Traditionsgeschäft in Haidhausen

Nach 135 Jahren: Das Ende der Metzgerei Wittmann

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Franz Pichler kam als 17-Jähriger nach München. Seit den 80ern führt er mit Gattin Gabi die Metzgerei Wittmann – an Ostern setzen sich nun beide zur Ruhe.

München - Genau 135 Jahre gab es die Metzgerei Wittmann in der Nähe vom Max-Weber-Platz. Am Karsamstag schließt der Laden in der Inneren Wiener Straße für immer zu.

Zwischendrin, beim Reden, da packt es Gabi Pichler dann doch immer wieder und sie braucht ein Taschentuch. Dann werden die Augen feucht und die Gefühle zu stark. Wenn sie vom Abschied spricht.

Nur diese Woche noch wird sie, so wie die letzten Jahrzehnte auch immer, jeden Tag morgens die Fleischvitrine schön herrichten, mit den Braten, Haxen, Schnitzeln, den Milzwürscht und den Wollwürscht. Wird sie später ein paar Laibe Leberkäs in den Ofen schieben für die Imbisstheke und den Mittagstisch. Und wird der Franz, ihr Mann, noch einmal in der Wurschtküche stehen, für die schon legendären und über Haidhausen hinaus bekannten, hausgemachten Kaminwurzen. 800 Stück schafft der Franz normalerweise in einer Woche, jetzt wird’s wohl noch mal mehr, 1000 Wurzen, wenn’s langt. Jetzt, bevor’s vorbei ist. „Am End’ is dann sicher doch das Gscheiteste, dass wir aufhören“, sagt Gabi Pichler, „aber traurig macht’s einen schon auch.“ Weil der Laden hier schließlich ihr Leben war.

Metzgerei Wittmann: Ende nach 135 Jahren

Genau 135 Jahre und vier Generationen gab es die Metzgerei Wittmann in der Nähe vom Max-Weber-Platz. Nun schließt der Laden in der Inneren Wiener Straße, am Karsamstag sperren die Pichlers für immer zu. Wieder stirbt ein Traditionsgeschäft, wieder geht ein Stück altes München zu Ende.

1881, keine 30 Jahre nach der Eingemeindung Haidhausens nach München, hatte Gabi Pichlers Urgroßvater Karl Wittmann die Metzgerei gegründet. Der Laden stand damals noch an der Ecke zur Kirchenstraße. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als der Josef, Karls Sohn, den Betrieb übernahm, waren die Wittmanns mit dem Geschäft schon 50 Meter stadteinwärts gezogen, Richtung Wiener Platz. Josef junior stieg dann in dritter Generation als Inhaber ein, 1956, als seine Tochter Gabi auf die Welt kam.

Von kleinauf half die Gabi in der Metzgerei mit. Am Schönsten waren immer die Nachmittage, wenn sie nach der Schule mancher Kundschaft Fleisch und Wurst nach Hause liefern durfte. 1968 stellte Gabis Vater einen jungen Metzgermeister aus Kärnten ein, den 17-jährigen Franz Pichler. Gabis späteren Mann. Ab den 80-ern führten sie beide den Laden. Bei den Pichlers, die drüben in der Preysingstraße wohnen, gab es immer mehr als einfach nur Fleisch und Wurst. Dreiviertel der Käufer waren Stammkunden. Gerade ältere Nachbarn kamen, weil sie der Frau Pichler auch ihr Herz ausschütten konnten. Die Metzgerei Wittmann, das war ein Laden für Leib und Seele.

Nur ging den Pichlers selbst allmählich die Kraft aus. Nach fünf Jahrzehnten Arbeit. Jeden Tag von halb 7 in der Früh bis am Abend um halb 8, er ist inzwischen 65, sie hat heuer den Sechzigsten. Auch für die beiden Töchter (35 und 32) war es kein Thema, den Betrieb zu übernehmen, sie haben längst ihre eigenen Berufe: eine als Lehrerin, die andere bei einer Bank.

Es war letzten Sommer, als die Pichlers darum beschlossen, aufzuhören, um noch etwas zu haben von den nächsten Jahren. Sich um ihre Hütte kümmern, in der Nähe vom Sudelfeld. Wandern gehen. Zeit haben für die drei Enkel, mit 14, 5 und 2. Das Leben genießen.

Erst vor gut einer Woche hängten sie die Zettel aus, mit dem Hinweis auf die Schließung zu Ostern. Nachmieter wird nach tz-Informationen die Münchner Manufaktur, ein Bekleidungsdesigner für Janker, Blusen und Dirndl. Die Kunden vom Metzger Wittmann werden sich in dieser Woche verabschieden müssen von den Pichlers. Bis Karsamstag haben sie Zeit, Pfiagod zu sagen. Bis zu den allerletzten Kaminwurzen.

Florian Kinast

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