Tag der Archive in München

Zeitgeist pur - Ein Besuch im Bayerischen Wirtschaftsarchiv

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Was im Archiv von Eva Moser lagert, hat teilweise höchsten Sammlerwert. Aber zum Verkauf ist es nicht gedacht, sondern zum Bewahren.

München - Im Archiv der Bayerischen Wirtschaft lagern die verrücktesten Dinge. Von alten Quelle-Katalogen über Bierflaschen bis hin zu kuriosen Verträgen. Zum Tag der Archive öffnet es seine Türen.

Eva Moser blättert durch einen dicken Quelle-Katalog. Die Produkte wirken völlig aus der Zeit gefallen – er stammt aus dem Jahr 1954. „Das ist für mich immer wieder eine Zeitreise, durch die man sich blättern kann“, sagt die Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs. Campingkocher, Luftmatratzen, Zelte und Fotoapparate werden angepriesen: Die Reiselust der Deutschen beginnt. „Das ist Zeitgeist pur“, sagt Moser. „Man kann sehen, was die Leute damals gekauft haben.“ Genau das ist das Ziel des Wirtschaftsarchivs an der Orleansstraße: Retten, was zu retten ist.– auch die alten Quelle-Kataloge.

Auf über fünf Kilometern sind tausende Bestände bayerischer Firmen verstaut. Auch der „Dienst-Vertrag“ zwischen Gabriel Sedlmayr, der um 1880 Chef der Spaten-Brauerei war, und seinem Personal. In Artikel 48 des Vertrags ist zu lesen: „Jeder Braugeselle erhält am Tag sieben Liter Haustrunk.“ Einschränkung einen Artikel weiter: Wer sein Bier nicht selbst trinkt, darf es nicht weiterschenken – auch nicht an Familienmitglieder.

Solche handschriftlichen Arbeitsverträge sind Relikte bayerischen Unternehmertums. „Erinnerungen, die wir mit dem Archiv wachhalten“, sagt Moser. Die Wirtschaftshistorikerin steht in einem fensterlosen Archivraum, die Regale bis an die Decke gefüllt mit Kartons, Papierstapeln, an den Wänden lehnen Bilder und Werbeplakate. „In unserem Archiv sieht man, wie stark die bayerische Wirtschaft war und ist.“ Vorstandspapiere, Verträge, Geschäftsberichte, Fotos, Werbemittel; nur geheime Rezepturen und Produktionsschritte fehlen.

"Schatzsuche der letzten Art"

Moser darf nicht einfach archivieren, was sie will. Sie muss die Unternehmen gezielt anfragen – der Datenschutz ist eine Hürde. „Da müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten und Vertrauen schaffen“, sagt Moser. Dann suchen die Historiker in den Unternehmen nach Material, das wirtschaftsgeschichtlich bedeutsam ist und älter als 30 Jahre. Jüngere Unterlagen könnten ja noch benötigt werden. Bei insolvent gegangenen Betrieben spielt das Alter der Dokumente keine Rolle. Für Eva Moser ist die Arbeit eine „Schatzsuche der letzten Art“. Viele Unternehmen wüssten gar nicht, was in ihren Kellern lagert.

Ein Stockwerk über den Archiven ist ein Leseraum. Dort kann jeder, der ein berechtigtes Forschungsinteresse nachweist, Dokumente einsehen. Das können Privatpersonen sein, die ihre Familiengeschichte erforschen. Aber auch Museen oder Einrichtungen, die Ausstellungen über bestimmte Branchen oder Firmen planen. Einige der Unternehmen, die ihre Unterlagen dem Archiv anvertraut haben, benötigen oft Unterlagen für Werbemaßnahmen. „Für Firmen und Betriebe ist die eigene Historie ganz wichtig“, erklärt Moser. Zur Sicherung der vielen Dokumente gründete die Industrie- und Handelskammer 1986 das Wirtschaftsarchiv, damals nur für Münchner Firmen. Heute ist das Archiv für ganz Bayern zuständig. Moser und ihr Team wollen, dass die Unterlagen noch lange der Nachwelt zur Verfügung stehen. Das Archiv, sagt Moser, sei eine „Rettungs- und Auffangsstätte“ wirtschaftlich bedeutsamer Quellen.

Auch Webseiten und digitale Daten sollen zukünftig archiviert werden

Große Unternehmen wie Siemens oder BMW betreiben eigene Archive. Mittelständische und kleinere Betriebe können sich aber eine eigene professionelle Archivierung nicht leisten. So repräsentiert der Bestand im Wirtschaftsarchiv die breite Palette der bayerischen Wirtschaft: Brauereien, Verlage, Maschinenbauer, Energieunternehmen, Banken, Textilunternehmen und viele mehr. Auch die ständige Veränderung der Wirtschaft spiegelt sich im Archiv wieder.

