Überdurchschnittlich viele Gespräche

Nach Amoklauf rufen Jugendliche die Telefonseelsorge an

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München - Überdurchschnittlich viele junge Leute haben sich nach dem Amoklauf des 18-Jährigen beim OEZ mit ihren Sorgen bei der Münchner Telefonseelsorge gemeldet. In ihren Familien finden sie oft keine Hilfe.

 „Bis zu 200 Anrufe täglich gingen in den ersten Tagen ein“, sagt der Leiter der katholischen Telefonseelsorge München, Alexander Fischhold. „Das haben wir sonst in dieser Häufung nicht“.

Die Telefonseelsorge hatte am vergangenen Sonntag eine eigene Nummer für Menschen eingerichtet, die die Ereignisse von Freitagabend verarbeiten müssen. Bis zu fünf Mitarbeiter waren laut Fischhold am Montag und Dienstag von 8 bis 22 Uhr ständig im Einsatz gewesen – „mit höchstens drei Minuten Pause zwischen den Anrufen“.

Über die sozialen Netzwerke sei die Extra-Nummer veröffentlicht worden. „Daraufhin haben immer mehr Menschen angerufen, die meisten zwischen 16 und 24 Jahre alt.“ Die Hotline habe man eingerichtet, weil die normale Nummer der Telefonseelsorge immer ziemlich ausgelastet sei. Die Schilderungen und Anliegen der Anrufer nach dem Amoklauf waren sehr unterschiedlich. 

Alexander Fischhold ist Leiter der katholischen Telefonseelsorge. 

„Der eine hat die Schüsse direkt miterlebt, der andere hat einen guten Freund, der jemanden kennt, der erschossen wurde, oder einige haben die Panik in der Innenstadt miterlebt und zeitweise Todesangst gehabt“, sagt Fischhold. Dass so viele Jugendliche anrufen, erklärt er sich unter anderem mit der Zeit, in der der Amoklauf stattfand – am Freitagabend seien immer viele junge Leute unterwegs. Zudem seien viele Jugendliche nicht so „krisenerfahren“ wie Erwachsene, hätten Probleme, das Erlebte zu verarbeiten. Die Folgen: „Sie merken, dass sie sich verändert haben. Viele können nicht mehr gut schlafen, trauen sich nicht mehr aus dem Haus oder haben keine Lust mehr, Freunde zu treffen.“

Im sozialen Umfeld, in der Familie oder bei den Freunden stoßen sie oft auf wenig Verständnis. „Bei uns hören sie, dass ihre Reaktionen auf das Erlebte ganz normal sind“, so Fischhold. „Allein das ist für viele schon eine große Entlastung.“ Im Gespräch werden Strategien entwickelt, was dem Anrufer helfen könnte.

Braucht es mehr Hilfe, verweisen die Telefonseelsorger, – überwiegend speziell geschulte Ehrenamtliche – auch auf Einrichtungen wie etwa die Münchner Insel, die Krisengespräche und Beratung anbieten. „Im schlimmsten Fall, wenn die Leute etwa gar nicht mehr ihre Wohnung verlassen können, veranlassen wir auch Hausbesuche.“

Nicht nur junge Menschen nutzen die Hotline. Auch Erzieher und Lehrer informierten sich laut Fischhold, wie sie am besten mit Kindern über das Erlebte reden können. Chefs von Firmen nahe dem OEZ wollten ihren Mitarbeitern etwas Spezielles anbieten.

Die eigens eingerichtete Hotline unter der Telefonnummer (089) 21 37 20 78 soll nach Fischholds Angaben noch mindestens bis zum Wochenende geschaltet bleiben. „Viele melden sich erst nach einigen Tagen, weil sie merken, dass es ihnen nicht besser geht.“ Auch nach dem Wochenende werde es weitere Angebote geben, unter anderem von der Stadt. 

Doris Richter

Doris Richter

E-Mail:doris.richter@merkur.de

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