Serie: Mei Münchner Leben –  Teil I

Wollkönig Alexander Hordijenko plaudert aus dem Nähkästchen

Kriegen sich nicht in die Wolle: Helga Stark und Alexander Hordijenko.

München - Im Rahmen unserer Reihe "Mei München" sind wir zu Besuch bei Alexander Hordijenko, der seit 37 Jahren den „Wollkorb“ am Sendlinger Tor führt. Am Mittwoch sperrt er zu – für immer.

Sogar Magdalena Neuner gab es zum Sonderpreis. Kostete nur noch die Hälfte, die Wolle der einstigen Spitzenbiathletin, die so gerne strickte und deswegen eine eigene Kollektion auf den Markt brachte. Mit dem passenden Namen „Olympia“. Die Kundin mit dem grünen Rollator interessierte sich mehr für die Sonderposten im höchsten Regal. „Oan blau, oan hellblau und oan weiß“, bat sie, „da drobn“, weshalb sich Alexander Hordijenko die Leiter schnappte und hinaufstieg. 37 Jahre lang war er im „Wollkorb“ in der Sendlinger Straße für seine Kunden da. Am Mittwoch sperrt er zu. Für immer.

Bei all dem Trubel, der noch herrscht, weil viele Käuferinnen sich noch eindecken wollen mit den Restposten zu Rabattkonditionen – zwischendrin wird es Hordijenko auch recht wehmütig ums Herz. „Wenn ich dran denk, dass das hier jetzt vorbei ist“, meint er und hält kurz inne. „Das wird mir hier schon ziemlich abgehen.“ So wie auch seiner Stammkundschaft, etwa einer Frau Ende 40, die mit einem Wollknäuel namens Bingo-Melange in der Hand meinte, jetzt wisse sie gar nicht mehr, wo sie so gute Strickware herbekommen soll. Wer gern strickt, muss sich jetzt warm anziehen.

Lebenslauf außerhalb der üblichen Strickmuster

Das Alte Realgymnasium an der Siegfriedstraße, heute das Oskar-von-Miller-Gymnasium.

Das Leben verlief für Alexander Hordijenko nicht immer nach einem festen Strickmuster. Ein Leben, das in Schwabing begann, Anfang der Fünfzigerjahre. Ein Rückblick: Die Eltern Hordijenko, der Name verrät es schon, kommen aus dem Osten, aus der Ukraine, als sie noch Teil der Sowjetunion ist. Beide verschlägt es in den schrecklichen Kriegsjahren nach Deutschland. Sie, um der Hungersnot zu entkommen, er, weil er als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft gerät. Nach dem Krieg lernen sie sich kennen und lieben, ziehen nach München. 1951 kommt Alexander zur Welt, im Schwabinger Krankenhaus,der erste Sohn, sein Bruder Valentin fünf Jahre später.

Mit der Integration hapert es am Anfang, der Vater schlägt sich nur mit Gelegenheitsjobs durch. Die Mutter immerhin hat eine Anstellung als Bibliothekarin bei Radio Liberty, dem US-Sender am Englischen Garten. Daheim in der Familie sprechen sie nur Russisch, gerade im Kindergarten ist das schwierig für den kleinen Alexander. Oft prügelt er sich mit den Gleichaltrigen, oft kriegt er sich mit ihnen in die Wolle, ganz einfach deswegen, weil sie sich gegenseitig nicht verstehen.

Die Beatles, (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten am 24.06.1966 in München im Circus Krone-Bau auf.

Aber Alexander beißt sich durch, ist fleißig und entwickelt bald einen ausgeprägten Geschäftssinn. Damals geht er auf das Alte Realgymnasium an der Siegfriedstraße, das im März 1966 in Oskar-von-Miller-Gymnasium umbenannt wird. Drei Monate später, im Juni 1966, kommen die Beatles in die Stadt, sie gastieren im Circus Krone. Hordijenko ist ein großer Musikfan, er sieht all die großen Rockbands jener Zeit, die in München spielen – zu heute unvorstellbaren Preisen. Für Eric Burdon & The Animals kostet die Karte drei und für The Who vier Mark. Für die Rolling Stones muss man schon stolze 8,50 Mark hinlegen, richtig ausgschamt aber sind die Beatles. Ihre Tickets gibt es in zwei Kategorien, für 16 und für 24,80 Mark. Alexander Hordijenko pumpt sich Geld von seinen Kumpels, am Vorverkaufsbeginn radelt er zur Kronekasse und deckt sich mit einer Handvoll Karten ein. Später, als es keine mehr gibt, verkauft er sie um das Vielfache. So kommt er mit den Beatles zum ersten verdienten Geld. G’schäft is G’schäft.

Über die tz-Serie: Mei Münchner Leben

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten – und tz-Autor Florian ­Kinast schreibt sie auf. Zusammen mit ­Ihnen, liebe Leser! Es geht uns um die echten Münchner Gschichten. Um Porträts von Menschen, die über sich und ihr Leben in der schönsten Stadt der Welt erzählen. Was sind Ihre Münchner ­Gschichten? Erzählen Sie es uns, wir erzählen es dann weiter. Schreiben Sie uns, was ­passiert ist in Ihrem ­Leben, legen Sie Fotos bei und ­schicken alles an die tz, Stichwort „­Leser-Biografie“, 80282 München oder per E-Mail an lokales@tz.de.

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