LKA in Mailingerstraße feiert 70 Jahre - mit Ihnen

Online-Verbrechen der Zukunft sind näher als Sie denken

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Bernhard Egger, Chef der Cybercrime-Spezialisten im LKA.

München - An diesem Samstag (11. Juni) dürfen Interessierte das Bayerische Landeskriminalamt in der Maillingerstraße 15 besichtigen. Anlass ist das 70-jährige Bestehen der Behörde. Was Ihnen dieser Spezialist über Kriminalität im Internet sagt, wird Sie aufhorchen lassen.

Würden Sie sich eine neue Haustür einbauen lassen, von der Sie nicht wissen, wer alles die Schlüssel dazu hat? Würden Sie einem Techniker vertrauen, der nichts weiß über Sicherheits-Updates für Ihre neue Heizungssteuerung? Ist es Ihnen egal, ob Hacker demnächst Ihr neues Auto stilllegen? Oder Einbrecher sich selbst Ihr App-gesteuertes Garagentor öffnen? Die Verbrechen der Zukunft sind nahe – viel näher, als die meisten ahnen. Schon jetzt bestimmt das Internet mit all seinen Segnungen unseren Lebensstil. Vor lauter Begeisterung über die schier grenzenlosen Möglichkeiten jedoch bleibt bei vielen das Bewusstsein für gravierende Sicherheitslücken auf der Strecke.

Im Bayerischen Landeskriminalamt sitzt ein Kriminaler, der mit seinem Team von Cybercrime-Spezialisten weit voraus in die Zukunft schaut.

Sein Name: Bernhard Egger, Leitender Kriminaldirektor.

Seine Aufgabe: Kriminelle Szenarien zu erkennen, die jetzt noch Utopie, in naher Zukunft aber bereits bittere Realität werden könnten.

Im ständigen, weltweiten Austausch untereinander sehen diese Spezialisten ihre Chance, künftige Gefahren vorauszusehen und vorzubeugen. Ein Thema, das Bernhard Egger am Herzen liegt, ist das sogenannte Internet der Dinge. „Weil es im Prinzip jeden betrifft und damit auch Kriminellen immer neue Möglichkeiten eröffnet.“ Anstelle des Computers als Homebase für alle privaten Internet-Aktivitäten hat längst eine Flut intelligenter Alltagsgeräte das Kommando übernommen – „allen voran die Smartphones samt Hunderttausender Apps für wirklich alle Lebensbereiche.“

Von der Einbruchskamera bis zur Beleuchtung, vom Fitnessarmband zur Applewatch, die Fernseher sowieso und jetzt auch die neue Auto-Generation – alles ist irgendwie mit allem verbunden und alles kommuniziert über Funknetze und über das Internet. Selbst Alltagsgeräte wie die gute alte Kaffeemaschine, der Wäschetrockner und die neue Kühlschrank-Generation kommt neuerdings mit eingebautem WLAN für die schnelle und kabellose Datenübertragung auf den Markt. In Kombination mit dem Handy ist alles vom Sofa oder vom Strand aus bedien- und überwachbar. Und da ist sie, die schleichende Gefahr. Früher haben Hacker die Software wie PIN, Adressbücher, Konto- und Kreditkarten und sensible Firmendaten geklaut. „Jetzt ist die Hardware dran.“

Die junge Generation der Autodiebe kommt nicht mehr mit Brecheisen und Schraubenzieher. Die macht gerade vor, wie die Daten des im Hausflur hängenden Autoschlüssels durch die geschlossene Haustür angepeilt, kopiert und in Sekundenschnelle auf den draußen stehenden SUV übertragen werden – und schon rollt er lautlos vom Hof, der Stolz des Familienvaters. Mit einem ähnlichen Trick können Autodiebe das Funksignal des Schließsystems unterbrechen. Der Besitzer denkt, er hat sein Auto abgeschlossen. Tatsächlich bleibt es offen. Und das alles ist erst der Anfang. Ein Nachteil des WLAN nämlich ist es, dass es in der Regel weit über den Gartenzaun hinaus empfangbar und damit angreifbar ist. Bestimmte Antennen erlauben Angriffe auf bis zu drei Kilometern. Da kann sich der Täter sicher fühlen.

Technikern ist es nach einem Bericht des Centers for Automotive Embedded Systems Security (CAESS) gelungen, die Kontrolle über Autotüren und Wegfahrsperre zu erlangen und die Bremsen zu deaktivieren. Das könnte Menschenleben kosten. In möglichen Szenarien, wie die Zukunft des vollautomatisierten Fahrens missbraucht werden könnte, eskaliert das Gefahrenpotential noch. Fahrzeuge selbst könnten als Waffe benutzt werden. Sie könnten ohne Fahrer Sprengstoff transportieren. Vorstellbar ist auch, dass die Insassen samt Auto entführt und sonst wohin gefahren werden. Bereits jetzt rächt sich, dass Konzerne und Unternehmen längst noch nicht genug getan haben für die Absicherung der kabellosen Netzwerke. Darin sehen Experten wie Egger auch eine Gefahr für künftige Erpressungsversuche im großen Stil: „Es ist vorstellbar, dass Ihr Auto eines Morgens plötzlich nicht mehr anspringt. Stattdessen könnte ein Schriftzug auf dem Navi-Display erscheinen, der Sie auffordert, eine gewisse Summe in der virtuellen Währung Bitcoin zur Freischaltung zu überweisen.“

Ähnliche Szenarien kann man sich in allen nur erdenklichen Alltagssituationen vorstellen, wenn z.B. jemand die Heizung auf 40 Grad hochfährt, Fernseher, Stereoanlage, Wasserversorgung oder Alarmanlage kapert. Und was dann? Für alle Konsumenten gilt: Besser ist es, vor dem Einbau all dieser technischen Verlockungen immer auch die Risiken abzuwägen und sich wirklich kritisch zu informieren. Vielfach wird nämlich gerade die Sicherheit zugunsten einer scheinbaren Wirtschaftlichkeit vernachlässigt. Eine Herausforderung der Zukunft für Hersteller und Kunden, die sich manchmal allzu blauäugig von der Bequemlichkeit locken lassen und sich damit in unkalkulierbare Abhängigkeiten begeben.

Schon jetzt sind beispielsweise einige Autohersteller rein technisch längst in der Lage, ein Fahrzeug zu orten und stillzulegen – wenn der Wagen z.B. gestohlen oder die Leasingrate nicht bezahlt wurde. „Diese rasante Entwicklung ist nicht aufzuhalten, aber wir sollten aufmerksam und kritisch damit umgehen und zumindest versuchen zu verstehen, wie unser Fortschritt funktioniert und welche Risiken wir eingehen.“ Die absolute Sicherheit gibt’s nun mal nicht. „Außer vielleicht, man kappt alle WLAN-Verbindungen, wirft sein Smartphone weg und steigt auf VW Käfer um“, sagt Egger. Aber das ist es ja irgendwie auch nicht.

Der Tag der offenen Tür im Landeskriminalamt in der Maillingerstraße 15 in Neuhausen findet am 11. Juni von 10 bis 20 Uhr statt.

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Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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