Neue tz-Serie

Geheimes München: Was sich unter dem Stachus verbirgt

+
In den Stachus-Passagen herrscht emsiges Treiben. Doch unter der Einkaufsmeile gibt es noch viel mehr zu sehen!

München - Die tz stellt in dieser Serie eben jene Flecken vor, die normalerweise der Öffentlichkeit verschlossen bleiben. Wir blicken hinter die Kulissen einer der schönsten Städte der Welt.

Treppen, Treppen, immer wieder Treppen! „Wenn man nicht den Aufzug benutzt, spürt man die Dimensionen besser“, sagt Michael Desing. Und die sind enorm! Und unter der Erde. Den Stachus kennt nahezu jeder Münchner. Doch nur an der Oberfläche. Unter den Einkaufspassagen, neben und unter U-Bahn und S-Bahn befindet sich eines der größten Gebäude in München – die Katakomben unterm Karlsplatz!

350 lang, 150 Meter breit. Vier Voll-Stockwerke, das fünfte ein Teilgeschoss, das sechste ein kleiner Bereich für die Grund- und Abwasser-Anlagen. 30 Meter unter der Sonnenstraße. Knapp 100 000 Quadratmeter Fläche, Rohre und Gänge. Das sind 13 Fußballfelder. 500 000 Kubikmeter umbauter Raum entsprechen 800 Einfamilienhäusern! Allein die Fluchtwege messen siebeneinhalb Kilometer. Es ist das Reich von Bereichsleiter Michael Desing und seinem Team.

27 Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um Wasser, Strom, Luft, Licht, Sicherheit und Brandschutz für das Stachus-Bauwerk, für jeden einzelnen Laden! „Es ist ein besonderes Bauwerk“, sagt Desing. „Und wenn man sich alles anschauen möchte, ist man locker zwei bis drei Tage unterwegs.“

Seit 2005 gehört der Komplex den Stadtwerken München (SWM). Vorher war es 35 Jahre lang unter städtischer Regie. Mitte der 60er-Jahre hatten die damaligen Verkehrsbetriebe einen Umbau der Gleisanlagen am Stachus vorgeschlagen, nebst unterirdischer Fußgängertunnel. Daraus wurden die Passagen! U-Bahn und S-Bahn kamen hinzu, die Pläne änderten sich im Stundentakt. Nach vierjähriger Bauzeit stand der Stachus! Am 26. November 1970 war Eröffnung des damals größten unterirdischen Verkehrsbauwerks Europas.

Die Passagen im ersten Untergeschoss sind schon gigantisch. Es handelt sich um eines der größten unteririschen Einkaufszentren mit 58 Läden auf rund 12 000 Quadratmetern, etwa 250 000 Menschen sind hier jeden Tag unterwegs.

Neben den Zugängen zu U- und S-Bahn befindet sich im zweiten Untergeschoss auch die Leitwarte. „Wir sind rund um die Uhr im Einsatz, zu den Öffnungszeiten sowieso. Und außerhalb gibt es Rufbereitschaft.“ Das Geschoss dient zudem als Versorgungsebene für das Einkaufszentrum sowie angrenzende Kaufhäuser und Betriebe: Hier befindet sich nämlich der so genannte Ladehof, wo selbst große Lastern reinfahren können.

Im dritten und vierten Untergeschoss sind unter anderem Werkstätten. Außerdem das Stachus-Parkhaus mit 700 Stellplätzen. Die Untergeschosse fünf und sechs sind Teilgeschosse mit Ver- und Entsorgungseinrichtungen. Für die tz hat Desing die Türen geöffnet, wir erklären hier den Titan unter Tage!

Dieselaggregate (1)

Die Anlagen sind für den Notfall, sie springen ein, wenn etwa die externe Stromzufuhr wegbricht. Dann ist der Stachus autark! Allerdings sind die Maschinen in die Jahre gekommen und sollen ausgetauscht werden. Und das wiederum ist in einem solchen Gebäudekomplex nicht ganz einfach. Hilfreich sind dabei Luftschächte wie dieser. Von der Erdoberfläche werden die neuen Maschinen, aber auch sonstige größere Geräte, nach unten befördert. „Und hier müssen wir alles rausbauen, Mauern einreißen, und wenn wir fertig sind, bauen wir die Mauern wieder auf“, sagt Desing. „Für uns ist das völlig normal. Hier ist alles riesig, die Geräte passen nun mal nicht durch eine normale Tür.“

Kälte (2)

In solchen Becken lagern gigantische Eiswürfel. Tagsüber laufen die Maschinen, wenn aber zusätzlich Kälte gebraucht wird – etwa zur Mittagszeit – tauen die Stachus-Spezialisten die Eiswürfel auf. Damit das schneller geht, sind sie mit Rohren durchzogen. Und über Nacht werden die Würfel wieder eingefroren. 

