Zehn bewegende Geschichten, 100 Tage danach

So veränderte der Amoklauf im OEZ die Münchner - Teil 1

München - 100 Tage nach dem Amoklauf am OEZ: In der tz erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben – vom Pfarrer bis zum Polizisten - lesen Sie heute Teil 1.

München, das war auch immer ein Lebensgefühl: lässig, liberal, lebensfroh. Der Amoktag, der am 22. Juli 2016 um 17.52 Uhr begann, hat uns davon viel geraubt. Vielleicht sogar für immer. Ein 18-Jähriger erschoss am OEZ neun Menschen. Ohne Gnade, ohne Mitleid. Dann richtete er sich selbst.

Stundenlang hielt die Stadt den Atem an, wusste zuerst nicht einmal, ob es sich um mehrere Täter handelt. Ob gar eine Welle des Terrors durch unsere Weltstadt schwappt. 2300 Polizisten durchkämmten die Stadt, darunter vermummte, schwer bewaffnete Zivilbeamte.

Gerüchte über Schießereien machten die Runde: Tollwood, Stachus, Odeonsplatz, Marienplatz. Aus einem Amoklauf wurde ein Terroranschlag mit 67 Tatorten – 66-mal war es falscher Alarm.

Und dennoch: Mitten im Sturm gab es Menschen, die geholfen haben. Weil es ihr Job war. Weil sie nicht anders konnten. Weil sie wollten.

In drei Teilen erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben. In Teil 1 sprechen Johannes Müller, Peter Reichl, Anna Schwarz und Michael H.

Johannes Müller, Wirt vom Restaurant „Alter Hof“: Lieber eine Notlüge als Panik

Johannes Müller versuchte, 1300 Gäste zu beruhigen.

Es ist 18.22 Uhr, als Johannes Müller eine SMS empfängt: Schießerei am OEZ, in der Innenstadt nicht das Haus verlassen, drei Täter auf der Flucht, fünf Tote. In Müllers Gastgarten läuft ein Weinfest mit Blasmusik. 1300 Gäste sitzen im Alten Hof, zwischen Marienplatz und Odeonsplatz. Müller hat nur einen Gedanken: „Wie kriege ich die Leute vom Hof, ohne dass Panik entsteht?“ Müller steigt auf einen Tisch, hält sein Smartphone in die Luft. „Achtung, Achtung!“, ruft Müller und wedelt mit dem Handy. Er habe eine Katastrophenwarnung der Stadt München erhalten. „Da kommt ein Hagelsturm!“ In Landsberg sei schon alles kaputt. Müllers Gedanken rasen. Später sagt er: „Ich musste irgendeinen Schmarrn erzählen.“

Er müsse das Weinfest jetzt abbrechen. Die Kellner weist er an, alle Weinstände zu schließen. „Die haben geschaut, als hätte ich den Verstand verloren.“ Die Gäste wollen nicht gehen. Müller wird laut: „Wenn ihr jetzt nicht geht, bekomme ich nächstes Jahr keine Genehmigung.“ 800 Gäste verlassen das Fest, 500 bleiben. Sie bittet Müller ins Lokal. „Ich geb’ einen aus!“ Wer nicht folgt, bekommt Hausverbot. „Vertraut mir einfach.“

Im Lokal ist Platz für 250 Menschen, jetzt sind es 400. Müller lässt die Türen absperren und die Notausgänge mit Tischen verrammeln. Dann stellt er sich an die Eingangstür und lässt die Gäste rein, aber niemanden raus. Es gibt es kein Netz, Gäste stehen mit ihren Handys an den Fenstern. Gerüchte. „Terror?“, wiederholt Müller und versucht zu lachen. „So ein Schmarrn, bei uns doch nicht.“ Eine Schießerei unter Drogendealern, sonst nichts. Die zweite Lüge.

Er holt die Blaskapelle rein, sie soll spielen, die Gäste beruhigen. In seinem Lokal, hohes Gewölbe und edler Holzboden, sieht es aus wie in einem Lazarett. Die Menschen liegen auf den Bänken, auf dem Boden, viele weinen. „So stell’ ich mir den Krieg vor.“ Johannes Müller will seine Gäste beruhigen. „Hier kann euch nix passieren. Das garantiere ich euch.“ Ein Mann schlägt Müller ein Glas Rotwein über den Kopf. Müllers weißes Hemd färbt sich rot, aus einer Schnittwunde am Hinterkopf läuft Blut über den Rücken. Jemand fragt, ob die Türen aus Panzerglas sind. Ja, antwortet Müller, obwohl er es besser weiß. Ihm fällt der rumänische Stehgeiger ein, der tagein, tagaus an der Burgstraße steht. Er geht ihn holen, der Mann versteht kaum Deutsch, wundert sich, warum niemand draußen ist. Müller zieht ihn ins Lokal. Zu seinen Gästen sagt Müller, die Philharmoniker kämen, Privatkonzert. Der Star-Geiger sei schon da. Gelächter, die Stimmung wird besser.

Gegen 23 Uhr sind die Türen offen, einige gehen nach Hause. Andere trauen sich nicht, sind zu erschöpft. Müller lässt Tischdecken und Stoffservietten aus dem Keller holen, bastelt Kopfkissen. Die Menschen teilen sich Bänke, liegen eng beieinander.

Müller hat an diesem Abend gelogen, wie noch nie zuvor in seinem Leben. War das richtig? „Absolut!“ Er würde es immer wieder machen. Was habe er schon für eine Wahl gehabt? Die Menschen einfach rausschmeißen, wie das andere Lokale gemacht haben? Dem Mann mit dem Weinglas ist Müller heute nicht mehr böse. „Wenn er heute käme und mir die Hand anböte, ich würde sie nehmen.“ Müller lächelt. „War ein scheiß Abend.“

Peter Reichl, Leiter des Kriminaldauerdienstes: Tram „gekapert“

Peter Reichl und 2300 weitere Beamte waren im Einsatz.

