Diskussion nach Amoklauf in München

BKA sieht Chancen, das Darknet zu bekämpfen

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Das Darknet ist ein geschützer Bereich im Internet, der nicht über herkömmliche Suchmaschinen zugänglich ist. Daran teilzunehmen ist nicht übermäßig schwer. 

München - Der Amoklauf in München hat die Debatte um illegale Waffenbeschaffung im Internet neu entfacht. Das Bundeskriminalamt (BKA) sieht Möglichkeiten der Bekämpfung.

Ali David S. kaufte die Waffe, mit der er neun Menschen am und im OEZ erschoss, im „Darknet“. Schon wird gefordert, diesen geschützten Bereich des Internets zu verbieten. Besser nicht, sagen Experten. Illegale Waffen gibt es auch anderswo – und die Anonymität im Darknet sei wichtig, etwa für Verfolgte, Oppositionelle und Journalisten.

Die Möglichkeiten sind unheimlich – und unbegrenzt. Auftragsmord: 45.000 bis 300.000 Dollar. Ein Bombenanschlag: 5000 bis 40.000 Dollar. Die Angebote entstammen der Website einer Gruppe ehemaliger Soldaten und Söldner. Auf virtuellen Marktplätzen wie diesem im „Darknet“ (Englisch für dunkles Netz) wird alles vetrieben, was illegal ist – von Drogen über Waffen und gefälschten Identitäten bis hin zu Kinderpornografie. Waffen wie die halbautomatische Glock, die Ali David S. erwarb, kann man mit wenigen Klicks bestellen.

Die Seiten im Darknet sind mit einem normalen Browser nicht zu erreichen. Der Nutzer braucht einen „TOR-Browser“, den darf er kostenlos und legal installieren. Viele Seiten in der Parallelwelt sind nur zu finden, wenn man die genaue Adresse kennt. Für Suchmaschinen sind sie unsichtbar. Zugreifen kann nur, wer den Link direkt vom Anbieter illegaler Waren in einem Forum erhält – oder von anderen Kennern eingeladen wird. Durch Weiterleitung über mehrere Knoten im Netz ist der Datenursprung nicht mehr nachzuvollziehen.

Der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) dringt nach dem Amoklauf von München darauf, ein Verbot von Waffenkäufen im Darknet zu prüfen. Das Waffenrecht will er nicht verschärfen. „Schon das geltende Waffenrecht sah vor, dass der Amokläufer die Waffe nicht haben durfte.“ Man müsse aber schauen, „ob wir nicht etwas Licht in dieses dunkle Netz bringen und solche Käufe verhindern können“. Die Sicherheitsbehörden besser ausstatten, um Händlern in der Schattenwelt auf die Schliche zu kommen, fordern auch SPD-Innenexperte Burkhard Lischka und der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Stephan Mayer (CSU).

Das aber sei nicht so einfach, betont Oberstaatsanwalt Matthias Huber, Sprecher der „Zentralstelle für Cybercrime Bayern“. „Ermittlungen im Darknet sind naturgemäß schwierig, weil der ganze Datenverkehr verschlüsselt funktioniert.“ Ansatzpunkt für Ermittlungen könnte etwa der Versand der Ware sein, denn dieser findet sichtbar statt.

Es sei „ein Trugschluss, zu glauben, das Darknet abzuklemmen ist die Lösung“, sagt Oberstleutnant Volker Kozok, technischer Referent im Bundesverteidigungsministerium. Viele kriminelle Machenschaften passierten auch im „normalen“ Internet. Das eigentliche Problem sieht Kozok darin, dass Geldströme nicht zurückzuverfolgen sind. Im Darknet zahlen die agierenden Partner nicht mit Dollar oder Euro, sondern mit Bitcoins, einer digitalen Währung, die in echtes Geld umgetauscht werden kann.

Der Chaos Computer Club (CCC) warnt davor, die anonymen Bereiche des Internets zu verteufeln. Der Umfang des Drogen- und Waffenhandels im Darknet sei weitaus geringer als derjenige außerhalb des Netzes, sagt Linus Neumann vom CCC. Der Amokläufer von München habe mehrere Monate gebraucht, um sich die Glock 17 zu organisieren. Neumann: „In der realen Welt wäre dies wahrscheinlich sehr viel schneller gegangen.“

Ursprünglich wurde das Darknet zum Schutz von Dissidenten entwickelt, die anonym veröffentlichen und sich informieren müssen. Heute sind besonders Oppositionelle in der Türkei, in Syrien und im Iran auf das Darknet angewiesen, sagt Neumann. „Hier ist eine Abwägung von Schaden und Nutzen wichtig.“

„Zum Glück werden Waffen über das Darknet nicht in der Menge gehandelt wie Betäubungsmittel“, betont Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), am Dienstag bei der Präsentation aktueller Zahlen zur Internetkriminalität. Das BKA beschäftige sich seit 2013 mit dem Darknet. Seither seien drei illegale Marktplätze ausgetrocknet worden. In Zusammenarbeit mit internationalen Kollegen seien es sogar 30. Das Internet sei kein „strafverfolgungsfreier Raum“. Bei den Ermittlungen sei entscheidend, ebenso schnell und flexibel zu agieren wie die Täter, die hoch innovativ und anpassungsfähig seien. Derzeit laufen nach BKA-Angaben 85 Verfahren gegen Personen, die illegal mit Waffen oder Betäubungsmitteln gehandelt haben sollen. 

Video: Das war der Weg des Amokläufers

Caroline Wörmann

Caroline Wörmann

E-Mail:Caroline.Woermann@merkur.de

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