Eintauchen in eine andere Welt - für nur 20 Euro

In Haidhausen gibt es bald ein besonderes Kino

+
Experimentiertfreudig: Sebastian Steier und seine Schwester Samata probieren die Technik aus.

München - Tiefseetauchen, Achterbahn fahren oder Brot backen: In einer alten Autowerkstatt in Haidhausen könnte bald ein Kino entstehen, in dem die Besucher selbst zu Akteuren werden.

Für 20 Euro zum Mond fliegen, und hinterher gibt’s einen Cappuccino zum Entspannen: So oder ähnlich könnte ein Besuch im „Virtual Reality Center“ aussehen, das der Münchner Sebastian Steuer und seine Schwester Samanta in einer ehemaligen Lagerhalle in einem Haidhauser Hinterhof verwirklichen wollen.

Früher war dort an der Kirchenstraße eine Autowerkstatt. Seit einiger Zeit stehe die Halle leer, sagt die 29-jährige Samanta, „wir würden sie gerne umbauen und sanieren und warten noch auf die Genehmigung der Lokalbaukommission“. Ihr Bruder Sebastian, von Beruf Informatiker, erklärt die Geschäftsidee: Auf rund 400 Quadratmetern solle ein Zentrum „ähnlich wie ein kleines Kino“ entstehen. Gezeigt werden sollen an zwölf Stationen aber keine Filme, sondern möglichst realitätsnahe Erlebniswelten, in die der Besucher mit Hilfe von computergesteuerten Brillen „eintauchen und sich dabei mittendrin fühlen“ kann, sagt der 32-Jährige.

Auge in Auge mit einem Riesenwal

Solche „VR“-Brillen sind derzeit vor allem in der Spieleindustrie im Kommen. „VR“ steht für „Virtual Reality“, die virtuelle Realität. „Am Markt gibt es schon Dutzende Spiele und Anwendungen“, sagt der Internet-Profi. Er und seine Schwester seien gerade dabei, die teils kostenpflichtigen „Experiences“ daheim im Wohnzimmer zu testen. Das sieht zum Beispiel so aus: Mit der VR-Brille auf der Nase und einem „Controller“ in der Hand beamt sich der Betrachter in eine Unterwasserwelt. Beim „Tiefseetauchen“ ist er Aug’ in Aug’ mit einem Riesenwal. Fischschwärme ziehen über ihn hinweg. Ein Blick zur Seite offenbart das Wrack eines versunkenen Schiffes. Höhlen lassen sich ausleuchten und Krebse oder Quallen vermeintlich anstubsen – die Tiere scheuen prompt zurück. Dazu gibt’s Meeresrauschen via Kopfhörer.

Eine faszinierende Scheinwelt, und doch kann dem Betrachter bei so vielen Sinnen schon mal der Kopf schwirren. Die Technik dahinter erklärt der Münchner so: „Die VR-Brille erkennt dank Sensoren, wo die Person gerade hinschaut und meldet die Position im Raum an den PC zurück. Und der PC berechnet innerhalb kürzester Zeit das Bild, das man in der künstlichen Welt sehen würde und zeigt dies über die Brille dem Auge an.“ Das Ergebnis: „Eine 3-D-Ansicht mit 360 Grad-Optik, aber interaktiv.“ Samanta Schuster, die Hotel- und Restaurantmanagement studiert hat, würde sich gerne um den Betrieb kümmern, der mit Rücksicht auf die Nachbarn „leise und nur drinnen“ stattfinden soll, wie sie betont. „Achterbahnfahren, Tennisspielen, Klettern oder mit Apollo 11 zum Mond fahren, das alles funktioniert in der virtuellen Welt nach außen geräuschlos.“ Sie grinst. Es gebe sogar Job-Simulatoren als Erlebniswelt, man bewege sich dabei durch ein Büro oder stehe plötzlich in einer „Bäckerei beim Brotebacken“.

In der Virtuellen Realität lässt sich die Angst vor Spinnen heilen

Bezahlen könnten die Besucher nach Zeit, so die Idee. Wer genug gesehen habe, könne die Brille auch „einfach absetzen“ und in Ruhe einen Kaffee trinken. Noch sind die Geschwister mit ihrer Idee ganz am Anfang. In seinem Wohnzimmer bastelt Sebastian Steuer derzeit an einem „Prototypen“ für die geplanten „Virtual-Reality-Stationen“, wie er es nennt. Der Prototyp besteht aus einem eiförmigen Sessel, einer VR-Brille, einem Kopfhörer und dem Controller, quasi „künstlichen Händen, um in der virtuellen Welt zum Beispiel eine Wand hochzuklettern“. Unter dem Sitzkissen seien zudem ein PC mit Wasserkühlung und ein kleines Display eingebaut, erklärt der Tüftler. Nach diesem Vorbild will er die zwölf Stationen bauen. Auch Therapeuten hätten schon Interesse angemeldet, die die VR-Technik – in gesonderten Räumen – womöglich nutzen wollen, sagt der Informatiker, der im Nebenfach Psychologie studiert hat. „Virtuelle Realität wird in der Psychotherapie zum Beispiel eingesetzt, um Höhenangst oder Spinnenphobien zu behandeln, ohne dass der Patient einer Gefahr ausgesetzt ist.“

Die Technik habe in den 90ern schon mal einen kleinen Boom erlebt, räumt der Münchner ein. Danach war erstmal Pause. Seit einiger Zeit gibt es VR-Brillen auch in Kombination mit manchen Smartphones und einer App. Das Smartphone wird dabei als Bildschirm in die Brille gesetzt – „einfache Versionen gibt es ab etwa 20 Euro“. Er und seine Schwester planen hingegen mit computergesteuerten Brillen, die sich „etwa zwischen 600 und 900 Euro“ bewegen, sagt er, „sie liegen wohl bald in den Geschäften, wir haben sie schon online bestellt“. Schon im Herbst könne das Projekt in Haidhausen starten.

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare