Das OEZ öffnet wieder seine Pforten

Münchner Amoklauf: Nach der Bluttat kommt das Blumenmeer

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Der Tatort und das Blumenmeer: Vor dem Eingang des OEZ trauert München um die Toten

München - Das OEZ ist seit Freitagabend Schlagwort für Leid, Panik, Tod. Seit Montag hat das Olympia-Einkaufszentrum wieder geöffnet. Eine Reportage vom Ort des Unglücks.

Gedämpft. Ein bisschen wie in Watte. Das Olympia-Einkaufszentrum hat wieder geöffnet. Menschen vieler Nationalitäten leben und arbeiten hier - und teilen nun Schmerz und Trauer. Der zentrale Ort, an dem alle innehalten: das Meer aus Blumen und Kerzen am Eingang.

Tränen in den Augen. Wortlose Umarmungen. Still stehen die Menschen um den improvisierten Gedenkort. Legen Blumen nieder. Hunderte Kerzen, Stofftiere, Fotos der Opfer. Am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) herrscht am Montag nach dem Amoklauf mit neun Todesopfern tiefe Trauer und Fassungslosigkeit.

Draußen wächst das Blumenmeer immer weiter

Weniger Menschen als sonst sind an diesem ersten Einkaufstag nach der Bluttat gekommen. Nach Shoppen ist vielen nicht zumute. Nur am Blumenladen stehen die Menschen Schlange. Hunderte Rosen - weiße, rote, gelbe - seien verkauft worden, sagt Verkäuferin Rama Cisse. Weil am Samstag geschlossen war, seien genug Blumen da gewesen. Draußen wächst das Blumenmeer immer weiter.

Die Stimmung im OEZ - wie in Watte gepackt. Menschen trinken Kaffee, stehen an den Imbissständen an. An den Stehtischen zwei Themen: der Amoklauf des 18-jährigen Schülers (alle Infos zu den Nachwirkungen des schrecklichen Ereignisses im News-Ticker), der Anschlag in Ansbach. Leiser als sonst sei es, sagt Hatice Ersoy am Infodesk. „Ich war zum Glück nicht da“, sagt sie über den Moment der Schießerei. „Sonst wäre ich, glaube ich, heute nicht hier.“

"Bitte helft alle mit, Liebe unter die Menschen zu bringen."

Ein paar Meter weiter, am Kondolenzbuch. „Bitte helft alle mit, Liebe unter die Menschen zu bringen, zu hören, einen Sinn im Leben zu finden, ... erst dann hören diese schrecklichen Verzweiflungstaten auf“, hat jemand geschrieben.

In vielen Sprachen haben sich die Menschen eingetragen, auf Portugiesisch, Spanisch, Arabisch. „Möge Allah bei euch sein“, ist auf Zetteln draußen zu lesen, „Inshallah“ und „Gott schütze euch“. In dieser Gegend leben viele Nationen zusammen. Menschen mit afrikanischen, arabischen und türkischen Wurzeln - alle stehen nun hier, teilen den Schmerz.

Junge Menschen unterschiedlicher Herkunft, die Täter und Opfer kannten: Schweigend legen sie Rosen nieder, stehen vor den Fotos der Getöteten. „Ich war mit ihm im Kindergarten“, sagt die 17-jährige Daniela, sie hat einen Strauß in der Hand, den sie gleich niederlegen will. „Er ist anders gewesen als die anderen - man hat ihn nicht gerne dabei gehabt“, sagt der 17-jährige Amir. „Wenn man in der Kindheit ausgegrenzt wurde, kommt man nicht mehr raus.“

Manche Mitarbeiter halten es nicht aus

Der 18 Jahre alte Todesschütze sei gemobbt worden, sagen mehrere Jugendliche übereinstimmend - er habe sich rächen wollen. Wer ihn ausgegrenzt habe, trage auch mit Schuld. Sie kannten auch einige Opfer - und trauern nun mit deren Eltern.

Die 20 Jahre alte Samira, Verkäuferin im OEZ, trägt Schwarz, wie einige andere Mitarbeiter hinter Ladentheken auch. „Der erste Moment war mulmig“, beschreibt sie ihr erstes Gefühl am Morgen, als sie das OEZ betrat - kurz nach den neuen Nachrichten von der Bombenexplosion in Ansbach. Trotzdem habe sie dennoch nicht mehr Angst. „Ich vertraue da komplett“ - auf Polizei und Sicherheitskräfte.

Samira arbeitet in einem Laden unweit der Rolltreppe, an der eine Frau starb. Davon hatte sie nichts mitbekommen. Nach den ersten Schüssen seien alle weggelaufen. Eine Kollegin sei am Montagmorgen zur Arbeit gekommen, habe aber nicht durchgehalten. „Wir dürfen jederzeit sagen, wenn es nicht mehr geht.“

Notfallseelsorger Michael Ibler ist mit etwa einem Dutzend Kollegen im OEZ unterwegs, um Beistand zu leisten. Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich. „Wer redet, dem höre ich gerne zu. Wer redet, verarbeitet“, sagt der Diakon aus dem Pfarrverband Kirchheim-Heimstetten. Manche können nicht schlafen, mögen nicht essen, sind schreckhaft, fühlen sich ängstlich und hilflos. „Diese Reaktionen sind ganz normal“, sagt er. Sie könnten sogar mehrere Wochen anhalten.

Nicht alle Läden haben wieder geöffnet

Der Tag hatte mit einem Gedenkgottesdienst mit allen Mitarbeitern begonnen. „Bevor wir zum Alltag übergehen, haben wir die Mitarbeiter zusammengeholt, damit jeder weiß, dass er nicht alleine ist“, sagte Center-Manager Christoph von Oelhafen.

Einige Läden blieben auch am Montag zu. „Aufgrund der jüngsten Ereignisse ist unser Shop heute geschlossen. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen“, steht an einem Schaufenster.

Inzwischen in einem Bekleidungsgeschäft: Mohamed Schaaban steht an einem T-Shirt-Ständer. „Was passiert ist, ist traurig“, sagt er. „Aber wir müssen uns nicht immer in Sorge halten.“ Und: „Das Leben geht weiter.“ Auch diesen Satz hört man oft.

dpa

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