100 Tage nach dem Amoklauf - Erinnerungen

„Im Hintergrund habe ich Geschrei gehört“

München - 100 Tage nach dem Amoklauf am OEZ: In der tz erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben – vom Pfarrer bis zum Polizisten. Teil 2.

München, das war auch immer ein Lebensgefühl: lässig, liberal, lebensfroh. Der Amoktag, der am 22. Juli 2016 um 17.52 Uhr begann, hat uns davon viel geraubt. Vielleicht sogar für immer. Ein 18-Jähriger erschoss am OEZ neun Menschen. Ohne Gnade, ohne Mitleid. Dann richtete er sich selbst.

Stundenlang hielt die Stadt den Atem an, wusste zuerst nicht einmal, ob es sich um mehrere Täter handelt. Ob gar eine Welle des Terrors durch unsere Weltstadt schwappt. 2300 Polizisten durchkämmten die Stadt, darunter vermummte, schwer bewaffnete Zivilbeamte.

Gerüchte über Schießereien machten die Runde: Tollwood, Stachus, Odeonsplatz, Marienplatz. Aus einem Amoklauf wurde ein Terroranschlag mit 67 Tatorten – 66-mal war es falscher Alarm.

Und dennoch: Mitten im Sturm gab es Menschen, die geholfen haben. Weil es ihr Job war. Weil sie nicht anders konnten. Weil sie wollten.

In drei Teilen erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben. In Teil 2 sprechen Tomas Paunovic, David Anz und Pater Karl Kern.

Hier geht es zum 1. Teil

Tomas Paunovic, Leitstellendisponent bei der MVG: 19.15 Uhr - Alle Räder stehen still

Tomas Paunovic wies alle Fahrer der MVG an, die Fahrgäste aussteigen zu lassen.

Um 19 Uhr drückt Tomas Paunovic (40) in der Leitstelle der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG auf den Knopf für den Sammelruf. Jetzt können ihn alle Bus- und Tramfahrer Münchens hören. Er sagt ins Mikrofon: „Auf Anweisung der Polizei muss der MVG-Betrieb eingestellt werden.“ Nichts geht mehr beim Öffentlichen Nahverkehr. Paunovic zur tz: „So etwas haben selbst Kollegen, die schon 25 Jahre im Dienst sind, noch nie erlebt.“

Der Leitstellendisponent für Bus und Tram wusste schon um 17.45 Uhr, dass das kein gewöhnlicher Dienstabend wird. „Da hat uns ein Busfahrer der Linie 60, der neben dem McDonald’s gestoppt hatte, angefunkt, dass da eine Person mit Schusswaffe sei.“ An der Stimmlage habe Paunovic erkannt, „dass da was nicht stimmt“. – „Im Hintergrund des Busses habe ich Geschrei gehört und es klang sehr hektisch.“ Bei Bus und Tram geht alles ganz schnell: Die Fahrgäste werden jeweils an der nächsten Haltestelle rausgelassen. Um 19.15 Uhr fährt hier nichts mehr.

Parallel dazu greift der Notfallplan der U-Bahn-Leitstelle. „Die Fahrer wurden angewiesen, in den nächsten Bahnhof einzufahren und die Fahrgäste zum Verlassen der Bahnhöfe aufzufordern“, erklärt MVG-Sprecher Matthias Korte. Die Fahrer lassen die Züge dort stehen, schließen sie ab und ziehen sich in die Betriebsräume, die es in allen U-Bahnhöfen gibt, zurück. Dann klappern U-Bahnwachen alle Bahnhöfe ab, kontrollieren, ob sich dort noch Fahrgäste aufhalten und riegeln die Bahnhöfe ab. Nun steht alles still. Korte: „Das war ein logistischer Kraftakt.“

Gegen 23.30 Uhr verlassen die U-Bahnfahrer die Betriebsräume. Denn jetzt dürfen die Züge einrücken. Gegen 1 Uhr gibt die Polizei grünes Licht, die MVG darf den Betrieb wieder aufnehmen. In dieser Nacht fahren nur noch vier Nacht-Tramlinien.

David Anz, Notarzt: „Sie saßen mit Kopfschüssen am Tisch“

David Anz barg eine Verletzte aus dem McDonald’s.

Es geht um Sekunden! Als Notarzt David Anz (39) die Stufen in den ersten Stock des McDonald’s-Restaurants hinauf sprintet, weiß er nur, dass er sich um ein verletztes Mädchen kümmern muss, das eine rote Karte hat. „Rot“ heißt: schwer behandlungsfähig, es geht also um Leben und Tod. „Ich war voller Adrenalin, da läuft alles nach einstudierten Mechanismen ab“, erzählt der LMU-Mediziner der tz. Er war einer der Ersthelfer, die mittenrein mussten in das Grauen. Erst später realisiert er: „Das war das Extremste, was ich je erlebt habe.“

Anz ist gerade mit Kollegen auf dem Rückweg von einem Einsatz an der Theresienhöhe, als über Funk die Meldung kommt: „MANV“. Das bedeutet „Massenanfall von Verletzten“. Das könnte ein größerer Unfall sein oder ein Brand. An einen Amoklauf denkt da keiner im Einsatzwagen. Automatisch rasen sie zu dem ihnen zugewiesenen Einsatzort, dem McDonald’s beim OEZ. „Unterwegs hörten wir über Funk, dass es eine Schießerei mit Toten gegeben habe“, erinnert sich Anz. Angst empfindet er nicht. Er muss Leben retten.

