Bei Altersvorsorge über Tisch gezogen

100.000 Euro weg! 63-Jährige klagt Bank an: "Habe blind vertraut!"

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Totalverlust statt sicherer Geldanlage: Brigitte Koch präsentiert vor der Zentrale der HypoVereinsbank die Unterlagen des Schiffsfonds.

München - Ihrer Bank auf den Leim gegangen ist eine Kundin, die eine Altersvorsorge abschließen wollte. So verlor sie 100.000 Euro. Nun klagt sie die Bank an.

Es ist noch nicht allzu lang her, dass die tz über eine 82-jährige Seniorin berichtete, der von ihrer Bank eine für sie unsinnige Lebensversicherung angedreht wurde. Nun ist der Dame der Zugriff auf ihr Vermögen von 100.000 Euro blockiert. Auf den Artikel hin meldeten sich viele Betroffene, von denen die Banken auch nur ihr Bestes wollten - ihr Geld. Eine von ihnen schildert uns ihren Fall ausführlich.

100.000 Euro für Altersvorsorge weg

Brigitte Koch wollte finanzielle Sicherheit. "Dass ich auch im Alter so leben kann, wie jetzt." Jetzt ist ihr Geld weg, "und ich traue mir nicht, mir anzuschauen, was ich mit 65 habe". Übernächstes Jahr ist die Münchnerin so alt, und die 100.000 Euro, die ihre Rente ergänzen sollten, sind weg. Endgültig. Weil sie, wie sie sagt, ihrer Bankberaterin blind vertraut hat.

Vor knapp 15 Jahren hat sich Brigitte Koch, die in Wirklichkeit nicht so heißt, von ihrem Mann getrennt. Im Rahmen der Scheidung bekam sie Unterhaltszahlungen garantiert, die im Jahr 2018 enden. Bis dahin wollte die Münchnerin ihr Geld anlegen. "Ich wollte keine Reichtümer, ich wollte Sicherheit." Sie habe immer betont, dass sie nicht risikobereit sei. Beweise für ihre Aussage gibt es nicht, Beratungsprotokolle waren damals nicht vorgeschrieben.

Zur HypoVereinsbank war sie gegangen, weil sie seit ihrem 15. Lebensjahr dort treue Kundin ist. "Ich war nie bei einer anderen Bank." Der Finanzexpertin erzählte Brigitte Koch viel, schüttete ihr Herz aus. "Sie hat mein Vertrauen erschlichen", sagt sie rückblickend. Die Gespräche hätten immer in einer sehr persönlichen Atmosphäre stattgefunden. Die Bankerin wusste bald alles über die Scheidung, ihr Befinden, und vor allem: Sie kannte ihre finanzielle Situation ganz genau.

"Brav rechts unten unterschrieben"

Bei den Beratungen sei es 90 Minuten lang um Privates gegangen, ein paar Minuten um Geschäftliches. "Ich habe nicht mehr alles gelesen", gesteht Brigitte Koch, "ich habe halt brav rechts unten unterschrieben." Zwischen 2004 und 2008 hatte sie für einen Schiffsfonds, einen geschlossenen Immobilienfonds und für eine amerikanische Lebensversicherung gezeichnet. 40.000 Euro plus 40.000 Euro plus 20.000 Euro. Ihr Sparbuch habe sie für die Anlagen aufgelöst.

Stets habe die Beraterin der HypoVereinsbank betont, dass das Vermögen vorhanden sei. "Das hat sie handschriftlich auf den Kontoauszug geschrieben." Brigitte Koch schüttelt heute den Kopf darüber, wie leichtgläubig sie war. Sollte sie vor dem eigentlichen Ablauf der Anlage mal was brauchen, so die Beruhigung, könne sie ihre Beteiligungen problemlos verkaufen.

Auch für ihre betagte Mutter, deren Finanzen sie verwalte, habe sie solch eine Anlage getätigt, erzählte ihr die Beraterin. Brigitte Koch glaubte ihr. Dabei war von ihrem Geld so gut wie nichts mehr da: Der Schiffsfonds wird nicht mehr gehandelt, die Lebensversicherung gebe es gar nicht mehr und im Immobilienfonds seien noch vier bis sechs Prozent der ursprünglichen Summe. "Der erholt sich derzeit sogar ein wenig", meint Brigitte Koch und lächelt gequält.

