Sie starben durch Ali David S.

Ihr fehlt so sehr! Das sind die neun Opfer des Amoklaufs

+
Die Trauer ist groß: Mit Kerzen wird den Opfern des Amoklaufs von München gedacht.

München - Neun zumeist junge Menschen riss der Amokläufer mit in den Tod. Nun trauern die Hinterbliebenen über ihre Verluste. Dies sind ihre Geschichten.

München trauert. Um seine Kinder, um seine Jugendlichen, um seine Erwachsenen. Fünf Menschen ließen ihr Leben im McDonald's-Restaurant, zwei davor, ein Mensch starb vor dem Elektrogeschäft Saturn und eine Person im OEZ. Innenminister Thomas de Maizière: "Wenn man sieht, wieviele Kinder und Jugendliche aus wie vielen Nationen unter den Opfern sind, dann zerreißt es einem schlicht das Herz."

Dijamant Z.: So trauert der Vater

Dijamant Z.s Vater trauert.

Mit einem Strauß roter Rosen steht Naim Z. auf der Rückseite des OEZ. In der Hand ein Foto: Ein junger Mann lächelt darauf, die Haare gestylt. "Das war mein Sohn", sagt Z. aus dem Oberschleißheimer Ortsteil Lustheim. Sein Sohn Dijamant, 20 Jahre alt, ist tot. Dijamant hatte sich am OEZ mit einem Freund verabredet. Sie saßen draußen, wollten eine Limo trinken. Dann kam der Amokschütze und feuerte Schüsse ab. 

"Sein Freund ist weggelaufen, meinen Sohn hat er getötet", erzählt Z., der aus dem Kosovo stammt. Seine Stimme wird heiser. Zwei Töchter hat er noch, vier Enkel. Dijamant war der einzige Sohn, geboren in München. Er machte eine Ausbildung am Flughafen. Dass der 20-Jährige jetzt nicht mehr lebt - für den Vater ist es nicht zu begreifen. 

Am Samstagmorgen um 4 Uhr sei die Polizei vor der Tür gestanden und habe ihm die schreckliche Nachricht überbracht. "Ich bin noch in Träumen, ich glaube noch nicht, was passiert ist, meine Familie glaubt es auch nicht." Ein enger Freund von Dijamant hat eine Trauerseite auf Facebook zum Gedenken eingerichtet. Über Freunde haben sich die beiden vor sechs Jahren kennengelernt, gingen gemeinsam zur Schule. 

Er beschreibt Dijamant als "sehr lebensfrohen Menschen, er hatte immer lustige Geschichten auf Lager". Freunde und Familie seien ihm das Wichtigste gewesen. "Man konnte stundenlang mit ihm reden", sagt sein Freund. Traurig habe er Dijamant nie erlebt. Als er über Dijamants Vater vom Tod des Freundes erfahren hat, habe er überall Gänsehaut bekommen. Am Montag soll Dijamant zur Bestattung in den Kosovo überführt und nach islamischem Ritus beerdigt werden. Bei der Beerdigung kann der Freund nicht dabei sein. Er wolle aber so bald wie möglich in den Kosovo reisen, um am Grab des Freundes Abschied zu nehmen.

Armela S.: Sie war der Sonnenschein

Ein Lächeln im Gesicht - als wenn gerade die Sonne aufgegangen wäre. So werden Familie und Freunde Armela S. in Erinnerung behalten. Erst im Mai war das Mädchen mit den langen braunen Haaren 14 Jahre alt geworden - am Freitag kam die Schülerin bei der Wahnsinnstat des 18-jährigen Amokläufers ums Leben.

Armela S. mit ihrem Bruder.

Ein schwerer Schock für ihre Familie mit Wurzeln im Kosovo, die im Münchner Norden lebt. Armelas Bruder Arbnor (23) erfuhr um kurz vor 18 Uhr über Freunde, dass er sich vom OEZ fernhalten solle. "Ich wusste aber, dass meine kleine Schwester dort ist, ab dem Zeitpunkt hatte ich keine Ruhe mehr", sagte er einem ARD-Team.

Arbnor versucht seine Schwester immer wieder zu erreichen, klappert alle Krankenhäuser und Polizeistationen ab. Ohne Erfolg. "Irgendwann hatte ich panische Angst." Bei Facebook startet er um 23.52 Uhr einen Suchaufruf mit einem Foto.

Am Samstagmorgen dann die traurige Gewissheit: Der Vater ruft Arbnor an, er soll heimkommen. Daheim erfährt der große Bruder, dass Armela tot ist. "Ich habe die Person verloren, die mir am meisten am Herzen lag." Auf zwei Facebook-Seiten trauern nun Tausende mit ihm um ihren "Engel". Der FC Pipinsried (Kreis Dachau) hat am Samstag sein Bayernliga-Spiel gegen Kottern abgesagt: Arbnor S. spielt seit Anfang Juli in dem Verein, seine Familie feuerte ihn oft als Zuschauer an.

"Wir trauern mit der Familie", sagt Vereinsvorsitzender Konrad Höss (74). Die Familie sei eine Bereicherung für den Verein. Armela habe die Spiele ihres Bruders oft verfolgt, sei ein herzensguter Mensch gewesen. "Sie hat Leben verbreitet - es war schön, sich mit ihr zu unterhalten", so Höss.

Die Schülerin soll im Kosovo bestattet werden, deswegen hat der Verein über seine Homepage auch einen Spendenaufruf veröffentlicht. Am Sonntag schrieb Arbnor S., es seien genug Spenden beisammen, mehr Geld helfe nicht mehr. "Wir brauchen EUCH! Euer Mitgefühl und Eure Kraft. Meine Schwester würde es so wollen."

