Traditionsgeschäft im Ruffinihaus

Wo es die Unterwäsche noch nach Augenmaß gibt

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Das von Gabriel von Seidl errichtete Ruffinihaus gehört der Stadt und soll voraussichtlich im kommenden Jahr grundsaniert werden. Die hier angesiedelten Traditionsgeschäfte müssten dann zumindest zeitweise ausziehen.

München - Seit 35 Jahren betreibt Simin Elmpak das Traditionsgeschäft Tremel Dessous im Ruffinihaus. Der Laden ist ihr Lebenswerk, auch wenn sie inzwischen häufiger an den Ruhestand denkt.

Viel braucht Simin Elmpak nicht, um die Körbchengrößen ihrer Kundinnen exakt zu bestimmen: Ein genauer Blick, ein, zwei Probexemplare – und schon sitzt der neue BH perfekt. Ein Maßband sucht man bei Tremel Dessous im Ruffinihaus vergeblich. „Ich messe nie, die Marken haben ohnehin alle unterschiedliche Größen“, sagt Elmpak, die ihre Kundinnen meist nur Frau Elmi nennen. Seit 35 Jahren betreibt sie ihren Laden an der Sendlinger Straße. „Tremel ist mein Lebenswerk“, sagt sie.

Schon seit mehr als 100 Jahren versorgt der Laden in der Altstadt die Münchner mit Unterwäsche. Die Gründerfamilie Tremel zog zur Fertigstellung des Ruffinihauses, Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein und etablierte das Geschäft, trotz der Widrigkeiten der damaligen Zeit. „Kurz nach dem Krieg nähte die Familie die BHs noch selber aus Stoffresten“, erzählt Elmpak.

Obwohl die heutige Inhaberin mit den Tremels nicht verwandt ist, führt auch sie im Ruffinihaus ein Stück Familientradition weiter: Elmpaks Vater war ein persischer Textilfabrikant, und an den Unterwäscheladen in ihrer Geburtsstadt Teheran erinnert sie sich noch immer: „Es gab dort so viele schöne Dinge“, schwärmt sie. „Es war schon immer mein Wunsch, irgendwann auch mal solch einen Laden zu haben“. Anfang der 60er zieht Elmpak nach Deutschland, wird eingebürgert und macht diesen Wunsch wahr: 1981 übernimmt sie den Laden an der Sendlinger Straße, den sie seitdem mit Verkäuferin Rita Helft im Alleingang führt.

In Zeiten, in denen vor allem große Ketten die Fußgängerzone beherrschen, haben kleine Läden nur eine Chance, wenn sie eine Nische finden. Für Elmpak war das die Spezialisierung auf große Körbchen, BHs bis zur Größe 95H hat die Geschäftsfrau vorrätig. „Bevor Frauen zu mir kommen, denken sie oft, sie hätten eine unmögliche Größe“, berichtet die Unterwäsche-Expertin. „Ich sage immer: Unmögliche Größen gibt es nicht.“ Und noch etwas finden Kunden in dem kleinen Laden, wonach man bei den großen Textilkonzernen oft lange suchen muss: Beratung. So braucht Frau Elmi nur zwei Minuten und fünf Worte, um einem jungen Mädchen den BH in Körbchengröße E auszureden: „Nein Liebes, viel zu klein“. Nach einem Blick in den Spiegel ist dann auch die Neukundin vom stattdessen empfohlenen Modell in Größe F überzeugt.

Dass auch jugendliche Kundschaft den Traditionsladen aufsucht, ist laut Besitzerin keine Seltenheit. Denn überzeugte Kunden würden ihren Laden familienintern weiter empfehlen. „Ich bediene von den Enkeltöchtern bis zur Urgroßmutter hier inzwischen jeden“, sagt sie lachend und hilft der Stammkundin, die ihr abgetragenes Lieblingsmodell ersetzen möchte, mit ein paar gezielten Griffen in die Schubladen.

In letzter Zeit allerdings hört Frau Elmi von ihrer Stammkundschaft auch immer wieder Fragen, die mit Körbchengrößen und Trägerbreiten nur wenig zu tun haben. Angesichts des großen Medienrummels um die anstehende Renovierung des Ruffinihauses fürchten viele Kundinnen um die Zukunft des Unternehmens. „Viele denken, wir wären schon weg, aber das stimmt nicht. Noch bin ich hier und freue mich auf Kunden“, sagt Elmpak.

Mit 73 Jahren denkt die Unternehmerin jedoch immer öfter an den eigenen Ruhestand. Schön fände sie es, wenn die Zukunft des Traditionshauses Tremel auch ohne sie sichergestellt wäre. Ein Nachfolger würde ihr den Abschied leichter machen, bekennt Elmpak: „Es ist mein Herzenswunsch, meinen Laden und meinen Traum in guten Händen zu wissen.“

Annika Schall

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