Rund zwei Wochen nach der Bluttat

Amoklauf von München: Was wir wissen - und was nicht

Amokläufer Ali Davis S. 

München - Rund zwei Wochen nach dem Amoklauf kursieren immer noch die wildesten Theorien über die Tat, den Täter und sein Motiv. 60 Polizisten der SoKo OEZ ermitteln weiter. Was wir wissen - und was noch nicht geklärt ist.

Ali David S. hat am 22. Juli rund um das Münchner OEZ neun Menschen erschossen - und am Ende sich selbst. Zu den Hintergründen der Tat geistern noch immer viele Verschwörungstheorien durch das Netz. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengetragen:

Wie lautet der korrekte Vorname?

Der Täter wurde am 20. April 1998 in München geboren, er trug den Vornamen Ali. Er hatte die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft. David S. wächst im Hasenbergl auf, einem Viertel mit hohem Migrantenanteil. 

Später wechselt Ali David S. an eine Schule im Stadtteil Neuhausen. Mit seinen Eltern wohnte er jetzt in einer Sozialwohnung in den Nymphenburger Höfen. Im Jahr 2012 ließ der Vater den Nachnamen der Familie ändern. Anfang Mai, also kurz nach seinem 18. Geburtstag, ließ der Amokläufer auch seinen Vornamen in David ändern. In der Schule soll er häufig gemobbt worden sein.

War Ali David S. Rechtsextremist?

"Der Täter war ein Rassist mit rechtsextremistischem Weltbild", schrieb die FAZ am 27. Juli - fünf Tage nach dem Attentat. Ali David S. habe es als „Auszeichnung“ verstanden, dass sein Geburtstag, der 20. April 1998, auf den Geburtstag von Adolf Hitler fiel. Das will die FAZ aus Sicherheitskreisen erfahren haben. Entsprechende Aussagen über seine Begeisterung für Hitler stammen demnach aus dem engsten Umfeld von S. Auch sei S., der aus einer iranischen Familie stammt, stolz darauf gewesen, als Iraner und als Deutscher „Arier“ zu sein.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte daraufhin, dass der Amokläufer nach Erkenntnissen der Ermittler nicht in rechtsextreme Netzwerke verstrickt gewesen sei. Darauf gebe es jedenfalls bislang keine Hinweise, sagte er. 

Klar sei, dass der 18-Jährige wohl Sympathien für den rechtsextremen norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik hatte, so Herrmann. Auch habe er es als „besonders positives Schicksal” gesehen, dass er am gleichen Tag wie Adolf Hitler Geburtstag hatte. 

Auf einem Video vom Abend des Amoklaufs schreit Ali David S. "Scheiß-Türken". 

Alle neun Opfer hatten ausländische Wurzeln. Der Verein "München ist bunt" glaubt deshalb, dass Rassismus ein gewichtiger Faktor bei der Tatausführung gewesen sei. Belegt ist, der Täter sagte einst: "Ich hasse alle Menschen" - was die Ermittler darauf zurückführen, dass Ali David S. von Mitschülern gemobbt wurde.

Wurden bewusst ausländische Jugendliche als Opfer ausgewählt?

Die Ermittler gehen von Zufallsopfern aus. Zwar hatte Ali David S. über den gefälschten Facebook-Account einer jungen Türkin versucht, junge Menschen in den McDonald's zu locken. Unter den Opfern seien aber keine Facebook-Freunde oder Mitschüler gewesen, so Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch. LKA-Präsident Robert Heimberger sagte, die unterschiedlichen Nationalitäten der Opfer seien wohl dem multikulturellen Umfeld am OEZ geschuldet.

Vorbild Anders Breivik?

Spätestens seit 2015 war Ali David S. fasziniert von Amokläufen. Er recherchierte im Internet, sammelte Zeitungsartikel und besorgte sich das Buch "Amok im Kopf - warum Schüler töten". Im Sommer 2015 fuhr er nach Winnenden. Hier hatte der 17-jährige Tim K. seine ehemalige Realschule gestürmt und um sich geschossen. Insgesamt tötete Tim K. bei seinem Amoklauf 15 Menschen - und am Ende sich selbst. Ali David S. besuchte die Tatorte und fotografiert sie. Die Polizei fand die Bilder später auf seiner Kamera.