Can L.: Ein toller Fußballer

Can L. (14) aus München besuchte die Leistungssportklasse an der Mittelschule in Unterhaching. Ein leidenschaftlicher Fußballer, ein großes Talent. Doch auch Can starb am Freitag - zusammen mit seinem Freund Selcuk.

Can L.

Der 14-Jährige Can ging in die 8. Klasse, in seiner Freizeit kickte der Linksfuß beim TSV Moosach-Hartmannshofen in der Kreisklasse. Sein Tod löste große Bestürzung aus. Die Spieler treffen sich Dienstag in Gedenken an Can auf dem Platz, auch ein Seelsorger soll dazukommen.

"Er war ein Bombenmensch und ein Bombenfußballer", sagt ein Bekannter. Er sei ein sehr offener Bub gewesen, sehr wohlerzogen und "super lustig". Selten hätte es einen Tag gegeben, an dem er nicht gut drauf war, selbst nach Niederlagen.

Cans Mitschüler haben sich am Samstag in der Mittelschule Unterhaching versammelt. Rektorin Christa Glasl ist bestürzt: "Wir können dieses Unglück nicht fassen." Die Achtklässler wurden von einem Kriseninterventionsteam betreut. In der Schule wird jetzt ein Trauerraum errichtet, indem die Schüler Abschied von Can nehmen können.

Hüseyin D.: Sein Vater suchte ihn vergeblich

Hüseyin D. (l.).

Hüseyin D. (17) war ein stattlicher junger Mann, ein Boxer, auf Fotos posierte er gern vor schnellen Autos. Am Freitag war er mit seiner Schwester im OEZ. Eine Journalistin der New York Times begleitete später den panischen Vater bei der Suche nach seinem Sohn. Vier Krankenhäuser klapperte er ab, ohne Erfolg. Später kam die traurige Gewissheit: Hüseyin gehört zu den Toten. Die Schwester überlebte, steht unter Schock.

Sabina S.: "Sie ist jetzt ein Engel"

Sabina S.

Sie war wohl mit ihrer Freundin Armela S. im OEZ unterwegs. Sabina S., ein hübsches Mädchen mit kosovarischen Wurzeln, mit 14 Jahren viel zu jung, um zu sterben.

Ihre Freunde haben auf Facebook bereits mehrere Trauerseiten angelegt. Leuchtende Kerzen, Engel, Tränen, Rosen - so versuchen Bekannte, Freunde, aber auch viele Fremde ihre Trauer in Bilder zu fassen. Ein Freund schreibt: "Ruhe in Frieden, kleine Sabina. Wir vermissen dich!" Eine Frau schreibt: "Sie ist jetzt ein Engel und durchstreift mit ihrer Freundin Armela den Himmel."

Roberto R.: Letzte Worte

Roberto R.

Erst 15 Jahre alt war Roberto R., als er aus dem Leben gerissen wurde. Auf Facebook zeigt sich der junge Münchner als aufgeweckter Teenager, der gläubiger Christ gewesen zu sein scheint. Der Jugendliche mit ungarischen Wurzeln postete wenige Stunden vor dem Amoklauf am Freitag ein Foto auf Facebook, das zwei lachende junge Frauen zeigt: Eine hat eine Bibel in der Hand, die andere einen Koran. Wenige Stunden später war Roberto R. tot …

Sevda D.: Ausgelöscht

Sevda D.

Sie wurde geliebt - und jetzt wird sie so vermisst. Auch die Türkin Sevda D. (45) starb beim Amoklauf. Ihre Nichte sagt: "Nichtsahnend wurde sie aus dem Leben gerissen."

Giuliano K.: Er war so stark

Giuliano K.

Es ist nur ein kurzer Eintrag: "Die Beerdigung von meinem Bruder Giuliano K. ist am 28.7.", schreibt André K. auf Facebook. Es folgen Ort und Uhrzeit. Ein letzter Satz: "Wer Abschied nehmen will …" Giuliano K., ein 19 Jahre junger, lebensfroher Münchner, starb in den Armen eines Ersthelfers. Der erzählt, dass der junge Mann drei Kugeln in die Brust abbekommen habe. Der Helfer weiter: "Er war stark. Stärker als ich." Einer, der Giuliano K. von klein auf kannte, sagt: "Er hätte keiner Fliege etwas getan. Er ging fröhlich durchs Leben - bis zum Freitagabend." Als das Grauen kam.

Selcuk K.: Alle werden dich vermissen

Selcuk K.

Er starb zusammen mit seinem Kumpel Can L. (14): Selcuk K. war im McDonald's, als der Täter die tödlichen Schüsse abfeuerte. Der junge Deutsch-Türke wurde 15 Jahre alt. Auf Facebook trauern Freunde und Familie um den Teenager, der Fußball spielte und Thaiboxen als weiteres Hobby angibt. Erst vor wenigen Tagen soll der 15-Jährige sein Quali-Zeugnis bekommen haben. "Sie sind alle jetzt im Paradies, und wir werden immer an alle Verstorbenen denken", postet eine junge Frau über Selcuks Account. Ein toller Sportler soll er gewesen sein - und ein liebenswerter Lausbub. Eine Freundin: "Alle werden dich vermissen."

wei, tos, icb, pk

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Ottobrunner hingerichtet: Zehn Kugeln aus Rache?
Ottobrunner hingerichtet: Zehn Kugeln aus Rache?
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Kommentare