IT-Unternehmen

Münchner Firma setzt auf autistische Mitarbeiter

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Herr Hofer, einer der autistischen Mitarbeiter der Münchner IT-Firma auticon.

München - Menschen mit Autismus scheitern oft an Aufgaben, die für andere selbstverständlich erscheinen. Sind aber häufig einseitig begabt. Eine Münchner Firma macht sich das nun zunutze.

Christian Schmidt (Name von der Redaktion. geändert) kann sich in Großraumbüros nicht konzentrieren. Die Lautstärke stört ihn. Schmidt, 36, trägt die Haare kurz und eine Brille, die seine Augen größer wirken lässt.

Seit er mit seinem Studium fertig ist, hat er als IT-Spezialist in zehn verschiedenen Firmen gearbeitet. Ein Jahr lang war er arbeitslos. Christian Schmidt ist hervorragend ausgebildet, er ist studierter Physiker. Und Autist.

Seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, nicht alle Menschen in seinem Umfeld wissen von seiner Diagnose. Seit kurzem hat er wieder einen Job, bei einer Firma in München.

Auticon ist ein IT-Beratungs-Unternehmen, zu ihren Kunden zählen Siemens und die Allianz. Die Firma stellt nur Berater mit einer autistischen Störung ein. Sie nutzen deren Potential. Ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Schmidt war verzweifelt - dann kam die Diagnose

Schmidt hat lange nicht verstanden, warum ihn die Hektik in Großraumbüros nicht arbeiten ließ. Scheinbar alltägliche Situationen wie das ständige Läuten der Telefone waren für ihn schwer zu ertragen. Auf Dauer hielt er das nicht aus. Im Herbst des vergangenen Jahres stellte ein Psychiater die richtige Diagnose – das Asperger-Syndrom, eine autistische Störung.

Menschen mit Asperger-Syndrom nehmen die Welt anders wahr, als Menschen ohne Autismus. Oft fällt es ihnen leichter, mit Zahlen umzugehen, als mit Menschen zu kommunizieren. „Die Gesetze der Physik sind unumstößlich. Bei Menschen ist alles unscharf“, sagt Schmidt.

Blickkontakt zu halten fällt Autisten oft schwer. Christian Schmidt hat es sich mühsam antrainiert. Dafür kennt er sich in bestimmten Themengebieten unvorstellbar gut aus.

Schmidt: "Ich weiß oft nicht, ob ich sauer, wütend oder traurig bin“

Sogenannte „Spezialinteressen“ haben viele Menschen mit Asperger-Syndrom. Schmidts ist die Astronomie. Trotzdem hat er sich nach seinem Physik-Studium entschieden, Programmierer zu werden. Im IT-Bereich können Menschen mit Asperger-Syndrom ihre Stärken oft gezielt einsetzen. Sie sind detailgenau, bemerken Fehler, die anderen nicht auffallen. Trotzdem finden viele keine Arbeit. Sie können die Stimmung anderer Menschen schlecht einschätzen, auch ihre eigenen Gefühle nehmen sie oft nicht wahr. „Ich weiß oft nicht, ob ich sauer, wütend oder traurig bin“, sagt Schmidt mit leiser Stimme.

Bei der Arbeit führt das häufig zu Problemen mit Kollegen. Viele Autisten brauchen einen geregelten Alltag. Die Firma auticon möchte möglichst viele Autisten in den Arbeitsmarkt integrieren. „Wir sind ein wirtschaftliches Unternehmen, dass gewinnorientiert arbeitet, um nachhaltig unsere Vision umzusetzen und einen gesellschaftlich wichtigen Beitrag zu leisten“, sagt Dieter Hahn, Niederlassungsleiter bei auticon in München.

Die Mitarbeiter sind gut darin, Codes nach Unstimmigkeiten zu durchforsten, neue Software zu entwickeln und Programme zu schreiben. Aber sie können sich, wie Christian Schmidt, oft nicht gut mitteilen. Deswegen wird ihnen bei auticon ein Job-Coach zur Seite gestellt. Die bereiten die Unternehmen auf die ungewöhnlichen Mitarbeiter vor. Sie informieren über Autismus und sind Ansprechpartner für die Consultants. Wenn die sich zum Beispiel von flackerndem Licht gestört fühlen, oder nicht mit in die Kantine kommen möchten, können sie sich an die Job-Coaches wenden. „Man kann sich das als eine Art Übersetzer vorstellen“, sagt Annette Grimm, Job-Coach in München.

Job-Coaches sollen den Arbeitsalltag erleichtern

Auch für Christian Schmidt bedeuten die Job-Coaches eine Erleichterung. Sie unterstützen, helfen auch dabei, Termine und Aufgaben zu koordinieren. Für Schmidts Kollegen Hofer, 43, sind die Job-Coaches ebenfalls eine große Stütze. Er kann sich zum Besipiel per SMS krank melden. Telefonieren fällt ihm schwer.

Für auticon sind Menschen wie Schmidt und Hofer ein Glücksgriff, nur etwa 15 Prozent der Menschen mit Asperger-Sydrom eignen sich als Berater und Programmierer. „Auticon ist ein soziales Unternehmen“, sagt Niederlassungsleiter Hahn. Das lohnt sich. Seit vergangenem Quartal macht das Unternehmen Profit.

Schmidt geht gerne in die Berge, wandern, Ski fahren, klettern. Die Touren plant er peinlich genau. Diese Präzision macht ihn zu einem idealen Programmierer. Er mag, wie er denkt, sagt er. Seine sozialen Fähigkeiten würde er aber gerne eintauschen.

Valerie Höhne

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