Lüftung (3)

Was aussieht wie das Innere von Raumschiff Enterprise, ist einer der Lüftungskanäle. Das Bauwerk hat keine Fenster. „Wir pumpen hier im Schnitt rund 500  000 Kubikmeter Frischluft pro Stunde in den Untergrund“, sagt Desing. Dazu war seit 1972 bis vor vier Jahren der große Ventilator im Einsatz. 260 Pferdestärken, 1800 Umdrehungen! Jetzt ist er in Rente, steht aber noch im Stachus-Untergrund. „Wir haben es nicht übers Herz gebracht, ihn rauszuwerfen, nachdem wir ihn so lange gepflegt haben“, sagt Desing.

Wasser (4)

Die Grundwasser- und Abwasserbecken liegen im sechsten Untergeschoss. Im Teilgeschoss sind die Pumpen. Die städtischen Kanäle liegen rund 5,50 Meter tief unter der Erde. Alles, was wiederum noch weiter unten ist, muss sich mit diesen Pumpen behelfen, um den Anschluss zu finden. „Wir führen bei uns alle Kanäle in diesen Becken zusammen“, sagt Desing.

Ladehof (5)

Der Ladehof im 2. Untergeschoss ist 3,40 Meter hoch. Es können auch 16-Tonner dort rein. Denn von hier werden alle Läden beliefert – Kaufhof, Karstadt, Königshof und die gesamten Stachuspassagen. „Der Ladehof wurde mit eingebaut, weil man damals den Lieferverkehr von der Oberfläche weg haben wollte“, sagt Desing.

Leitwarte (6)

Hier läuft alles zusammen, jede Information. Die Überwachung läuft elektronisch, ein Mitarbeiter kann alle Anlagen steuern und auswählen, wer wohin zur Reparatur muss. Auch die Brandmelde-Anlage wird von hier kontrolliert. Die gesamten 100 000 Quadratmeter des Stachus-Bauwerks sind komplett detektiert und sind flächendeckend besprinkelt. „Wir haben für besonders vorbildlichen Brandschutz sogar einen Award bekommen“, sagt Desing. „Das ist etwas, was tatsächlich nur wenige Gebäude in Deutschland haben.“

Fluchtwege (7)

Im Notfall müssen nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden das Gebäude schnell verlassen können. Dafür gibt es rund siebeneinhalb Kilometer Fluchtwege. Und die sind immer frei von Gegenständen. „Die sehen tatsächlich immer so aus, wir haben nicht extra für die Presse aufgeräumt“, sagt Desing und lacht. Alle Fluchtwege enden in solchen Gängen. Und die wiederum enden im Treppenhaus und in den Notausstiegen. „Das ist insgesamt eines der wichtigsten Dinge überhaupt“, sagt Desing. „Dass die Fluchtwege frei sind und das Licht an ist.“

Heizung (8)

Rohre, Rohre, immer wieder Rohre! Für Heizung, Luft, Kälte, Wasser, Strom – würde man alles zusammenzählen käme man auf mehrere tausend Kilometer. „Wir sind energetisch übrigens hoch modern“, sagt Desing. So gewinnt der Stachus zum Beispiel aus der Abluft Kälteenergie, die wiederum wieder in das Gebäude zurückgeführt wird. Insgesamt hat das Bauwerk eine elektrische Anschlussleistung von etwa 11 000 Kilowatt, und die Heizung liefert rund 8000 Kilowatt Leistung.

Sprinkleranlage (9)

Für ein derart riesiges Gebäude braucht es auch Literweise Löschwasser. Die Sprinkleranlage ist enorm groß, allein diese großen Rohrleitungen ziehen sich rund 40 Kilometer durch den Komplex – und enden in kleinen Glaskörpern, die platzen, wenn es brennt. Das System ist unabhängig von Strom-/Wasserversorgung – selbst wenn beides ausfällt, kann man im Stachus noch löschen. „Wir haben hier in diesem Geschoss zweimal 20 000-Liter, einmal 40 000 Liter, und im vierten UG gibt es noch mal 100 000 Liter Wasser, die wir auch zum Löschen nehmen können.“

Geheimes München - die tz-Serie

Teil 2: Das größte Glockenspiel Deutschlands

Teil 3: Der Bunker an der Blumenstraße

Teil 4: Uralte Kostbarkeiten an der Uni

Teil 5: Das Pumpenwerk unterm Hofgarten

Teil 6:Vier Verstecke unter der Stadt

Teil 7: Europas größtes Rückhaltebecken

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

18-Jährige vergewaltigt? Familienvater vor Gericht
18-Jährige vergewaltigt? Familienvater vor Gericht
Straftaten in München: Das sind die Brennpunkte
Straftaten in München: Das sind die Brennpunkte
Helene Fischer hilft in Münchner Pizzabäckerei aus
Helene Fischer hilft in Münchner Pizzabäckerei aus

Kommentare