Zehn bewegende Geschichten, 100 Tage danach

Amoklauf am OEZ: Viele fragen immer noch nach dem Warum

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Peter Zehentner und Alexander Neissendorfer vom ASB.

München - 100 Tage nach dem Amoklauf am OEZ: In der tz erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben – vom Pfarrer bis zum Polizisten. Teil 3.

München, das war auch immer ein Lebensgefühl: lässig, liberal, lebensfroh. Der Amoktag, der am 22. Juli 2016 um 17.52 Uhr begann, hat uns davon viel geraubt. Vielleicht sogar für immer. Ein 18-Jähriger erschoss am OEZ neun Menschen. Ohne Gnade, ohne Mitleid. Dann richtete er sich selbst.

Stundenlang hielt die Stadt den Atem an, wusste zuerst nicht einmal, ob es sich um mehrere Täter handelt. Ob gar eine Welle des Terrors durch unsere Weltstadt schwappt. 2300 Polizisten durchkämmten die Stadt, darunter vermummte, schwer bewaffnete Zivilbeamte.

Gerüchte über Schießereien machten die Runde: Tollwood, Stachus, Odeonsplatz, Marienplatz. Aus einem Amoklauf wurde ein Terroranschlag mit 67 Tatorten – 66-mal war es falscher Alarm.

Und dennoch: Mitten im Sturm gab es Menschen, die geholfen haben. Weil es ihr Job war. Weil sie nicht anders konnten. Weil sie wollten.

In drei Teilen erzählen zehn Münchner, wie sie den Horror-Abend erlebt haben. In Teil 1 sprechen Tomas Paunovic, David Anz und Pater Karl Kern.

Arnold Riedhammer, Schlagzeuger: Wir dachten an Paris und spielten

Arnold Riedhammer und die  Blechschaden-Band spielten.

Als Arnold Riedhammer (69) um 20.15 Uhr auf die Bühne tritt, denkt er an Paris. Schreie, Schüsse, Panik. All die Toten im Konzertsaal Bataclan, wo Terroristen an einem einzigen Abend 89 Menschen ermordeten. Riedhammer setzt sich an sein Schlagzeug und scannt den Zuschauersaal. Sieht jemand so aus, als könnte er in den folgenden 90 Minuten ein Blutbad anrichten? Riedhammer hält für einen Moment die Luft an, dann legt er los. Seine Hände sind ganz ruhig.

Im Herkulessaal der Residenz sitzen 900 Menschen, um die Band Blechschaden zu sehen. Riedhammer und seine zehn Musiker-Kollegen haben lange diskutiert, ob sie das Konzert geben sollen, ob sie spielen können.

Draußen sollen Schüsse fallen, heißt es. Polizisten haben die Residenz abgeriegelt. Niemand kommt rein, niemand raus. Dirigent Bob Ross hält eine Ansprache: „Wir haben beschlossen, dass wir uns dem Terror nicht beugen. Nach Hause kann im Moment eh’ keiner. Wir spielen das Konzert jetzt.“ Minutenlanger Applaus.  Nach eineinhalb Stunden Konzert gibt die Band drei Zugaben.

Herbert Linder, Mordkommission: „So etwas habe ich noch nie gesehen“

Herbert Linder war am Tatort.

Gegen 18 Uhr erhält Herbert Linder (59) einen Anruf. Das Wort „Terrorlage“ fällt.  Linder, Erster Kriminalhauptkommissar der Münchner Mordkommission, steigt zu Hause in sein Auto, rast los. Auf der A96 hängt er sich an einen Polizei-Bus mit Blaulicht, 180 Kilometer pro Stunde, es regnet, Linder telefoniert. Er tippt eine Nachricht an die Kollegen. „Wir brauchen euch ganz dringend. Bitte meldet euch.“ Die Mannschaft, etwa 50 Polizisten, trifft sich kurze Zeit später auf der Dienststelle in der Hansastraße. Die Informationslage ist spärlich, es gibt keinen Fernseher. Nach und nach tröpfeln Informationen über das Intranet ein, Telefone klingeln, die Beamten durchforsten in jeder freien Sekunde das Internet: Was ist da los am OEZ? Wo wird noch geschossen? Wie viele Täter? Terror?

Es ist schon weit nach 20 Uhr, als die Mordkommission zum Tatort beordert wird. Drei Monate nach der Amoknacht sitzt Linder in seinem Büro in der Hansastraße, in einem wandhohen Bücherregal stehen Ordner mit Mordfällen, Lehrbücher. Linder ist seit 41 Jahren bei der Polizei, 17 Jahre Mordkommission. „Aber so etwas wie am 22. Juli habe ich noch nie gesehen.“ Die vielen Opfer auf engstem Raum. Die Spur der Gewalt, von der Straße rein in den McDonald’s.

