"Wegen Überfüllung geschlossen"

So treibt das KVR-Chaos die Münchner in den Wahnsinn 

Die Redaktionsmitarbeiterin Bettina Pohl wollte sich "nur mal schnell" ummelden und scheiterte schon an der Eingangstür.

München - Bürgerbüro am Orleansplatz, Dienstagnachmittag. Nur mal schnell ummelden. Das geht in München derzeit nicht so einfach. Wieder einmal heißt es: "Wegen Überfüllung geschlossen". Die Menschen vor der Tür sind total frustriert. Ein Situationsbericht.

Dienstag, 16.20 Uhr am Münchner Orleansplatz. Ich habe die tz-Redaktion extra eher verlassen, um mich innerhalb der zweiwöchigen Frist beim Bürgerbüro am Orleansplatz umzumelden. Um spätestens 18 Uhr, so dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch, wäre ich endlich offiziell eine Münchnerin. So lange hat das Bürgerbüro dienstags geöffnet. Wie falsch ich mit dieser Annahme lag, musste ich direkt nach dem Verlassen der 19er-Trambahn in Richtung St. Veit feststellen.

Bereits von weitem nahm ich die Menschentraube wahr, die sich vor der Niederlassung des Kreisverwaltungsreferats (Hauptabteilung II für Einwohnerwesen) in der Orleansstraße 50 ansammelte. Am Ort des Geschehens dann ein Stimmen-Wirrwarr. Menschen unterhielten sich aufgeregt und waren sichtlich erbost über die Situation, die mich ebenfalls betraf: Das KVR hat seine Schotten dicht gemacht, Einlass ausgeschlossen. Die Verkünder der misslichen Lage: Zwei Securities, die penibel darauf achten, dass kein Unbefugter in die Hallen der Stadt "eindringt".

Kein Reisepass ohne Wartenummer

"Wegen Überfüllung ist dieses Bürgerbüro ab sofort geschlossen! Wir bitten um Ihr Verständnis" Verständnis kann kaum noch jemand aufbringen.

Mit einem dieser Vorsteher legte sich gerade eine verzweifelte Mutter an - sie verlangte, jemanden zu sehen, der für diese Lage zuständig ist. Doch sie hatte keine Chance. Immer wieder machte ihr der Leibwächter des KVR in gebrochenem Deutsch klar: "Wir können niemanden mehr reinlassen ohne Wartenummer. Und die werden nicht mehr ausgegeben." Ein herber Schlag für Frau Dirscherl, die hier nicht zum ersten Mal mit ihrer 17-jährigen Tochter Rebecca steht. Die Schülerin der 10. Klasse benötigt dringend einen neuen Pass - "sonst können wir die geplante Reise vergessen", erzählt mir das Mädchen. Kurz vor den Abschlussprüfungen solle sie nochmal zur Ruhe kommen und Kraft tanken, erklärt die Mutter.

Ob der Trip stattfinden kann, steht bislang in den Sternen. Und das, obwohl Mutter und Tochter schon zum zweiten Mal gemeinsam ihr Glück vor dem KVR versuchen. Anders würde es auch nicht gehen: Da Rebecca unter 18 Jahre alt ist, so steht es ebenfalls auf dem offiziellen Stadtportal muenchen.de geschrieben, muss sie grundsätzlich persönlich und in Begleitung einer sorgeberechtigten Person erscheinen. Für Familie Dirscherl bedeutet das: Die arbeitende Mutter muss sich frei nehmen, die schulpflichtige Tochter muss von der Schule befreit werden. Als hätte die Familie keine anderen Probleme als Behördengänge: "Mein Mann liegt derzeit im Krankenhaus. Dem kann ich das ja gar nicht erzählen, dass es heute wieder nicht geklappt hat - er rechnet fest damit", erläutert Frau Dirscherl.

