"Niemand hat sich gemeldet"

Amoklauf-Opfer: Angehörige wütend auf die Stadt

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Konnte erst nach drei Tagen Abschied von seiner Frau nehmen: Haci D.

München - Vier Tage nach dem Amoklauf von München nehmen Angehörige Abschied von zwei der Opfer. Dabei machen einige ihrem Unmut über das Verhalten der Stadtoberen Luft.

Update vom 28. Juli 2016: Die Kanzlerin hat ihren Sommerurlaub auch wegen des Amoklaufs in München vorzeitig abgebrochen. In unserem Live-Ticker zur Pressekonferenz von Angela Merkel verpassen Sie nichts.

Trauerfeier für Sevda D. und Selcuk K.

Es waren herzzerreißende Szenen, die sich am Dienstag im Hof des Gebäudes der Türkisch-Islamischen Gemeinde in der Schanzenbachstraße (Sendling) abspielten: Menschen liegen sich weinend in den Armen, andere blicken mit feuchten Augen gen Himmel. Gut 500 Menschen sind gekommen, um von Sevda D. (45) und Selcuk K. (15) Abschied zu nehmen. Deren Särge sind in einer Ecke des Innenhofes aufgebahrt, die Angehörigen der Toten stehen nur wenige Meter daneben. "Ich hätte mein Leben für ihres gegeben", sagt Ehemann Haci D.

Seine Frau Sevda hatte keine Chance, als der Amokläufer sie im McDonald's am OEZ einfach niederschoss. Genauso wenig wie Selcuk. Das Wochenende: Es war für die Familien die Hölle. "Als wir erfuhren, dass es eine Schießerei gibt, wussten wir, dass Sevda sich dort gerade aufhält", so der Gatte. Sofort fahren mehrere Familienmitglieder und Freunde zu dem Lokal, suchen nach der Türkin. Vergebens. Und dann erhebt der Mann schwere Vorwürfe gegen Stadt und Polizei: "Keiner konnte uns Auskunft geben, ob sie unter den Opfern ist. Die ganze Nacht nicht." Ein Cousin ruft immer wieder die Hotline an. "Nur: Da konnte man niemanden erreichen." Schwager Ugur D. fährt alle Krankenhäuser in der Stadt ab. Ohne Ergebnis. "Es war ein Albtraum."

Amoklauf am OEZ: Bilder des Polizeieinsatzes

Erst am Montag dürfen Hinterbliebene Sevda sehen

Opfer Sevda D.

Am Samstagvormittag klingeln dann Polizisten daheim. "Sie sagten uns, dass Sevda tot ist. Das war's", schimpft Ugur. Als die Familie darum bittet, die Tote sehen zu dürfen, wird ihnen mitgeteilt, dass das nicht möglich sei. "Erst am Montag durften wir zu ihr." So habe man tagelang gehofft, dass vielleicht alles nur ein schreckliches Missverständnis war, ein Fehler. Auch Nükhet Kivran, Chefin des Migrationsbeirats, ist verärgert: "Darf man so mit Betroffenen umgehen?"

Und die Stadt? "Niemand von denen hat sich bei uns gemeldet, niemand kondoliert", sagt Haci. Sogar der türkische Außenminister habe ihn angerufen, um sein Beileid zu bekunden. "Von der Stadt keiner."

Der Oberbürgermeister verteidigt sich: "Am Montag erreichte die Angehörigen mein Kondolenzschreiben, in dem ich den Familien nicht nur mein tief empfundenes Beileid ausgesprochen, sondern weitere Unterstützung und auch ein persönliches Gespräch angeboten habe", so Dieter Reiter (58, SPD). Direkt nach dem Amoklauf wollte man nicht unangemeldet bei den Familien auftauchen. Ein persönliches Treffen gab es daher am Dienstagabend. Zudem werden die Angehörigen alle zum Trauerakt im Bayerischen Landtag am kommenden Sonntag eingeladen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (62, CDU) wird dort sein.

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Die verpasste Chance - lesen Sie hier den Kommentar von MM-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Armin Geier

Armin Geier

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