Während früher Unternehmen ihre Historie in Papierform der Nachwelt hinterließen, präsentieren sich viele heute nur noch digital im Internet. „Leider können wir noch keine Webseiten und digitalisierte Daten archivieren“, bedauert Moser. Das solle sich aber ändern, zusammen mit anderen Wirtschaftsarchiven wird daran gearbeitet.

Eines ist Moser wichtig: „Wir wollen kein Museum sein.“ In erster Linie gehe es darum, dass Interessierte einen Zugang zu den Beständen haben. Deswegen bieten die Historiker nach Anmeldung auch Führungen für die breite Öffentlichkeit an. „Die Besucher lieben es, in alten Katalogen und Broschüren zu blättern. Das weckt Kindheitserinnerungen“, sagt Moser.

"Bier spielt eine große Rolle"

In den Gängen im Magazin ist Erinnerungsträchtiges nicht zu übersehen: Die alten Blechschilder der Löwenbräu-Brauerei, die alle paar Meter an den Wänden hängen, und die Kästen mit Löwenbräu-Bierflaschen aus den 60er-Jahren, die am Boden stehen. Eva Moser lacht und sagt: „Mengenmäßig spielt Bier bei uns eine sehr große Rolle.“ Auch wenn der Konsum zurückgehe, sei Bayerns Bier noch immer ein Verkaufsschlager.

Grund genug, um am bundesweiten Tag der Archive mit der Ausstellung „Flüssiges Gold – Bayerisches Bier“ teilzunehmen (5. März von 10 bis 17 Uhr in der IHK, Orleansstraße München). An diesem Tag wird Eva Moser die Besucher auch durchs Archiv führen. Damit möglichst viele sehen, dass hinter den dicken Türen die facettenreiche Wirtschaft Bayerns weiterlebt.

Florian Reil

Tag der Archive in München - das ist geboten

Deutsches Museum

„Mobiles Leben einst und jetzt“, lautet das Motto unter dem das Deutsche Museum dieses Jahr den Tag der Archive begeht. Zu sehen gibt es im Bibliotheksgebäude auf der Museumsinsel unter anderem Grafiken aus den 1920er bis 1970er Jahren, die zeigen, wie man sich in der Vergangenheit den Verkehr der Zukunft vorstellte. Aber auch außerhalb des diesjährigen Mottos gibt es in den Archiven des Museums Einiges zu entdecken. Die Urkunde des Nobelpreisträgers Ferdinand Braun zum Beispiel. Führungen durch das Magazin gibt es um 10, 12, 14 und 16 Uhr. Ebenfalls im Deutschen Museum zu Gast sind das Archiv der Akademie der Bildenden Künste, die Bayerische Staatsbibliothek und das Archiv der Max-Planck-Gesellschaft.

Staatsarchiv München

Im Staatsarchiv München, Schönfeldstraße 3, liest Winfried Frey zwischen 13 und 16 Uhr immer zur vollen Stunde aus bayerischen Kriminalfällen, dazu gibt es Führungen zu Themen wie „Sex and Crime in Oberbayern“. Außerdem finden Einführungen zur Urkunden- (12 Uhr) und Heimatforschung (15 Uhr) statt.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Nur eine Tür weiter bietet das Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Schönfeldstraße 5-11, unter anderem Führungen durch die Restaurierungswerkstatt (11.30, 12.30, 13.30, 14.30 Uhr, Voranmeldung erforderlich) und durch die Fotowerkstatt (10.30, 13, 15 Uhr) an. Experten des Archivs helfen außerdem dabei, mitgebrachte Dachboden- und Kellerfunde zu interpretieren (10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr).

Das Haus der Kunst

Das Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, bietet Rundgänge zur Geschichte und Architektur des Hauses an. Dabei werden auch Räume besichtigt, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind. Sie finden um 11 und 12.30 Uhr statt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, um Anmeldung unter archiv@hausderkunst.de wird gebeten.

Archiv des Bayerischen Rundfunks

Auch der Bayerische Rundfunk gewährt Einblicke in seine Archive in der Arnulfstraße 42. Besucht werden können unter anderem das Noten- und Bildarchiv. Ein Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf der Mediendigitalisierung. Die Führungen beginnen alle 30 Minuten im BR-Hochhausfoyer.

Archiv des Erzbistums München und Freising

Im Archiv des Erzbistums München und Freising, Karmeliterstraße 1 (Eingang Pacellistraße), werden die Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber gezeigt, an denen er auch während seiner Amtszeit als Bischof von Speyer und als Erzbischof von München und Freising schrieb. Dazu gibt es laufend Führungen durch die Archivmagazine und einen Bücherflohmarkt.

Mehr Informationen zum Programm gibt es unter www.tagderarchive.de

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