Als Linder und sechs Kollegen am OEZ eintreffen, ist die Spurensicherung schon da. Tatorte und Leichen werden fotografiert, gefilmt, mit einer sogenannten Sphero-Cam vermessen. Später, in einem möglichen Gerichtsprozess, kann der Tatort so „wie in einem Computerspiel“ noch einmal begangen werden.

Zwei Leichen liegen auf der Hanauer Straße, eine vor der Saturn-Filiale, ein Toter im OEZ. Im McDonald’s vier Leichen. Ein fünftes Opfer stirbt später im Krankenhaus. „Wir mussten warten, konnten nicht mit unserer Arbeit beginnen.“ Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wie viele Täter unterwegs sind. Ein einziger Amokläufer? Oder ein koordinierter Terroranschlag mit Zielen überall in der Stadt?

Zwei Kollegen fahren zur Henckystraße, wo sich ein mutmaßlicher Täter erschossen haben soll. In Zweierteams nehmen sich die übrigen Kriminalpolizisten die Tatorte vor. Sie sollen die Opfer identifizieren. „Zu sagen: Der und der ist unter den Opfern, und letztendlich stimmt das gar nicht – so etwas darf nicht passieren.“ Mit Plastiküberzügen an den Füßen und Handschuhen machen sich die Polizisten an die Arbeit. Taschen nach Ausweis, Versichertenkärtchen oder Mitgliedsausweis durchsuchen. Geschlecht, Alter, Aussehen klären.

Das Blut und die Verletzungen erschweren die Arbeit. Gibt es Angehörige? Vermisstenanzeigen? „Hundertprozentige Sicherheit hat man erst, wenn die Angehörigen die Leichen identifizieren.“ Oder ein DNA-Abgleich. Ein 14-jähriges Mädchen kann stundenlang nicht identifiziert werden. „Sie hatte nichts bei sich: keinen Geldbeutel, keinen Schmuck, nichts.“

Im ersten Stock des McDonald’s gibt es eine Überwachungskamera. Hat sie festgehalten, wie Ali David S. aus der Toilette tritt und feuert? Weder Herbert Linder noch das LKA, das die Ermittlungen führt, wollen sich heute dazu äußern.

Linder dreht seine Kaffeetasse zwischen den Händen, ringt um Worte. „Die Opfer hatten absolut keine Chance. Keinerlei Möglichkeit, sich zu wehren oder zu flüchten.“ Es ist schon weit nach Mitternacht, als die Leichen abtransportiert werden.

Peter Zehentner, Leiter des Krisen-Interventionsteams KIT: Viele fragen immer noch: Warum nur?

Peter Zehentner und Alexander Neissendorfer vom ASB.

Um 18.40 Uhr steht der Einsatzstab des Krisen-Interventions-Teams: KIT-München in der Geschäftsstelle des Arbeiter-Samariter-Bundes. Fünf Tage und Nächte wird deren Leiter, Peter Zehentner (48), die Büros in der Adi-Maislinger-Straße kaum mehr verlassen. Denn die Arbeit der Seelsorger fängt erst richtig an, wenn es rund um den Tatort ruhiger wird.„Unsere wichtigste Aufgabe ist es, panischen oder traumatisierten Menschen zu helfen, mit ihnen im Handeln und in Gedanken in einen sicheren Bereich zu gehen, ihnen die Möglichkeit geben, sich gedanklich vom Erlebten abzuwenden“, erklärt Zehentner. Die KIT-Helfer geben Informationen, Orientierung und Sicherheit. Das Wichtigste: Sie sind da.

In der unsicheren Lage der ersten Stunden nach dem Amoklauf koordiniert die KIT-Einsatzleitung vorrangig die Arbeit an drei Orten: an den zwei Sammelstellen nahe dem OEZ, an denen geflüchtete Personen erste Zuflucht finden, sowie in der Werner-von-Linde-Halle im Olympiazentrum. Dort findet die Akutversorgung für rund 100 Menschen statt: „Hier treffen Personen, die jemanden vermissen, auf Hinterbliebene, Augenzeugen auf Personen, die selbst bedroht wurden“, erklärt der KIT-Chef.