Peter Reichl, Chef des Kriminaldauerdienstes, wird von der Nachricht auf einer Grillfeier überrascht. Im Polizeipräsidium hört er von zwei Kollegen, die sogar eine Tram „gekapert“ haben, um so schnell wie möglich ins Präsidium zu kommen. Als alle Straßenbahnen still standen, haben die Polizisten den Tramfahrer überredet, sie in die Innenstadt zu fahren.

Anna Schwarz, Journalistin: Wir wollten nur noch heim

Anna Schwarz, Journalistin.

Genau 2,8 Kilometer liegen zwischen Anna Schwarz (23) und dem Tatort, als es passiert. Die Volontärin der Dachauer Nachrichten ist gerade auf dem Doppelkonzert von Namika und Mark Forster auf dem Tollwood-Festival im Olympiagelände. Es spricht sich herum, genau hier soll es auch zu Schießereien gekommen sein – oder noch kommen? Schwarz: „Ich habe mich immer wieder zum Ausgang umgedreht: Was ist, wenn der Täter doch hereinstürmt?“

Draußen die Marktleute, drinnen im Zelt die Besucher, auf der Bühne die Künstler, backstage die Festival-Verantwortlichen: Alle sind verunsichert. Ist man hier sicher? Oder ist es sicherer, nach Hause zu gehen – dann aber zu riskieren, dem Täter oder den Tätern vielleicht sogar in die Arme zu laufen? Anna Schwarz bleibt erstmal, sie hat das Konzert ihrer Cousine Helena (17) geschenkt und will sie nicht beunruhigen. „Gleichzeitig dachte ich mir aber: Wenn ihr heute was passiert, ist es meine Schuld.“

Vor dem zweiten Konzert gegen 20 Uhr tritt eine Dame vom Tollwood-Team auf die Bühne. Sie beruhigt die Zuschauer, es gebe für das Festival keine Warnung. Anna Schwarz überblickt das Gelände. Der Markt dort ist wie leergefegt, die Händler haben dicht gemacht. Die Dachauerin hört Sirenen, ein Helikopter kreist über dem Gelände. Dann ein Knall! Anna und ihre Cousine erschauern. Doch Gott sei Dank! Es war nur der Start vom Mark Forster-Konzert.

Panik macht sich breit, als es heißt, auch im Tollwood-Gelände sei es zu Schüssen gekommen.

Um 21.20 Uhr entscheidet die Festivalleitung dann doch, das Konzert abzubrechen und das Konzertzelt zu räumen. „Uns wurde gesagt, wir sollten gut nach Hause kommen. Aber wie? Der Festivalbus fuhr ja nicht mehr“, erinnert sich die Volontärin. Sie ruft ihre Eltern an. Ihr Vater holt sie ab. Die letzten Schritte zum Auto rennen sie vor Erleichterung. Dann entdecken sie Leute am Straßenrand, die offenbar nach einer Mitfahrgelegenheit suchen. „Unser Auto steht an der Messestadt Ost,“ sagen sie. Aber die U-Bahnen fahren nicht. Egal. Anna Schwarz nimmt die beiden Mädels aus Mühldorf und Freising kurzerhand mit heim nach Dachau. „Wir wollten alle einfach nur raus aus der Stadt.“ Die Mädchen übernachten bei Anna Schwarz. „Uns hat das gemeinsam Durchgestandene verbunden.“

In der Nacht schläft Anna Schwarz schlecht. „Ich habe geträumt, dass wir vor dem Täter weglaufen, es aber nicht schaffen …“

Michael H., Taxifahrer: Überall waren hilflose Leute

Michael H. chauffierte gestrandete Frauen und Kinder.

Sein Sohn warnt ihn übers Handy: „Papa, fahr heim!“. Über Funk kommt die Ansage, keine Fahrgäste mitzunehmen. Der oder die Täter könnte ein Taxi zur Flucht nutzen. Aber Michael H. (56), seit 30 Jahren Taxifahrer in München, kann nicht einfach wegfahren. „Überall standen hilflose Leute auf den Straßen. Es war chaotisch. U-Bahn, Bus, Tram – es fuhr ja nichts mehr!“ Michael H. ist kein Typ, der sich schnell beunruhigen lässt. „Wenn’s passieren soll, passiert’s. Ich wollte einfach den Leuten helfen. Und ich habe mir vorgenommen, erst mal nur Frauen und Kinder mitzunehmen.“ Auf der Landsberger Straße winken ständig Passanten. Michael H. weiß gar nicht, wen er zuerst mitnehmen soll. „Ich habe bis Mitternacht bestimmt 30 Personen mitgenommen.“

Ganz zum Schluss will ein Fahrgast in die Hanauer Straße, in die Nähe des Tatortes. Der Taxifahrer liefert ihn ab – und ahnt nicht, dass seine schwierigste Fahrt noch vor ihm liegt. Michael H. entdeckt eine Familie mit zwei Kindern am Straßenrand. „Die standen total verloren da rum.“

Im Wagen stellt sich heraus: Die Familie hatte sich stundenlang im OEZ vor dem Amokläufer verschanzt. „Die haben nicht viel erzählt während der Fahrt nach Dachau. Sie wirkten geschockt und haben alle nur vor sich hingestarrt. Die wollten nur weg!“ Michael H. hakt nicht nach. Er macht seinen Job und bringt die Vier nach ihrem Martyrium zurück ins sichere, ruhige Heim.

Lesen Sie hier Teil 2.

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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