81-Jähriger erdrosselt seine Ehefrau (84)

Demenz-Drama: Der Nachbarin gestand er seinen Mord

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Der Tatort in der Allinger Straße in Lochhausen.

München - Ein tödliches Drama im Hause eines Rentner-Ehepaares schockt die Bewohner der Allinger Straße in Lochhausen. Wir sprachen mit den Nachbarn und Augenzeugen.

Gerade noch hatte sie das Mittagessen gekocht. Da riss das Klingeln um 11.15 Uhr Renate K. (Name geändert) aus ihrer Samstags-Ruhe. Draußen auf den Treppenstufen vor der Haustür stand ihr Nachbar Alfred W. (81). Die Hände blutverschmiert. Mit wirrem Blick fragte er: „Hast du mal frische Kleider für mich?“ Und dann fügte er noch leise hinzu: „Ich habe gerade meine Frau umgebracht.“

Viele der Bewohner in der idyllischen Siedlung am Rande der Felder kennen sich schon ein halbes Leben lang. Zu diesen langjährigen Nachbarn gehörte auch das Ehepaar Lydia (†84) und Alfred W. (81), die seit der Errichtung der Häuser im Jahr 1971 seit nunmehr 45 Jahren in ihrer Doppelhaushälfte lebten. Die Wohnung war bis zuletzt immer picobello, der Garten gepflegt. Doch hinter der Fassade bahnte sich seit längerer Zeit schon ein Drama an.

Nachbarin Anni Balk (86).

Genau gegenüber blüht der Garten von Anni Balk (86). „Ich kenne die Familie seit 45 Jahren“, sagt sie. „Sie lebten sehr zurückgezogen und sind nur selten aus dem Haus gegangen.“ Lange Jahre war Anni Balk mit Alfred und Lydia W. befreundet gewesen – gegenseitig passten sie in Urlaubszeiten auf das Haus des anderen auf. „Wir waren so nett beisammen“, sagt sie. „Als mein Mann vor anderthalb Jahren starb, waren die beiden für mich da.“ Aber sie hatten längst selbst Probleme: „Alfred wurde dement. Er hörte kaum noch etwas. Beide stritten oft. Durch das Fenster drang der Lärm nach draußen.“ Anfang des Jahres sei er in der Klinik gewesen. „Ich fragte Lydia, wie es ihm geht. Da hat sie immer nur abgewunken.“ Beim Straßenfest im Juli sahen ihn die Nachbarn zum letzten Mal. „Er hatte einen über den Durst getrunken und ging früh heim“, sagt Anni Balk.

Am Samstag um 11 Uhr hörten Nachbarn einen schwachen Hilferuf aus dem Haus der W.‘s. Doch dann war wieder Ruhe. Vermutlich war dies der Moment, als Alfred W. seiner Lydia im Wohnzimmer eine Kordel um den Hals schlang und solange zuzog, bis sie sich nicht mehr bewegte. Als die Polizei kam, saß er ganz ruhig in seinem Sessel. „Der Ehemann litt unter Alzheimer. Er war zuletzt pflegebedürftig,“ bestätigte am Sonntag Herbert Linder, stellvertretender Leiter der Münchner Mordkommission. Alfred W.‘s Zustand hatte sich so sehr verschlechtert, dass künftig ein Pflegedienst die Ehefrau unterstützen sollte. Eventuell hätte er in Kürze auch in ein Pflegeheim umziehen müssen, weil seine Frau Lydia mit Haus und Garten und der Pflege des Ehemannes überfordert war. 

Warum die Situation am Samstag eskalierte, ist unklar. Alfred W. erinnert sich nicht, ist meistens orientierungslos. Er wird jetzt in einer psychiatrischen Klinik betreut und wird später vermutlich in ein Pflegeheim umziehen. Einen Mordprozess wird es unter diesen Umständen nicht geben.

Am Tag danach sitzt der Schock noch tief bei den Nachbarn. Traurig sagte Anni Balk: „Unfassbar, dass Lydia durch seine Hand sterben musste. Ich hoffe, sie ist jetzt im Himmel.“

Bilder: Ehefrau (84) getötet - Einsatz in Aubing

Alzheimer und Aggressionen

Mehr als 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an der unheilbaren Gehirnstörung. Patienten verlieren das Gedächtnis, verlernen das Sprechen und erkennen am Ende ihre Angehörigen nicht mehr. Jedes Jahr aufs Neue stellen Ärzte die Diagnose Alzheimer bundesweit 200 000-mal.

Im Krankheitsverlauf kann es auch zu Aggressionen und Gewalttätigkeit kommen. Die Gründe sind unterschiedlich. Wie Wissenschaftler und Ärzte herausgefunden haben, stellt Alzheimer eine extreme Belastung für erkrankte Patienten dar – sie leiden massiv unter der Beeinträchtigung ihres Gehirns und werden nicht selten verbal aggressiv oder treten plötzlich streitlustig auf. Zeitweise werden Demenzkranke auch depressiv und sind frustriert, können ihre enstandenen Defizite nicht so klar erkennen können wie die Pflegenden. Dazu gehört teilweise auch eine lange Phase des Trauerns über den eigenen Zustand, was ebenfalls zu Wutausbrüchen führen kann.

Zu körperlichen Übergriffen kommt es eher selten, dennoch sind auch solche Fälle Ärzten bekannt.

Andreas Thieme, Dorita Plange

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