Parallel dazu gehen die spezialisierten Helfer den wohl schwersten Weg: Sie begleiten Polizisten zu Angehörigen, denen sie die Todesnachricht überbringen müssen. Und sie lassen die Hinterbliebenen das ganze Wochenende nicht alleine. „Da es wichtig ist, den Tod zu begreifen, haben wir die städtische Friedhofsverwaltung gefragt, ob es den Angehörigen ausnahmsweise möglich wäre, auch am Wochenende persönlich von den Verstorbenen Abschied zu nehmen“, erinnert sich Zehentner. Auch hier halten in der Not alle zusammen: Die Friedhofsverwaltung macht es den Angehörigen möglich. Zehentners Kollegen begleiten die Hinterbliebenen bei diesem Gang.

Auch in den Wochen danach bleiben die KIT-Helfer im Hintergrund, bieten den Angehörigen Hilfe an. „Sie beschäftigt vor allem die Sinnfrage“, berichtet KIT-Leiter Zehentner. „Und machen sich manchmal selbst Vorwürfe, weil für sie nichts schlimmer ist als die Hilflosigkeit. Sie fragen sich: ,Warum war mein Kind genau an dem Tag dort?‘“

Aber nicht nur Hinterbliebene oder Augenzeugen quälen die Erinnerungen an den Amoklauf bis heute. Zehentner ist auch Geschäftsführer des Trauma-Hilfe-Zentrums München. „Wir sind nur eine von vielen Anlaufstellen und hatten trotzdem seit den Sommerferien rund 30 Beratungen wegen des Amoklaufs.“

Ihm ist wichtig, dass jeder Betroffene ernst genommen wird. „Erst vor zwei Wochen kam eine Frau zu mir, die am Tatabend am Stachus war.“ Sie verstehe das selbst nicht, sie sei doch nur am Stachus gewesen, wo es einen Fehlalarm gab, habe sie erzählt. „Trotzdem schläft sie seither schlecht. Außerdem hört sie immer noch die Geräusche von dem Polizeieinsatz dort.“ Zehentner rät, alle Probleme ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen. „Die Symptome können auch verzögert auftreten.“

Peter Zehentner hat 100 Tage nach dem Amoklauf auch viele positive Erinnerungen: „Da haben sich Menschen gegenseitig geholfen, getröstet, sie haben anderen Unterschlupf gewährt, ja sogar Geschäfte haben ihre Türen geöffnet – dieser einzigartige Zusammenhalt kann Trost spenden und Sicherheit geben, auch denen, die heute noch unter den Folgen leiden.“

Die Spur des Grauens

Ali David S. eröffnet um 17.52 Uhr das Feuer im McDonald’s in der Haunauer Straße, fünf Menschen sterben. Danach tritt S. auf die Straße, schießt auf Fußgänger. Drei Menschen sterben auf der Straße. Danach geht S. ins OEZ, tötet im Erdgeschoss einen Menschen. Danach erscheint der Schütze auf dem Parkhaus-Dach. Um 20.22 Uhr erschießt sich S. in der Henckystraße, als ihn die Polizei stellt.

„SoKo OEZ“ macht weiter: 40 Beamte, 1200 Zeugen

Auch 100 Tage nach dem Amoklauf ermitteln mehr als 40 Polizisten in der „SoKo OEZ“, bis heute haben die Beamten über 1200 Zeugen vernommen. „Der Amoklauf ist ein schlimmes Kapitel in der Geschichte Münchens, das wird uns noch lange in den Köpfen bleiben“, sagt LKA-Sprecher Ludwig Waldinger. „Wir gehen jedem Hinweis nach.“

Ali David S. (18) soll in der Schule massiv gemobbt worden sein – am 22. Juli erschießt er neun Menschen. Vor seiner Tat hat er versucht, Bekannte zum Tatort zu locken.

Die Kriminaler durchforsten nach wie vor mehrere Terrabyte Daten, die Ali David S. auf seinem Computer, den Festplatten und USB-Sticks gespeichert hat. Die Ermittler versuchen auch, mögliche brisante Daten zu retten, die gelöscht wurden. Noch immer gehen Videos bei der Polizei ein, von Augenzeugen gefilmt. Waldinger: „Wir werden alles untersuchen, was wir in die Hände kriegen.“ Warum hat Ali David S. geschossen? Die „SoKo OEZ“ beschäftigt sich weiterhin auch mit dieser Frage. „Das Motiv ist im persönlichen Umfeld des Täters zu suchen“, sagt Waldinger. Seine Opfer suchte S. sich gezielt aus. Sie ähnelten den Mitschülern, die S. in der Schule massiv gemobbt haben sollen. Die Ermittler interessiert weiterhin, ob es Mitwisser oder gar Mittäter gab. „Im Moment spricht nichts dafür“, sagt Waldinger. „Aber das kann sich mit jedem neuen Hinweis ändern.“

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