Vorführungen an zwei wichtige Ereignisse aus der Münchner Stadtgeschichte. Auf der oberen Etage wird die Hochzeit von Herzog Wilhelm V. mit Renate von Lothringen 1568 nachgestellt, auf der unteren tanzen die Schäffler und erinnern so an den ersten Auftritt der Fasshersteller 1517 nach einer verheerenden Pestepidemie.

Zunächst boten die Figuren ihr Schauspiel jeden Tag nur einmal um 11 Uhr dar. Erst seit den Olympischen Spielen 1972 kann man das Glockenspiel auch um 12 Uhr und im Sommer um 17 Uhr bewundern. Bei der mittäglichen Vorstellung allerdings lassen die Verantwortlichen seit jeher einer anderen altehrwürdigen Münchner Sehenswürdigkeit den Vortritt: Um Überschneidungen mit dem Glockengeläut der benachbarten Stadtpfarrkirche St. Peter zu vermeiden, startet das Rathaus-Glockenspiel immer erst einige Minuten nach 12 Uhr.

20 Melodien im Repertoire

Dafür, dass das Spektakel trotz mehrfacher täglicher Wiederholung interessant bleibt, sorgen sechs Walzen, die monatlich ausgewechselt werden. 20 Melodien umfasst das Repertoire – vom Bierwalzer bis zum Weihnachtslied „Oh Tannenbaum“. Jeden Abend um 21 Uhr gibt es zusätzlich zu den regulären Vorstellungen noch eine Art Abendritual. Dann wiegen der „Nachtwächterruf“ aus Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“, und das „Wiegenlied“ von Johannes Brahms das Münchner Kindl in den Schlaf.

Gegossen wurden die insgesamt 43 Glocken des Wahrzeichens übrigens in Laim von der Glockengießerei Oberascher. Wie viel die Hersteller der heutigen Touristenattraktion einst für ihre Dienste berechneten, belegten kürzlich wieder im Viertel aufgetauchte Dokumente. 6913 Mark sind im damaligen Kostenvoranschlag für das Glockenspiel kalkuliert.

Die Münchner spendeten über 600.000 Euro

Dagegen erscheint die jüngste Renovierung des Münchner Symbols geradezu astronomisch teuer: 750.000 Euro kostete die Instandsetzung zum 850. Stadtgeburtstag im Jahr 2008. Den Münchnern aber schien ihr Wahrzeichen die Summe wert zu sein: Rund 660.000 Euro kamen für die Restaurierung allein aus ihren Spenden zusammen.

Lesen Sie weitere Folgen unserer Serie über die Münchner Wahrzeichen: das Olympia-Dach, der Alte Peter, das BMW-Hochhaus und der Chinesische Turm im Englischen Garten.

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Annika Schall

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