Auch das Attentat von Anders Breivik hatte es David S. offenbar angetan. Der rechtsradikale Norweger hatte am 22. Juli 2011 auf der Insel Utøya ein Jugendzeltlager angegriffen und dabei 69 Menschen getötet.

Hatte Ali David S. Komplizen?

"Wir gehen nach wie vor von einem Einzeltäter aus", sagen die Ermittler. Anfangs ging man von "bis zu drei Tätern" aus. Was zum einen daran lag, dass zwei Männer in einem roten Mercedes nach den Schüssen vor dem McDonald's mit quietschenden Reifen weggefahren seien. Zeugen meldeten das der Polizei.

Die Ermittler fanden die Männer: Sie hatten die Schüsse gehört und waren geflohen. Auch Zivilpolizisten wurden zunächst für Attentäter gehalten. Verwirrung löste zudem aus, dass S. zwei T-Shirts übereinander trug, von denen er eines nach den Schüssen auszog.

Gab es Mitwisser?

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass der 16 Jahre alte Münchner, den S. kurz vor der Tat ans OEZ bestellte, mehr wissen könnte, als er angab. Die Staatsanwaltschaft hat bisher jedoch vergeblich versucht, einen Haftbefehl für den Jugendlichen zu erwirken. Das Amtsgericht hat den Antrag bereits abgelehnt, das Gesuch wurde noch am selben Tag beim Landgericht eingereicht. Staatsanwalt Florian Weinzierl zur tz: "Ich hoffe, dass wir am kommenden Montagabend mehr wissen." 

Zudem tauschte sich Ali David S. mit einem 15-jährigen Ludwigsburger aus. Bei ihm fand die Polizei Pläne und Waffen für einen Anschlag. Er wird aber momentan nicht als Mitwisser eingestuft.

Woher hatte Ali David S. die Pistole?

Er hat im Darknet nach einer Waffe Ausschau gehalten. Ob der Kauf dort wirklich zustande kam, können die Ermittler bisher nicht bestätigen. Die Glock 17 wurde offenbar vom österreichischen Hersteller in die Slowakei geliefert. "Wir haben ein Rechtshilfeersuchen an die Slowakei gestellt", sagt Steinkraus-Koch der SZ. Gemeinsam mit seinem Vater soll Ali David S. während eines Iran-Urlaubes bei Sportschützen das Schießen geübt haben.

Hatte Ali David S. eine zweite Waffe?

Nach einer zweiten Waffe wird nicht gesucht. Einen Bericht des Spiegel, wonach Zeugen den Schützen mit einer möglichen zweiten Waffe gesehen haben, dementierte ein LKA-Sprecher bereits vergangenen Freitag: „Weder der Staatsanwaltschaft noch der Sonderkommission liegen Zeugenaussagen vor, dass bei dem Amokläufer eine zweite Waffe gesehen wurde.“

Was hat David S. in den zwei Stunden nach der Tat gemacht?

Zwei Mantrailer-Hunde der Polizei wurden unabhängig voneinander auf die Spur des Attentäters gesetzt. Beide liefen vom McDonald's über das OEZ in eine Tiefgarage an der Henckystraße, dort versteckte sich Ali David S. offenbar bis 20.30 Uhr. Als er die Garage verließ, wurde er von zwei Zivilpolizisten gestellt und erschoss sich.

Nach dem Amoklauf startete die Kripo eine der größten Ermittlungsmaßnahmen, die es je in München gegeben hat: Die Beamten wollten die Bewohner von 1000 Haushalten befragen, um die letzten Stunden von Ali David S. zu rekonstruieren. 

Drei krude Verschwörungstheorien und deren Auflösung gibt's hier.

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