Bei Rentenversicherung für Enkel fällt der Groschen

Dann verkaufte die Beraterin ihr eine Rentenversicherung für Brigitte Kochs Enkel. Und da fiel bei ihr - bildlich gesehen - der Groschen. Sie las den Vertrag genau durch und stellte fest, dass der Bub, der heute neun Jahre alt ist, erst mit 63 Jahren Geld bekommen hätte. Dieser Vertrag wurde rückabgewickelt, für ihre drei Anlagen war es dagegen zu spät.

Brigitte Koch entschloss sich, zu klagen und beauftragte eine renommierte Münchner Kanzlei. Den Vergleichsvorschlag in der ersten Verhandlung lehnt Brigitte Koch ab. "In der zweiten Verhandlung wurde nur geprüft, ob ich richtig gehandelt habe", erzählt sie. Die Anwälte der Bank hätten behauptet, dass bei der Beratung alles korrekt abgelaufen sei, die Beraterin habe ausgesagt, dass das Risiko bekannt war und es Brigitte Koch nur um die Aussicht auf hohe Rendite gegangen sei. Sie konnte das Gegenteil nicht beweisen.

"Wie eine Watschn"

Der Richter habe ihr klargemacht, dass sie in der nächsten Instanz mit bis zu 40.000 Euro Kosten rechnen müsse. Ohne Rechtsschutzversicherung ein unkalkulierbares Risiko für Brigitte Koch. Sie unterschrieb den unwiderruflichen Vergleich. Die 12.000 Euro, die sie zugesprochen bekam, gingen fürs Anwaltshonorar drauf. Fast so schlimm wie der finanzielle Verlust wiege aber die menschliche Enttäuschung. "Für mich ist das Ganze wie eine Watschn", sagt Brigitte Koch rückblickend. "Ich habe ihr immer vertraut." Sogar ihren 55. Geburtstag hätten sie zusammen gefeiert.

Die Pressestelle der HypoVereinsbank beantwortete eine Anfrage der tz und eine Bitte um eine Stellungnahme mit dem Standardsatz "Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir uns aufgrund des Bankgeheimnisses zu einzelnen Kunden nicht äußern können und werden."

Seien Sie ein aktiver Verbraucher

Finanzexpertin Susanne Götz.

Wie kann man sich bei Geldanlagen gegen unseriöse Beratung schützen und sein Vermögen sichern? Im Gespräch mit der tz rät Susanne Götz, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Bayern, bei der Beratung durch die Bank kritisch zu sein: "Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen, genieren Sie sich nicht. Seien Sie ein aktiver Verbraucher!" Zu dem Termin sollte man eine unabhängige Person mitnehmen - diese sei wichtig als möglicher Zeuge, zudem müssten die Bankberater dann sachlicher argumentieren.

Die Frage, warum die Bank einem gerade dieses Produkt verkaufen wolle, sollte stets gestellt werden. Und man solle sich klar machen, dass es bei der Beratung "immer um das Wohl der Bank geht und nicht um das Wohl des Kunden. Die Bank möchte ein gutes Geschäft machen." Je riskanter dies für den Kunden ist, desto lukrativer ist es für das Geldinstitut. Auf keinen Fall dürfe man sich unter Zeitdruck setzen lassen, rät Susanne Götz. Sie empfiehlt, nichts zu unterschreiben und alle Unterlagen mit nach Hause zu nehmen, um sie in Ruhe durchzulesen.

Widerrufsrecht bei Versicherungen

Bei Versicherungen haben Kunden ein 30-tägiges Widerrufsrecht. Niemals solle man auf dieses Recht verzichten, empfiehlt die Expertin. Bei Fonds sei dagegen kein Widerruf möglich. Vom Gericht sei wenig Hilfe zu erwarten, hier werde in der Regel auf die Selbstverantwortung der Kunden verwiesen. Habe man ein ungutes Gefühl bei einer Geldanlage, sollte man so schnell wie möglich aktiv werden. Auch wenn der Vertrag schon unterschrieben sei, könne man vielleicht noch mit der Bank etwas aushandeln, sagt Susanne Götz. "Nehmen Sie Hilfe an, lassen Sie sich beraten!"

Die Verbraucherzentrale Bayern bietet persönliche Beratungen gegen eine Gebühr an, pro halbe Stunde muss man mit rund 30 Euro rechnen (Anmeldung unter www.verbraucherzentrale-bayern.de oder Tel. 089/552 79 41 31).

Volker Pfau

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