Kfz-Anmeldung möglich - aber nicht zu empfehlen

Dass es mal wieder nicht für den Einlass gereicht hat, erfährt an diesem Dienstag auch Frau Hess. Sie sucht das KVR zum dritten Mal auf, damit sie endlich ihr Auto nutzen kann - auf dem Münchner Stadtportal wird extra darauf hingewiesen, dass die Anmeldung eines neuen Fahrzeuges in den Bürgerbüros möglich ist. Die 64-Jährige erzählt mir, dass die Lage in der vergangenen Woche um die Mittagszeit noch schlimmer war: "Da standen die Menschen in einer riesigen Schlange um die Ecke." Dies entspricht rund 50 Metern. "Vorhin war hier eine Frau, die bereits zum fünften Mal versucht hat, reinzukommen", gibt Frau Hess erzürnt wieder.

Ihr Sohn Marcel, der am Dienstag ebenfalls dabei ist, steht relativ ruhig neben ihr: "Ich bin extra aus Donauwörth gekommen, um mich umzumelden", erzählt er mir. An jenem Dienstag sollte das nichts mehr werden. Auch auf eine telefonische Auskunft kann der 33-Jährige nicht hoffen: "Ich wollte wissen, ob es sich lohnt, noch in ein anderes KVR zu fahren - doch ab 16.30 Uhr war der Anrufbeantworter an und es hieß, ich würde außerhalb der Öffnungszeiten anrufen." Und das, obwohl das Bürgerbüro am Orleansplatz bis 18 Uhr geöffnet sein sollte. Gegen 17 Uhr verlässt der junge Mann gemeinsam mit seiner Mutter den Vorplatz des Bürgerbüros - wann er sich ummelden und seine Mutter endlich ihr Auto nutzen kann, ist weiterhin unklar.

Schnellschalter ohne wirklichen Nutzen

Deutlich wird jedoch: So kann es für die Münchner nicht weitergehen. Daniela Schlegel, Pressesprecherin der Stadt München, wird tagtäglich mit diesen Problemen konfrontiert.

In einem Telefonat habe ich nachgefragt: Wie ist der Ausblick für die Bürger? Und welche Konsequenzen haben sie zu erwarten, wenn sie sich nicht gemäß der Zwei-Wochen-Frist (festgelegt durch das Bundesmeldegesetz) ummelden? Im vergangenen Jahr genehmigte der Stadtrat neue Stellen - um die angespannte Situation in den Kreisverwaltungsreferaten zu entschärfen.

"Die neuen Stellen sind überwiegend besetzt. Es war schwierig, neue Leute zu finden", erklärt Schlegel im Gespräch mit mir. Den Bürgern gibt sie den Hinweis, sogenannte Schnellschalter zu nutzen - wer lediglich eine Meldebescheinigung benötigt, scheint hier richtig zu sein. Aber: Diese Schalter sind Bestandteil des Bürgerbüros. Ist dieses dicht, ist auch der Schalter nicht verfügbar.

Dann gebe es ja aber immer noch das Wachpersonal, dem die Bürger ein dringendes Anliegen persönlich vortragen können. "Unser Wachpersonal ist geschult", macht die Pressesprecherin deutlich. Und zumindest im KVR in der Ruppertstraße scheint dieses dann dringende Anliegen, die sofort bearbeitet werden sollten, zu erkennen und zu filtern. Als Beispiel nannte Frau Schlegel einen Pass...

Verstoß gegen das Meldegesetz - ohne Schuld zu tragen

Und welche Konsequenzen haben die Bürger zu erwarten, wenn sie aufgrund der KVR-Schließungen das Meldegesetz nicht einhalten können? Die würden laut Schlegel "nach Augenmaß" ergriffen - immerhin wäre die angespannte Lage allseits bekannt.

Ein Risiko, das man wohl eingehen muss, wenn man eine Vollzeitstelle hat und nicht jeden Tag eher kommen oder gehen kann. Doch am Flughafen werden die Beamten sicher kein Auge zudrücken und Rebecca ohne Reisepass in den verdienten Urlaub fliegen lassen - ihr und ihrer Mutter wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als es immer wieder am KVR zu probieren.

Mit Glück erwischt das Familiengespann eine der begehrten Wartenummern - oder gerät das nächste Mal an einen Security, der die Alltagsprobleme der Münchner versteht. Ich wünsche es ihnen.

Bettina Pohl

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