Es ist 18.25 Uhr. Der Amokläufer Ali David S. läuft noch frei herum. Das Rettungsteam kommt am Tatort an. David Anz, selbst Familienvater, sieht vier tote Jugendliche in der Ecke. „Sie saßen auf einer Eckbank, alle hingen mit einem Kopfschuss über dem Tisch.“ Ihnen kann der Notarzt nicht mehr helfen. Auf dem Boden davor liegt seine Patientin: ein 14-jähriges Mädchen, ebenfalls mit Kopfschuss. „Sie hat noch geatmet, aber ich habe sofort erkannt, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie überlebt.“

Zuerst wird das Mädchen künstlich beatmet, sodass kein Blut in die Lunge kommt. Dann stabilisiert Anz ihren Kreislauf mit Medikamenten und Flüssigkeiten. „Sie hatte schon viel Blut verloren.“ Als Anz und seine Helfer das Mädchen ins Freie tragen, herrscht dort eine gespenstische Atmosphäre. „Hinter jedem Auto standen Polizisten. Die Beamten haben uns auf dem Weg zum Wagen mit Maschinengewehren gedeckt.“

Keiner hat Zeit, an den Amokläufer zu denken. Es geht auf dem schnellsten Weg zum Klinikum rechts der Isar in den Schockraum. David Anz gibt seine Patientin an die dortigen Kollegen weiter. Schon kurz darauf erhält er die Nachricht: Das Mädchen hat es leider nicht geschafft. Der Mediziner kann zum ersten Mal klar denken, checkt seine Handynachrichten: „Ich habe da erst gemerkt, in was für einer gefährlichen Situation ich war.“

Nachts bleiben Anz und andere Notärzte noch im Olympiastadion als Reserve zur Verfügung. Erst am Morgen kehrt der Münchner zu seiner Frau und seinen drei Kindern zurück. Erleichtert nehmen sie ihn in den Arm. Einige Bilder sind bis heute in David Anz’ Kopf geblieben. „Aber ich habe das relativ gut verarbeitet. Viel mehr hängt mir der Gedanke an die Angehörigen nach. Die haben dort ihre Kinder verloren!“

Pater Karl Kern, Kirchenrektor St. Michael: Die Kirche als Zuflucht

Kern nahm 80 Menschen auf, im Hochchor kauerte ein Mädchen.

Pater Karl Kern (67) hat gerade den Gottesdienst beendet und sitzt beim Abendbrot, als ein Jesuiten-Bruder ruft: „Komm, schnell!“ Er läuft hinunter ins Kirchenschiff von St. Michael. Es ist 19.15 Uhr, in der Kirche stehen noch immer 80 Menschen. Die Tür geht auf, eine Familie stürmt panisch ins Innere des Gotteshauses. Langsam dämmert Pater Kern, was draußen los ist. Die Neuankömmlinge empfängt er mit ruhiger Stimme: „Sie sind hier sicher.“

Pater Kern, ein schmächtiger Mann mit kurzen grauen Haaren und grauem Bart, sitzt drei Monate nach dem Amoklauf im Hochchor seiner Kirche. „Hier hat ein Mädchen gekauert“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf einen dunklen Holzstuhl neben ihm. „Das Telefon ans Ohr gepresst, voller Angst.“ Meldungen, Gerüchte: Schüsse in der Innnenstadt, Marienplatz, Stachus – einen Katzensprung von St. Michael in der Neuhauser Straße entfernt.

Vor der Kirche stehen bewaffnete Polizisten. Eine Tür zur Straße lässt Pater Kern offen, eine sperrt er zu. Das Einfahrtstor hin zur Maxburgstraße verriegelt er. „Viele Lokale haben ihre Gäste rausgeschmissen – viele sind dann zu uns“, sagt der Geistliche. Er nimmt sie auf, redet, hört zu, verteilt Brot, Käse, Wurst, Meditationsmatten zum Ausruhen.

Gut 40 Menschen bleiben über Nacht im Zentrum von St. Michael, der Großteil Touristen, die nicht wissen, wohin. „Als die Anspannung abfiel, war es fast wie auf einer Berghütte“, sagt Pater Kern. Menschen aus aller Herren Länder, die sich mit Händen und Füßen unterhalten und sich, an einen Tisch gedrängt, das Essen teilen.

Rubriklistenbild: © Markus Götzfried

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